Voicst – Interview

von Sterereo am 10. Dezember 2009

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Kuschelig haben wir’s. In einem Nebenraum muss irgendeine buddhistische Perser-Party steigen, denn auf dem ansonsten Karg möblierten Boden des Kölner Underground stapeln sich plötzlich meterhoch die Kissen. Sänger Tjeerd nimmt trotzdem lieber ein klassisches Sofa in Beschlag und streckt sofort die Beine aus. Kein Wunder, den Holländern von Voicst steht die Strecke Köln-München in den Gliedern. Solche stundenlangen Autobahntorturen sind die Fahrrad fahrenden Menschen in den Niederlanden sonst nicht gewohnt.

Bist du eher ein Hund- oder Katzenmensch?

Hund oder Katze? Ich würde sagen Katze.

Kannst du dir denken, wieso ich frage?

Vielleicht wegen dem Song „Mixed Words“ in dem es heißt „Bob Dylan is a pussycat“. Ein eigentlich ganz normaler Song, doch am Ende geht’s darum, was ich machen würde, wenn ich mein Leben von Grund auf ändern würde. Einfach irgendwelche Sätze. Einer davon ist: „Bob Dylan is a pussycat“

Wenn das mal keine Beleidigung für den Altmeister ist.

Nein, wirklich nicht. Ich mag Bob Dylan. Aber ich denke schon, dass er etwas von einer Katze hat.

Welche Eigenschaften haben denn Bob Dylan und Katzen gemeinsam?

Erstmal nicht viel, er ist nicht wirklich verschmust und weich. Aber da draußen gibt es schon ziemlich abgefahrene Katzen. Die sollte man nicht unterschätzen. Solche Rock’n’Roll-Straßenkatzen zum Beispiel.

Eigentlich hatte ich gefragt, weil ich auf eurem englischen Wikipedia-Eintrag gelesen habe, dass ihr euch nach einer Katze namens Voicst benannt haben wollt.

Haha! Ich weiß, dass es diese Gerücht im Netz gibt.

Es ist also falsch?

Möglicherweise.

Das solltest du schon wissen!

Weiß ich auch. (grinst) Es gibt einige Vermutungen was den Namen angeht.

Ich habe sogar noch eine, diesmal freundlich übersetzt von eurem niederländischen Wiki-Eintrag. Nämlich das es südafrikanischer Straßenslang ist.

Hey, du hast es raus. Ich bin kurz davor es dir zu verraten, weil du dich vorbereitet hast. Aber ich werde es nicht tun.

Schade eigentlich. Dabei könnte ich doch euren deutschen Wikipedia-Eintrag schreiben, wenn du mir die wahre Geschichte verrätst?

Okay, Moment. Na klar, jetzt weiß ich es wieder. Du erinnerst dich an den Entdecker des Yack? Also diese Tiere in Nepal. Dieser Entdecker war wirklich ein faszinierender Mann. Er war sehr klug und talentiert.

Ein wirklich netter Typ.

(lacht) Ein wirklich netter Typ! Jedenfalls das erste Yack, was er sah, nannte er Voicst. Daher der Name. Einfach und plausibel.

Klar, mit der Antwort bin ich absolut zufrieden. Damit wäre das jetzt endlich geklärt.

Absolut.

Ihr habt damals schon in der Schule zusammen gespielt, richtig? Dann habt ihr euch aber wieder getrennt. Andere Aufgaben außerhalb der Musik?

Nein, wir haben alle weiterhin Musik gemacht. Andere Bands, andere Projekte. Manche studierten und reisten. Doch wir hatten immer sehr viel Spaß zusammen zu spielen.

Also seid ihr wieder zu einer Band geworden. Wann war das?

Irgendwann 2001 oder 2002. Wir haben dann aber erst angefangen fast für ein ganzes Jahr in einem Keller zu proben und zu spielen, spielen, spielen. In der Zeit sind wir nicht einmal aufgetreten.

Natürlich dabei Songs zu schreiben…

… und viele davon weg zu schmeißen.

Das gehört wohl einfach dazu. Wann habt ihr dann eure erste EP, „Eat The Evidence“, zusammengestellt?

An einem bestimmten Punkt haben wir uns einfach gesagt, was machen wir hier eigentlich? Wir müssen raus in die Welt mit den Songs. Dabei mag ich beides. Ich mag das Proben und Schreiben genauso wie das Touren. Ein Jahr einfach zu tüfteln und es niemanden zu zeigen. Aus dem künstlerischen Aspekt heraus ist es schön niemanden zu haben, der dir da reinredet. Aber es ist auch immer spannend die Reaktionen des Publikums zu sehen. Beides ist gut.

Dann kamt ihr mit dem Album „11-11“, welches zuerst in den Niederlanden, dann in den USA, dann in Australien und dann in Japan herausgebracht wurde. Aber bis heute nicht im Nachbarland Deutschland. Was ist da los?

Wir haben es auf unserem eigene Label Duurtlang herausgebracht. Irgendwie verrückt, da hast du recht. Dabei spielten wir viele Support-Shows in Deutschland. Wir hatten auch einige gute Gespräche, aber irgendwie ist es nie dazu gekommen. Dann wollten wir ein zweites Album machen, welches jetzt ja auch in Deutschland erschienen ist.

Dabei war auf dem ersten Album der Song „Dazzled Kids“, welcher anscheinend ein kleiner Hit war und die nächste Single „Whatever You Want From Life“ war auf dem Soundtrack zum Spiel FIFA 2006 World Cup…

Tatsächlich war das Lied sogar bei mehreren Sachen zu hören. Im Heiniken-Werbespot und in der amerikanischen Serien One Tree Hill.

Gab das den Karriereschub, wie man das von anderen Musikern kennt, die kurz bei Grey’s Anatomy angespielt werden?

Ja, hat es! In Amerika hat es uns sehr geholfen. Es ist ein schönes Land, aber um dort Erfolg zu haben musst du ununterbrochen dort sein. Doch vom dem kreativen Standpunkt aus brauchst du Abwechslung und kannst nicht ewig durch die Staaten touren. Es macht Spaß, aber Songs zu schreiben auf Tour, das geht nicht. Dafür brauchen wir Zeit. Oder einen Nightliner! Den konnten wir uns leider nicht leisten.

Zurück zum FIFA-Spiel, das ich sehr liebe. Gibt’s da einen Typen der dafür zuständig ist? Wie lief das bei euch?

Als wir in LA waren, haben wir dort jemanden getroffen, der unsere Musik sehr mochte, der anscheinend dafür zuständig war. Ich habe mich kurz mit ihm unterhalten. Es hat uns sehr geholfen. Ich kriege immer noch Briefe von Leuten die uns aus dem Spiel kenne.

Jetzt gibt es sogar Youtube-Videos, in denen eure Songs gecovert werden.

Das ist witzig, nicht wahr? Einfach großartig.

Es scheint, als würden vor allen Schülerbands die Songs covern. So habt ihr auch mal angefangen. Wie gut seid ihr eigentlich in den Niederlanden im Geschäft?

Ach, weißt du, es geht gut. Wir können uns nicht beklagen. Dafür spielen wir dort auch häufig.

Weißt du eigentlich, was der am häufigsten gecoverte Song aller Zeiten ist?

Von anderen Bands? So generell? Puh! Gute Frage. Sicher irgendwas Einfaches. Vielleicht von den [4, Anm.] Non Blondes? Wie heißt dieser Song? (summt, klingt nach „What’s up“)

Nein, viel größer! Wohl die größte Band aller Zeiten?

Keine Ahnung.

Die Beatles?

Na klar. Aber welcher Song?

Hauptsächlich von McCartney geschrieben. Soll ich lösen?

Nein! Mensch! Welcher populäre Song der Beatles könnte es sein? Sicherlich keiner meiner Lieblingssongs. Dabei meine ich davon gehört zu haben, welcher am häufigsten gecovert wird. Du musst mir helfen.

„Yesterday“!

Natürlich! „Yesterday“.

Dazu gibt es sogar noch eine tolle Anekdote. Als Macca in Japan mit Gras in der Tasche erwischt wurde, musste er für die Gefängniswärter ununterbrochen „Yesterday“ singen. Das hat seine Beziehung zu dem Song zerstört. Welche Songs habt ihr denn so gecovert?

Mit Voicst. Keinen. (überlegt) Nein, wirklich keinen. Obwohl! Für einen Radiosender haben wir von Outkast „Hey Ya!“ gecovert.

Das würde eine gute Zugabe abgeben. Damit rechnet sicher keiner.

Dafür müssten wir aber üben. Aber es ist ein wirklich cooler Song.

Da fällt mir zum Verstecken von Gras noch etwas ein. Als The Electric Soft Parade vor einiger Zeit in Köln spielten, wurden sie von der Polizei angehalten und sich wegen dem Gras im Handschuhfach fast in die Hose gemacht. Habt ihr Ähnliche Erfahrungen gemacht?

Nein, wir nehmen keine Drogen.

Dabei habt ihr einen Song auf dem Album der heißt „High As An Amsterdam Tourist“

Der ist aber eine Methaper für die Leute in Amsterdam. Es geht darin nicht einmal um die Touristen, sondern vor allem um die Bürger der Stadt.

Du lebst in Amsterdam. Wie siehst du die Touristen denn dann?

Viele kommen tatsächlich nur wegen der Drogen. Einige wollen aber auch die Stadt sehen, die wirklich sehr schön ist. Doch manche Amsterdamer regen sich sehr über die Touristen auf und rümpfen die Nase. Wenn ich einen Touristen sehe, finde ich es gut, dass sie herkommen um die Stadt zu erleben. Es ist mir auch egal, ob sie Drogen nehmen. Die Leute sollen machen, was sie glücklich macht. Es macht mich nicht glücklich, aber das ist ja egal.

In unserer Rezension zum Album wird behauptet, dass die Beneluxstaaten da musikalisch ihr eigenes Süppchen kochen. Siehst du das auch so?

Ich verstehe, was damit gemeint ist. Es gibt da sicher einen eigenen Stil. Aber ich denke die Verhältnisse ändern sich auch. Als ich mit Musik angefangen habe, stand ich total auf belgische Bands wie Millionaire. Mit denen haben wir sogar schon gespielt, das war toll. Wenn ich mir momentan Holland ansehe, dann arbeiten dort die Menschen sehr eng zusammen. Es gibt keine Indie-Szene oder Hip Hop, Dance oder Metal-Szene sondern nur eine Musik-Szene. Dort gibt es viele Zusammenarbeiten und du bleibst zu allen Seiten offen. Wie es jetzt in anderen Ländern genau aussieht, weiß ich natürlich nicht. Ich kann nur sagen, dass es in Holland eine sehr offene Musik-Szene gibt. Die kommen zu unseren Konzerten und gehen vielleicht morgen zu einer Hip Hop-Show, wer weiß?

Ähnlich war es als ihr bei James Iha [Smashing Pumpkins, Anm.] im Heimstudio wart und dort mit dem Trompeter von Beyoncé aufgenommen habt.

Richtig, darum geht es doch. Wir wollten beim zweiten Album nichts so machen wie beim ersten, deshalb mussten wir uns entscheiden, was wir tun wollen. Dafür haben wir mit einigen Leuten der Amsterdam Kletschmer-Band gespielt.

Das ist wirklich sehr speziell.

Ja! Ich habe diese Jungs getroffen und liebe es, wie sie spielen – so schnell! Dann dachten wir: ‚Vielleicht sollten wir ein paar Bläser ausprobieren?’ Als wir in den USA waren und sagten, dass wir diese Bläser wollen und er meinte nur: ‚Moment, ich kenne da ein paar Leute!’

Wie macht ihr das live, ihr seid doch ein Trio?

Richtig, aber wir haben Freunde die uns auf der Bühne aushelfen.

Die aber nicht wirklich in der Band sind.

Mal sehen, das sind wirklich tolle Leute. Wir hängen viel zusammen rum. Wir bestimmen das aus dem Bauch heraus. Keine Ahnung, was passieren wird. Möglicherweise gibt es ein neues Album nächstes Jahr. Wir denken darüber nach. Aber wir haben so viele andere Hobbys. Das Fotografieren zum Beispiel. Wir werden sehen.

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