Wladimir Kaminer – Ringlokschuppen Bielefeld, 16.01.09

von Hififi am 22. Januar 2009

in Feierlichkeiten

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Wladimir Kaminer ist ein Grenzgänger zwischen zwei Welten. Seitdem er 1990 nach Berlin übersiedelte, beschäftigen ihn die Unterschiede zwischen seiner Herkunft Russland (bzw. der Sowjetunion) und die seiner „neuen“ Heimat Deutschland. Dass in Berlin noch einmal alles anders läuft, wird ebenfalls gerne berücksichtigt. Dabei erzählt er immer wieder aus der eigenen Perspektive, wie also gewisse Umstände, oder eben halt die kulturellen Unterschiede auf ihn wirken. Verallgemeinernd wird er nur selten und dann auch nur, um mit seinem Publikum zu spielen, zu kokettieren, jeden zwingen wollend ebenfalls ein wenig Stellung zu beziehen. Da er das sehr geschickt anstellt, merkt man das fast gar nicht, aber zu dem, was er da so ablässt, baut der Zuhörer fast automatisch eine eigene Meinung auf, was wiederum gute Literatur unter anderem ausmacht.

Pünktlich um acht Uhr betritt Wladimir Kaminer die eigentlich viel zu große Bühne des Ringlokschuppens, der wiederum bis fast auf den letzten Platz gefüllt ist. Heute soll es um „Salve Papa“ gehen, seinem neuen Erzählband, aus dem er uns heute vorlesen mag. Eine kleine Einführung zu Beginn und so einige Ausführungen zwischendurch, lassen den Eindruck eines leicht verwirrten Mannes zurück. Scheinbar planlos abschweifend, findet er allerdings immer wieder zurück zum Faden. Das ist sein Image.

Wir bekommen eine Weihnachtsgeschichte zu hören, die Geschichte von Johann Wolfgang, dem „fast 100jährigen Kater“, der seit Jahren im Sterben liegt und die volle Aufmerksamkeit seiner Besitzerin beansprucht. Diese Besitzerin ist eine Freundin unseres Protagonisten, sodass sich in der heiligen Nacht ein Trupp aus drei Leuten und einem Kater auf den Weg in eine Tierklinik macht, da Johann Wolfgang, wieder mit dem Leben kämpft. Zwischendurch entwirft Kaminer ein Szenario, wie sich das Tier theatralisch zur Wand dreht „mehr Licht“ fordert und endlich die Augen für immer schließt. Da „mehr Licht“ die letzten Worte unseres größten deutschen Dichterfürstes waren, wissen wir also dann auch, wem dieser Kater seinen seltsamen Vornamen verdankt. Der übrigens, so lang er nicht gestorben ist, wohl immer noch lebt.

In einer anderen Kurzgeschichte bekommen wir und Kaminer von einer Spielzeugverkäuferin in Moskau erklärt, was in Deutschland nicht alles möglich ist. Dass jedes deutsche Auto aus dem All überwacht wird und bei einer Geschwindigkeitsübertretung, dass Bußgeld automatisch vom Konto abgebucht wird. Zum Schluss ist sich der Autor sicher, in einem „großartigen Land“ hängen geblieben zu sein. Er übertreibt halt so herrlich, oder lässt seine Figuren übertreiben, aber so charmant, dass man ihm einfach nicht böse sein kann. Die Zustände im Kaukasus, wo ein Großteil der Familie seiner Frau beheimatet ist, müssen also mittelalterlich sein, ganze Landstriche sind mit dem Auto nicht zu erreichen und der Nachbar schießt mit dem Gewehr auf zu tief fliegende Flugzeuge. Wundervolles Seemannsgarn! Und so geht das weiter, eine Geschichte jagt die andere und nachdem man erst gemerkt hat, wie der Hase läuft, kann man mit dem Lachen kaum mehr aufhören.

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1 JonesKorn Januar 24, 2009 um 15:44 Uhr

Das klingt alles großartig bis grotesk, den will ich sowieso mal live sehen – und das hier ist gute Werbung dafür.

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