Yo La Tengo – Zakk Düsseldorf, 22.11.09

von am 29. November 2009

in Feierlichkeiten

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Prolog:

Das ewige Problem mit dem nervigen Publikum: Ausdruckstanzwütige, mehr als müffelnde Hippie-Tanzgruppen und dauerquasselnde Schicki-Micki-Schnecken – allen voran das widerliche Pärchen im vorderen Mittelfeld, das gleich mehrere Male von unterschiedlichen Leuten mit einem „Haltet die Fresse“ bedacht wurde und jedes Mal eine lallende Diskussion vom Zaun brach. Gerade bei einer Band wie Yo La Tengo kann das zur zweistündigen Tortur werden, da sich in ihren Sets gewohnheitsgemäß sehr laute mit sehr leisen Songs abwechseln. Vor dem eigentlichen Konzertreview gibt es daher einen Eimer Hass für besagte Leute, verbunden mit dem Wunsch, dass auf eurer Hochzeit – kurz bevor ihr euch das Ja-Wort gebt – eine angetrunkene Kopie von euch selbst vorm Altar sitzt und das ganze Szenario unwiederbringlich kaputtmacht. Hey, ist nur fair! BITCH!

Nun versuchen wir, die obigen Subjekte zu vergessen und widmen uns den fantastischen Yo La Tengo aus Hoboken, die gottseidank an diesem Abend ein eher lauteres Set spielen. Den Anfang machen „Avalon“ und „More Stars Than There Are In Heaven“ vom aktuellen Album „Popular Songs“. Letzteres erwies sich auf der aktuellen Tour bereits durch seinen Spannungsaufbau als grandioser Postrock-artiger als mitreißend brodelnder Vulkan, der langsam aber sicher seinem finalen Ausbruch entgegenlärmt. Ansonsten gibt überraschend viele Indiepophits an diesem Abend, die sich mit den langen Noisenummern abwechseln. Sehr schön, und länger nicht mehr gehört: „Nutricia“, gefolgt von „Today Is The Day“ und einem wunderbaren „Flying Lesson“, bei dem Ira Kaplan eine seine ausgiebigen Feedback-Orgien hinlegt. Anschließend der Jazzpop-Block: „Beanbag Chair“, „If It’s True“ und später schließlich „Periodically Double Or Triple“, das als neues Stück und mit Kaplan an der Orgel einen absolut launig-psychedelischen Live-Hammer abgibt. Sehr schön dazu auch die stimmungsvolle Lavalampen-Beamer-Atmosphäre. Nach einer akustischen Version von „From A Motel 6“ geht’s langsam ins Finale: Das Kinks-Cover „Who’ll Be The Next In Line“, das John-Cale-artige „Black Flower“ als Zuschauerwunsch und nach mehrfachen Zurufen tatsächlich eine grandiose Version von Sun Ras „Nuclear War“. Insgesamt also ein relativ Jazz- und Indiepop-lastiges Set mit alten Bekannten und sehr guten, bis fantastischen neuen Songs. Zum letzten Album „Popular Songs“ fragte sich jüngst ein Musikredakteur in seinem Review, warum Yo La Tengo, obwohl ähnlich lange am Start und musikalisch ähnlich sozialisiert, nicht den gleichen Status wie Sonic Youth genössen. Die Antwort ist so einfach wie einleuchtend: Sonic Youths Lärmorgien folgten stets einem künstlerischen Anspruch, der eindeutig Coolnessorientiert war. Georgia Hubley, James McNew und Ira Kaplan holen den Hörer stets wieder ab, nachdem sie minutenlang in Feedbackimprovisationen stehen gelassen wurden. Superstardom wird eher durch Unerreichbarkeit und Selbstinszenierung erreicht als durch Publikumsnähe und ‚Normalität‘. Sonic Youth sind der immer noch denkende kühle Kopf, Yo La Tengo das immer noch schlagende Herz einer Indierockbewegung, die in den Achtzigern enstand und heutzutage wichtiger denn je erscheint. Chapeau, Yo La Tengo! Und alles Gute zum 25-jährigen!

Foto: myspace.com/yolatengo

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