Voxtrot – Interview

von Sterereo am 12. November 2007

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„Ein Bus? Ha! Wir haben einen kleinen Minivan“, amüsiert sich Ramesh über meine blauäugige Frage nach den Ausbeulungen der Spendierhosen der Tourleitung. Ich hätte es aber auch besser wissen können, denn vor dem Gebäude 9 im regnerischen Köln wäre ein Doppeldecker überquellend mit vollbusigen Groupies wahrscheinlich aufgefallen. Stattdessen sitzen Voxtrot in einem gänzlich untapezierten Hinterzimmer vor ihren Laptops und Ravioli-Tellern und warten darauf vor gut 150 Leuten ihren nächsten Deutschland Gig zu spielen. Nach wenigen Minuten werde ich an den weltenbummlerischen Sänger und Ex-Musikstudenten Ramesh Srivastava verwiesen „He’s usually doing the talking“, grinst Mitch durch seine Kassenbrille und schon kommt ein quirliger Ramesh reingestolpert, um mich fürs Interview in den Vorraum der Örtlichkeit abzuholen.

Ok, ihr wart gestern in Belgien, heute Köln, morgen Berlin. Taffer Zeitplan!

Oh, ja. Nach Berlin kommt München, dann Zürich. Eigentlich sollten wir von Zürich nach Salzburg fahren und dann am nächsten Tag einen Gig in Frankreich spielen. Das hieße zwei Mal die Schweizer Grenze an einem Tag zu überqueren! Das ging überhaupt nicht, wir hätten in exakt der Sekunde des einen Auftritts schon zum nächsten aufbrechen müssen.

Ihr habt gestern mit Jack Penate gespielt, richtig?

Yap.

Wieso habt ihr ihn nicht mitgebracht?

Die Frage ist eher, wieso hat er uns nicht mitgebracht? Er ist recht groß dort drüben. Wir haben’s etwas langsamer angehen lassen mit dem Erfolg. Hätten wir die Sachen mit den EPs aufgespart, wäre es vielleicht jetzt anders.

Aber ihr hattet großen Erfolg mit der Single „Your Biggest Fan“ in den USA – Top Ten, richtig?

Platz drei! Zwischen Beyoncé und Nelly! Das lag wohl auch daran, dass niemand mehr Singles kauft, sondern die Songs nur noch runter geladen werden. Was haben wir verkauft in der Woche? Vielleicht fünfzehhundert CDs – was gut ist! Aber wie viele Leute leben in den USA? So 250 Millionen? Niemand bringt mehr Singles raus, daran lag es auch.

Ja, aber niemand kauft auch Alben mehr. Es sind nur noch einzelne Songs die bei iTunes in die Playlists gepackt werden. Das ist die Zukunft, oder was denkst du?

Ja, absolut. Manchmal denke ich, es wäre cool einen einzelnen Song aufzunehmen und kostenlos ins Netz zu stellen, niemals einen Label-Deal abzuschließen und das ganze Geld mit Konzerten zu verdienen.

Was hat sich überhaupt geändert, als ihr für die selbstbetitelte Platte erstmals mehr als 5 Songs auf einmal aufnehmen solltet?

Naja, es war schwierig. Wir mussten es fürs Label machen, sie bezahlten schließlich dafür. Wir haben uns viele Gedanken darüber gemacht.

Ist es deshalb etwas verkopfter als die noch recht tanzbaren EPs?

Wir wollten einfach das Beste daraus machen, was wir konnten. Wahrscheinlich haben wir etwas zuviel darüber nachgedacht?

Zuviel?

Naja, vielleicht nicht zuviel, ich mag das Album. Aber wir waren im Stress während der Aufnahmen. Wir haben uns über Kleinigkeiten den Kopf zerbrochen.

Würdet ihr etwas ändern, wenn Ressourcen keine Rolle spielen würden?

Ich würde es nicht noch einmal genau so machen. Wir haben genau darüber heute gesprochen. Das ganze Jahr ist eine große Erfahrung für uns. Damit meine ich nicht die Musik, wir lieben das Album, aber alleine die Umstände, wie es erschienen ist mit dem vielen Getoure und so weiter. Solche Dinge macht man das nächste Mal einfach besser.

Da ist eine Zeile in “Firecracker”: ‘Break down on the record company/Did you turn you back on me? Or did I turn myself against myself?’ – geht es dabei um deine Wut auf die Plattenfirma?

Ja, aber es war nicht mal ihre Schuld. Es geht dabei mehr um mich. Ich war den ganzen Tag angepisst, da ich ständig so hart gearbeitet habe. Jeder wollte mich so nett wie möglich in eine bestimmte Richtung drängen. Ich hatte unzählige Anrufe von der Plattenfirma und von den Bandmitgliedern auf dem Handy, dass ich irgendwann nur noch sagen wollte: „Shut Up!“.

Man hört das auf „Firecracker“. Der geht nach vorne.

Ist auch mein Lieblingssong des Albums.

Die erste Single war aber „Blood Red Blood“.

Das ist wieder etwas, was wir nicht entscheiden. Wir haben ein wirklich gutes Label, wenn wir gesagt hätten, wir wollen das nicht, dann hätten sie’s gelassen. Unser Job ist die Musik, ihrer das Marketing, daher passt das schon.

Du wurdest zitiert du hättest gesagt…

… oh no …

… du würdest den perfekten Popsong …

(lacht los) Keine Ahnung, wer das verbreitet hat. Wahrscheinlich wurde ich gefragt (mit Roboterstimme): „Suchst du den perfekten Popsong?“ Und ich habe wohl gesagt „Ja, klar, wer tut das nicht?“

Damals hast du gesagt Paul McCartney hätte ihn wahrscheinlich gefunden.

Und das sehe ich immer noch so. Viele Leute liegen dem Trugschluss zugrunde, dass John Lennon eher so der Künstler war und Paul McCartney eher für die Mainstream-Songs zuständig. Aber das stimmt nicht. Wenn du ähnlich verrückt nach den Beatles bist wie ich und alles liest was es gibt…

…dass klingt etwas nach mir.

Dann musst du die Autobiographie von Paul lesen! Es ist ein super Buch mit Fakten und einem guten Blick hinter die Kulissen während den 60ern, als die Musik sich wirklich veränderte. Er war derjenige in London, die anderen lebten in den Vororten in Villen. Er ist vor allem für die ganzen experimentellen Dinge zuständig, nicht die indischen, aber er kannte den Zeitgeist, weil er eben vor Ort war.

Aber John hatte zum Beispiel „Strawberry Fields Forever“

Ja gut, er hat diesen Song, aber dabei sind eine Menge Leute involviert gewesen. Hinter dem Lied steht die Band, der Producer und noch viele andere.

Was uns zurück zu deiner Band bringt. Du schreibst alle Songs?

Bisher. Ich schreibe die Gitarre und das Piano. Ich weiß wie es klingen soll. Aber wir drehen und schieben die Sachen umher. Früher kam ich in fünf von sechs Fällen rein und sagte, ich möchte dieses Tempo. Dass kannst du nicht immer machen, es wird langweilig. Dann veränderst du mal etwas, damit es seltsam klingt.

Schreibst du gerade an Songs?

Ich habe so fünf Ideen, an denen ich wirklich, wirklich, wirklich arbeiten möchte, aber es nie machen kann, weil wir einfach keine Zeit haben. Am 8. Dezember ist das letzte Konzert für dieses Jahr, danach spielen wir keine Konzerte bis Juni.

Eine lange Zeit.

Nun, ich ziehe bald nach Berlin, im Dezember. Dort schreibe ich das nächste Album.

In Berlin? Schreibst du einen Song über die Stadt?

Naja, ich wohne bald dort! Heißt nicht automatisch, dass ich einen Song drüber schreibe. Dass schöne ist, dass es wohl die einzige Stadt ist, wo ich ohne Deutsch durchkomme. Ich werde zwar einen Kurs machen und mein Bestes geben, aber bisher spreche ich kein Wort Deutsch. In Berlin hab ich ein paar Freunde.

Viele Musiker ziehen plötzlich dahin, wie kommt das?

(verlegen) Es ist nun mal recht günstig. Wenn du wie ich auf Techno und elektronische Musik stehst, dann ist Berlin die perfekte Adresse.

Woher kommt deine Neigung zu Techno? Man hört davon überhaupt nichts auf den Voxtrot Scheiben.

Als ich in Schottland war, habe ich die meiste Zeit in Dance-Clubs verbracht. Daher liebe ich es! Es ist nur eine Frage der Zeit, bis davon etwas bei Voxtrot zu hören ist.

Ok, ich bin durch soweit. Hast du noch Fragen?

Hab ich noch Fragen? (lacht) Ja! Wo ist der nächste Techno-Schuppen?

Unfreiwillig äußere ich einige Vermutungen, wo man in der Domstadt einen Rave starten könnte, als wir schon wieder in dem Raum gelangen, in dem einfach vermutlich jede physikalischen Gesetzte aufgehoben wurden, damit keine Farbe an den Wänden haftet. Ich erteile den Auftrag eine leblose PHYSISCH Hülle mit den künstlerischen Ergüssen der Band zu füllen und zitiere den avantgardistischen Altmeister aus den Londoner Vorstadtvilla: „John Lennon meinte mal: ‚Ich bin Künstler, gebt mit eine Tuba und ich hole euch da Töne raus’ Ihr seid auch Künstler, also malt oder textet was Schönes“. Für diesen Frevel wurde ich gott-sei-dank nicht in die noch unfreundlichere (selbst im Vergleich mit den gespenstisch grauen Wänden) Nacht raus befördert, sondern mit einem schönen Clowns-Gesicht (Happy Birthday Matt!) belohnt. Foto gab’s auch noch (siehe unten). Und ein spitzen Konzert. Mensch, hab ich ein Glück.

Fotos natürlich von aatsphotography. Für mehr dieser großartigen Bilder in die Galerie blicken.

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{ 9 Kommentare… read them below or add one }

1 Sterereo November 12, 2007 um 22:18 Uhr

Gewinnspiel um den Clown-Zettel [url=http://sterereo.de/include.php?path=forum/showthread.php&threadid=162]im Forum[/url] gestartet.

2 Ariane November 13, 2007 um 16:34 Uhr

na na..wie war das nochmal mit dem credits XD
eine klitze-kleine erwähnung möchte ich ja schon wegen den fotos, vor allem weil kein copyright-dings druff is!

schönes interview aber!!

3 Sterereo November 13, 2007 um 16:40 Uhr

Ariane, du bist doch malwieder viiiel zu ungeduldig. Die kommen doch alle in die Galerie mit dem Konzertbereicht, da stehen sie natürlich unter deinem Namen, ist doch Ehrensache!

4 RockinBen November 13, 2007 um 17:08 Uhr

so, die beiden Fotos sind ja toll, nur musste ich 2x hingucken bis ich festgestellt habe, das der Kleine ganz rechts gar nicht zur Band gehört. 😉

5 Ariane November 13, 2007 um 17:30 Uhr

das kompliment zu den fotos zieh ich mir mal ganz unvermittelt an 😛

6 RockinBen November 13, 2007 um 19:16 Uhr

Kannst Du! Aber da hast Du echt Talent (gucke ja auch regelmäßig auf Deiner [URL=http://www.myspace.com/aatsphotography]MySpaceSeite[/URL] nach Deinen Fotos und behaupte das nicht einfach so!). Bin ein wenig neidisch!

7 Ariane November 13, 2007 um 20:47 Uhr

danke *rot werd* 🙂

8 Iain November 14, 2007 um 09:33 Uhr

finde auch, ehrlich großartige Fotos und ein tolles Interview, sollte es ab jetzt häufiger hier geben, finde ich ;o)

9 Ariane November 14, 2007 um 16:13 Uhr

blöder schleimer (auf beides bezogen) 😉

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