Traumzeit-Festival – Landschaftspark Duisburg, 01.-03.07.2011

von am 10. Juli 2011

in Feierlichkeiten

Post image for Traumzeit-Festival – Landschaftspark Duisburg, 01.-03.07.2011

„Ihr könnt gerne noch etwas näher kommen!“, ist die Ansage am späten Freitagabend. Kaum zu fassen, denn auf der ebenerdigen Bühne steht in der Raummitte genau jene Band aus Kanada, die als heißester Elektro-Dance-Act bei ihren restlos ausverkauften Shows kürzlich erst alle Clubs sprengte: In der Kraftzentrale des Landschaftsparks bekommt der Auftritt von Caribou einfach eine ganz neue Qualität. Von allen Seiten angestrahlt und angetanzt bilden Musiker und Publikum nach einem zögerlichen Start allmählich eine Einheit. Die atemberaubende Kulisse der Industriehalle wird zum Vermittler zwischen Künstler und Gäste und erhebt das Geschehen über das Niveau eines einfachen Konzerts hinaus. Das Gefühl, etwas ganz neuartiges zu erleben steht allen Beteiligten ins Gesicht geschrieben.

Für drei Tage und drei Nächte wurde das ehemalige Hüttenwerk Duisburg-Meiderich Anfang Juli wieder zum Tummelplatz von Musikfans und Alltagsurlaubern, die sich nicht einfach mit einer seelenlosen Massenveranstaltung, umgeben von Dixi-Klos und den üblichen verdächtigen Festivalbands, zufriedengeben wollen.

Besonders seitdem Jazz-, Welt- und Indiemusik auf dem 200 Hektar großen Gelände miteinander verschmolzen werden, hat sich das Festival im wahrsten Sinne des Wortes zum kulturellen Schmelztiegel entwickelt, der die unterschiedlichsten Menschen zusammenführt. Folgendes haben aber alle gemeinsam: Neugier, Aufgeschlossenheit und den Anspruch etwas ganz besonderes erleben zu wollen. Kraftzentrale, Gießhalle, Gebläsehalle, Pumpenhalle und Gasometer-Bühne werden durch Licht- und Videoprojektionen hinreißend in Szene gesetzt. Es gibt wohl nur sehr wenige Festivals, in dem die Veranstaltungsorte mindestens genauso häufig fotografiert werden wie die auftretenden Künstler. Als nicht minder spektakulär erweist sich die Show der schottischen Postrocker Mogwai. Die Gießhalle scheint wie für sie gemacht. Stuart Braithwaite und Co fühlen sich inmitten der Stahlkonstruktion sichtlich wohl und verstehen es hervorragend, das Venue mit ihrer abstrakten Videoshow und einer immer lauter werdenden Lärmorgie höchst effektvoll auszufüllen.

Am Tag darauf kann man hier unter anderen auch die Indierockhelden The Weakerthans hautnah erleben. Die Kanadier sind sichtlich stolz darauf, hier spielen zu dürfen und verzaubern auch den ein oder anderen älteren Zuschauer mit ihrer Mischung aus Rock, Country und Folkpunk. Frontmann John K. Samson verweist noch einmal explizit auf das später stattfindende Konzert von Amiina und beweist, wie hervorragend das pluralistische Festivalkonzept funktioniert. Das Düsseldorfer Experimental-Kollektiv Kreidler verwandelt am Abend das Foyer der Pumpenhalle in einen perkussiven Hexenkessel. Auch hier hätte der Veranstaltungsort nicht besser ausgewählt werden können. Dicke, ventildurchsetzte Stahlrohre bilden den beeindruckenden Hintergrund zur avantgardistischen Show. Endgültig surreal wird es dann bei den großartigen Bohren & der Club of Gore. Die stockdustere Gebläsehalle wirkt wie eine zugemauerte Kirche, in der die jazzigen Doomstücke verstärkt und für immer konserviert zu werden scheinen. Ein Konzert, wie von David Lynch inszeniert. Bemerkenswert auch, wie die Band es schafft, das Publikum durch ihre ruhige Instrumentalmusik extrem zu polarisieren. „Da drinnen spielen Satanisten! Geht da bloß nicht rein!“, heißt es von einigen verstörten Besuchern. Alle, die sich darauf einlassen, erleben ein morbid-intensives Event mit einer hervorragend aufgelegten Band. Anschließend geht es noch zu den bereits erwähnten Isländern Amiina, deren Auftritt zum letzten Konzert-Höhepunkt des Samstags wird. Auch hier ist es höchst beachtenswert, wie es „vier Streicherinnen, ein Schlagzeuger und ein Elektroniker“ gelingt, ein großes Publikum zur Euphorie zu bringen. Auf dem anschließenden Myanmar-Spezial kann dann noch bis in den frühen Morgen ausgiebig gefeiert werden.

Am Sonntag bietet unter anderen der Harfenist Kyaw Myo Naing die Gelegenheit über den kulturellen Tellerrand zu blicken, bevor es in der Kraftzentrale zum großen internationalen Zusammentreffen der Diven kommt. Mit einstündiger Verspätung stehen Alec Empire und Patrick Wolf auf der Bühne und liefern eine exklusive Melange aus Atari-Teenage-Riot-Elektro-Rausch und Pop-Multiinstrumentalität. Besonders Wolf weiß die „Wohnzimmerbühne“ zur Selbstinszenierung zu nutzen. Extrovertiert posiert und stolziert er über die Bühne, bindet das Publikum mit in die Show ein. Das Ganze hat ein etwas improvisatorisches Flair, was zusätzlich für Spannung sorgt. Hier scheint alles möglich zu sein. Den perfekten Abschluss bildet das Hamburger Elektroduo Hundreds, das verstärkt durch zwei Perkussionisten, mit ihren anmutigen Elektro-Trip-Pop-Sounds für wohlige Glückseligkeit sorgt.

Mit dem Shuttlebus geht es dann schließlich etwas wehmütig zurück in Richtung Duisburger Hauptbahnhof, aber mit der Gewissheit: Wir werden wiederkommen! Wer auf der Suche nach einzigartigen Konzerten in wundervoller Atmosphäre ist, sollte sich nächstes Jahr auf den Weg ins Ruhrgebiet machen. Für die Hififi-Belegschaft war es in jeder Hinsicht eines der besten Festivals, das wir erleben durften.

Share Button

{ 7 Kommentare… read them below or add one }

Avatar of Sterereo 1 Sterereo Juli 10, 2011 um 15:44 Uhr

Toller Bericht, schöne Fotos! Nächstes Jahr komme ich mit! ;)

Antworten

Avatar of Claudi Yeah 2 Claudi Yeah Juli 10, 2011 um 16:21 Uhr

Oooooh :) So schööööön wars!

Antworten

Avatar of LolaPalooza 3 LolaPalooza Juli 10, 2011 um 18:54 Uhr

Mir fällt auch kein qualifizierter Kommentar außer rühseligem Seufzen ein…

Antworten

Avatar of Hififi 4 Hififi Juli 10, 2011 um 18:56 Uhr

Wir sollten uns den Traumzeit-Bus zusammen kaufen und eine WG gründen. :) Und Nils kann uns ja gelegentlich besuchen kommen. Oder wir ihn, wir sind dann ja mobil!

Antworten

Avatar of LolaPalooza 5 LolaPalooza Juli 10, 2011 um 19:05 Uhr

Ja! Ja! Ja! Mit einem Anhänger Killepitsch und Colabier!

Antworten

Avatar of Hififi 6 Hififi Juli 10, 2011 um 19:28 Uhr

Ich glaube das Killepitsch bleibt ein einmaliger Ausrutscher. Hoffe ich zumindest. ;)

Antworten

Avatar of Claudi Yeah 7 Claudi Yeah Juli 10, 2011 um 21:55 Uhr

Das wird dann die Hififi-Family oder so :P (Naja, oder eben The Raapefruits..)

Antworten

Einen Kommentar hinterlassen

Previous post:

Next post: