Yann Martel – Schiffbruch mit Tiger

von Sterereo am 15. August 2006

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„Eine Geschichte die Sie an Gott glauben lässt“ – so steht es auf dem Klappentext dieses Romans. Und? Nun ja, es bringt einen zumindest ins Grübeln.

Piscine Molitor Patel ist ein indischer Junge, der nach einem Schwimmbad in Paris benannt wurde und der Held dieses Buches (Englischer Titel: „Life of Pi“) ist. Dabei kann sein Vater, ein Zoodirektor im winzigen französischen Teil Indiens, nicht einmal schwimmen. Piscine ist mit seinem Namen allerdings aus einem anderen Grund eher unzufrieden, denn es reimt sich zu sehr mit dem englischen Slang-Wort für „urinieren“. Einfacher und einprägsamer soll sein Name sein, was liegt da näher als den griechischen Buchstaben, der nebenbei noch die Kreiszahl bezeichnet zu bemühen: Pi.

Pi ist durch und durch ein seltsamer und religiöser Junge. Dies kommt zusammen, wenn ihm sein indischer Hinduismus nicht mehr ausreicht. Neben Vishnu werden kurzerhand auch Jesus und Allah angebetet. Im ersten Teil des Buchs werden interessante Brücken zwischen Religion und Biologie geschlagen. Tiere kennt Pi nämlich schon seit seiner jüngsten Kindheit, lebt die Familie doch in einem Zoo.

Im Hauptteil des Buches gerät Pis Welt aus den Fugen. Wie der Titel schon andeutet, verläuft die Überfahrt der Familie nicht so reibungslos, wie es sich alle gewünscht hätten. Außerdem holt sich Pi noch ganz besondere Gesellschaft ins Rettungsboot. Auch hier hilft ein Blick auf den Titel. Obendrein finden sich im selbigen Boot noch ein schwer verletztes Zebra, ein Orang Utan, und zu allem Überfluss noch eine hungrige Hyäne. Dieser Zirkus reduziert sich schon allzu bald auf die Tiger-Teenager-Essenz. Doch Pi sieht keinen Grund sich in sein Schicksal zu ergeben und passt sich in einem Eiltempo an die neuen Gegebenheiten an, dass selbst Charles Darwin schwindelig geworden wäre. Irgendwann geschehen Dinge auf hoher See, die der Leser nicht mehr so leicht hinnehmen möchte und ihn eventuell sogar dazu treibt das Buch frustriert wegzulegen. Tiger im Rettungsboot, okay. Aber eine Insel mit lauter Erdmännchen und fleischfressenden Algen, die Pi vorm verhungern retten? An so etwas kann ich nicht glauben, so schön es auch für den Jungen ist.

Doch geht es nicht genau darum in diesem Buch? Woran man glauben möchte? Dazu bemühe ich mal einen Ausschnitt früher im Buch. Dort geht es sinngemäß um einen sterbenden Atheisten. Wäre es nicht schöner, wenn dieser im Sterbebett sagen könnte: „Licht – Gnade – Gott! So schön!“ anstatt „Oh! E-e-eine Halluzination ausgelöst durch zu wenig Sauerstoff im Gehirn.“?

Yann Martel sagt ja und auch die Jury des bedeutensten britischen Literaturpreises, dem Booker Prize, sah es 2002 genauso. Also worauf wartet ihr noch? Lest mal wieder einen Roman mit Aussage.

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