Woog Riots – Interview

von Sterereo am 27. Oktober 2008

in Interviews

Post image for Woog Riots – Interview

Spannend, wenn so was in Deutschland passiert. Nein, nicht schon wieder irgendein dummes Sportereignis. Die Rede ist von diskotauglichem Anti-Pop, der neuerdings neckisch fiebt und witzig-ironische Textschmunzler für den Nachhauseweg ins Ohr pflanzt. Benannt nach einem Badesee sitzen die beiden „Woog Riots“, Silvana Battisti und Marc Herbert, entspannt wie auf einem Handtuch im schattigen Backstage-Bereich des Blue Shell. Ohne Limonade.

Ihr tapeziert eure Songs gerne mit deftigen Slogans. Würdet ihr euch als politische Band sehen?

Silvana: Nee. Vielleicht im weitesten Sinne. Wir haben Themen, die uns interessieren und über die wir uns ärgern. Aber im Vordergrund steht die Tanzbarkeit der Songs. Wenn da noch ein Inhalt dazu kommt – umso besser.

Marc: Slogans finden wir schon wichtig. Der Refrain muss etwas griffiges haben. Wenn uns da einer über den Weg läuft, nehmen wir den natürlich gern mit. (grinst)

Gerne schön bissig und ironisch, ich denke da an den Refrain zu „Paul McCartney“ wo ihr ruft: „Don’t love your contry“…

Silvana: Ja, genau.

Marc: Dort ist es ganz deutlich, klar.

… mit dem Blick auf diesen welt- und europameisterlichen Fahnenwirbel?

Silvana: Wir hatten dazu selbst einen Song: „Football Around the Clock“. Mein persönliches Ding ist, mein Vater ist Betreuer der deutschen Fußballnationalmannschaft, obwohl er Italiener ist. Wir sind einfach totale Fußballfans und finden das man Leistungen der Mannschaften schätzen muss. Aber diese Kriegsbemalung und Fähnchen finde ich fürchterlich. Ich bin selber großer SV Darmstadt 98-Fan und von – das darf ich jetzt nicht zu laut sagen – Juventus Turin.

Als Italiener Betreuer der deutschen Mannschaft, das gab doch böses Blut nach dem Halbfinale.

Silvana: Wir beide waren sogar im Stadion, bei dem Spiel. Dadurch dass er so lange mit der Mannschaft arbeitet, schlägt sein Herz für die Deutschen. Nach dem Ausscheiden war er natürlich traurig, aber beim Endspiel war die Welt dann wieder in Ordnung. (lacht)

Marc: Er wurde aber tatsächlich auf der Tribüne von irgendwelchen VIPs angemacht, wieso er jetzt ein Italien-Trikot trägt. Da haben wir wieder diesen falschen Nationalismus.

Also wenn die Fähnchen ans Auto kommen …

Silvana: … sind wir genervt. Der Song „Paul McCartney“ ist während der WM entstanden. Das schlimmste war das Public Viewing mit Leuten, die wir eigentlich cool fanden, die dann bei der Hymne aufgestanden sind und die Hand aufs Herz gelegt haben. Das hat uns schockiert.

Marc: In dem Song geht es eben um diesen Nationalstolz, den wir so übertrieben finden. Viele meinen, dass wir dieses „Don’t love your country“ dem Paul empfehlen, aber eigentlich meinten wir, dass auf die vielen Leute gemünzt, die sich Sachen aus anderen Ländern aneignen. Wir hatten nämlich gehört, dass „Yesterday“ eigentlich aus Neapel stammt. Der Vorzeige-Engländer – Sir Paul McCartney – hat sich dort bedient und jetzt wird es in England als das größte Kulturerzeugnis überhaupt behandelt. Aber wir sagen: Paul, das ist ok.

Silvana: „You’re not a thief, you’re a modern man” – das war die Aussage. Es ist in Ordnung wenn man kulturübergreifend arbeitet. Wir wollten da einen Gegensatz krieren. Das wurde bisher leider noch nicht so häufig hinterblickt…

Marc: Wohl zu absurd.

Silvana: Und wir haben gedacht, es wäre völlig klar. (beide lachen)

Er selbst erzählt gerne, der Song sei ihm im Traum erschienen.

Silvana: Kann doch gut sein. In Träumen funktioniert alles im Unterbewusstsein.

Zum Teil seid ihr ziehmlich eindeutig und sprecht Themen in euren Songs direkt an. Wie seht ihr das in der Musikbranche, wäre da ein Rundumschlag Marke Reich-Ranicki mal angesagt?

Silvana: Wir fanden den Auftritt von Marcel Reich-Ranicki super. Deswegen haben wir uns extra die (spricht bedächtig die bösen Worte aus) „Bild-Zeitung“ gekauft, weil es uns so brennen interessiert hat. Auf Tour kriegt man leider nicht alles so einfach mit. Ich glaube, es fehlen auch im Musik-Bereich klare Worte. So etwas ist immer ganz gefährlich, schnell denken die Leute man macht so „Agit-Pop“ und rufen: „Bäh, ist ja ekelhaft“. Die Generation momentan ist leider nicht so politisch. Es ist schon schwer die Leute dazu zu bringen, zu Konzerten zu gehen, geschweige denn sich zu positionieren. Uns persöhnlich ist erstmal die Musik wichtig und der „flow“ der Worte. Wenn wir damit noch Aussagen mit verbinden können – umso besser.

Andere interessiert das wenig. Die schreiben den zehnten Love-Song.

Marc: Das finden wir langweilig.

Ist das diese Anti-Folk Mentalität? Textlich die Sache etwas auf die Spitze treiben?

Silvana: Jein. Bei Anti-Folk schätzen wir vor allem das Netzwerk und die Art und Weise, wie miteinander umgegangen wird. Natürlich ein Jeffrey Lewis, der 1000 Worte in einen Song packt, das ist toll. Dabei sehen wir uns stilistisch woanders, nicht so nah der New Yorker Anti-Folk-Szene. Aber wie dort live gespielt wird, wie mit dem Publikum umgegangen wird, das finden wir ziehmlich gut.

Marc: Dieses ironische von Adam Green haben wir versucht auf unserer ersten Platte (Anm.: „Strangelove TV“) zu verarbeiten. Einfach etwas absurdes Zeug aneinandergereiht. Wir sind froh, dass wir da jetzt deutlicher geworden sind bei der Zweiten (Anm.: „PASP“).

Du sprichst es an. Euer Adam Green-Cover von „Friends of Mine“ war witziger Weise ein voller Erfolg. Wie kam’s dazu?

Silvana: Zufall. Marc hat sich einen Hard-Disk-Recorder gekauft und unsere damalige Bandkonstellation von 5 Leuten war festgefahren. Dann haben wir beide uns gemeinsam hingesetzt, um nur einmal schnell etwas aufnehmen. Da wir beide die Moldypeaches und auch das erste Adam Green Album mochten, haben wir halt gedacht, nehmen wir „Friends of Mine“. Dazu habe ich noch die Säge geschwungen und dann dachten wir: „Das klingt ja richtig gut“. Zu unserer Single „King of Pop“ haben wir es als B-Seite genommen. Das kam gut an. Wir haben es dann auch Adam Green geschenkt. Prompt kam eine Antwort zurück, wo er mich nach äfft, wie ich darauf singe. Hat ihm anscheinend gut gefallen.

Marc: Dazu muss ich noch sagen, dass wir nach der Single „King of Pop“ unser neues Album mit „Queen of Pop“ eröffnen.

Richtig, ihr tretet für Gleichberechtigung ein. Bei „Art Museum“ geht ihr sehr kritisch darauf ein. Hast du, Silvana, von irgendwelchem Sexismus schon was zu spühren bekommen?

Silvana: Naja, ich bin nicht so das typische Mädel, das sich von irgendwem beeindrucken lässt. Da ist es eher so, wenn du Künstlerin, Musikerin oder Malerin bist und Kinder hast, dass die Leute es seltsam finden, dass du weiter deinen Beruf ausübst. Aber Sexismus an sich, zumindest nicht bei mir.

Dazu fällt mir mein Interview mit Laura von den Blood Red Shoes ein. Die scheint schon eher schlechte Erfahrungen gemacht zu haben.

Silvana: Wenn die Jungs anfangen dumme Witze zu reißen, muss man sich wehren. Wenn du aber couragiert vorgehst, dann sagen die Jungs: „Is’ ok“. Oder es sind totale Dumpfbacken, dann ist es auch egal.

Marc: Richtig. Aber zu dem Song „Art Museum“. Wir waren bei einer Ausstellung mit dem Namen „Summer of Love“ und da gab es einen Vortrag von Klaus Walter, Radio DJ von hr3. Der ist sehr darauf abgehoben, dass auf den Bildern aus der Hippie-Zeit vor allem nackte Frauen zu sehen sind. Er hatte die These, dass aus dieser Richtung eine ganze Menge Sexismus kam und die Männer auch damals schon ganzschöne Machos waren. Das war interessant. Die Ausstellung hatte aber auch einen sehr schlechten Teil, denn obwohl es um Sex, Drogen und Freiheit ging, ist das ganze Personal mit Uniform herumgelaufen und tierisch aufpasste, dass niemand etwas anfasst. Das war schon schlimm zu sehen, dass diese ganze Bewegung die von Befreiung handelt in so einem Museum endet in dem dann alles verboten ist.

Auftritte zum anfassen, dass wollen dagegen die Darmstädter. Deshalb muss das Publikum kunzerhand mitschuften. Ausgestattet mit elektronischen Spielzeugen bricht zum großen Konzert-Finale das Getöse los. Sympathisch verrückt, diese „Woog Riots“, deren Leistung für das Vaterland ohne Kriegsbemalung gewürdigt werden darf.

Share Button

{ 0 Kommentare… add one now }

Previous post:

Next post: