Tool – Philipshalle Düsseldorf, 8.6.06

von am 11. Juni 2006

in Feierlichkeiten

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Es ist eigentlich der erste richtige Sommerabend in diesem Jahr, der diesen Namen auch verdient. Gegen acht Uhr durchstreifen wir das Zielgebiet nach einem Parkplatz und stellen fest, dass wir mit unserer Garderobenauswahl voll im Trend liegen: Die Massen an weiteren Fans, die ebenfalls gerade gen Philipshalle strömen, vertrauen ebenfalls auf Kurzärmeliges in dunklen Tönen.

Apropos dunkle Töne. Ebensolche klingen auch bereits aus der Halle, als wir uns endlich des Autos entledigt und dem Menschenstrom angeschlossen haben – Tool haben tatsächlich äußerst pünktlich begonnen, und keine Vorband!

Am Eingang dann der nächste Schock: Ich muss meine Digicam abgeben. Glücklicherweise treffe ich kurz darauf einen netten Menschen, der seine Kamera mit reinbekommen hat und mir seine Bilder zukommen lassen will. Aber im Moment kostet das ganze Prozedere einfach nur Zeit.

Das Betreten der eigentlichen Halle gleicht dann einem Dimensionssprung. Vom freundlichen Sommerabend in Düsseldorf-Oberbilk mitten hinein in den finsteren Albtraum einer gigantischen Kreatur namens Tool. Auf vier Leinwände, jede so groß wie eine kleine Studentenwohnung, werden Ausschnitte aus den mitunter beunruhigenden Tool-Musikvideos sowie die Lightshow unterstützende Flammen, Augen und sonstige Abgründe projiziert. Davor vier Gestalten, die nunmehr eins sind. Sänger Maynard ist denn auch niemals Ziel eines Scheinwerfers, sondern nur als Silhouette (mit Cowboyhut) vor der Videowand zu erahnen. Im Fußball würde man sagen: Die Mannschaft ist der Star.

Der Sound der Band kommt in der Philipshalle perfekt rüber. Ich kann mir echt nicht erklären, wie sie es schaffen, nur mit Schlagzeug, Bass und Gitarre diese massive und dennoch unglaublich facettenreiche Klangwand hochzuziehen, denn nur hier und dort kommt mal eine zeitweilige Keyboardunterstützung hinzu. Man wird von der Musik und den Visuals schlicht überrollt. Die unglaublichen, vertrackten Rhythmen schieben sich durch unsere Ohren, Augen und Gedärme in unsere Gehirne. Wir können ihnen hier und da ein Stück weit folgen, sind ihnen aber im Großen und Ganzen hilflos ausgeliefert. Genie und Wahnsinn liegen bei dieser Band nicht einfach eng zusammen, sondern treiben es auf’s Unanständigste miteinander.

Nach 100 Minuten inklusive Zugabe findet der Traum ein Ende, noch vor zehn Uhr ergießt sich der Schwall von mehreren Tausend Tool-Jüngern wieder hinaus in die Realität. Es ist immer noch hell und warm draußen, deshalb verfliegt ein nicht unbeträchtlicher Teil des Zaubers leider recht schnell. Die perfekte Illusion ist vorbei, fast so als käme man aus dem Kino (was ja gar nicht mal so weit hergeholt ist).

Es bleiben die Gewissheit, etwas Großem beigewohnt zu haben, die Erkenntnis, dass Tool absolute Profis sind (was wohl auch bedeutet, pünktlich anzufangen und aufzuhören), und der Wunsch, dass diese vier Jungs ihre Emotionen auch in Zukunft vornehmlich musikalisch verarbeiten.

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1 Sterereo Juni 11, 2006 um 23:17 Uhr

Ha! Das sieht ihnen wirklich ähnlich, pünktlich auf die Minute anzufangen und ohne Vorband aufzutreten. Musik und Band gegen jede Konvention. Aber es muss echt ein hammer Erlebnis gewesen sein. Währe sehr gene da gewesen…

2 Dirk Juni 13, 2006 um 17:53 Uhr

Kann Mommsen nur zustimmen: Es war ziemlich genial! Nur unsere zu späte Ankunft und der dadurch bedingte relativ schlechte Standort in der Hallenmitte hat mir etwas die Laune getrübt, aber ansonsten ein großartiges Konzert.
Und man lernt ja nie aus: Mommsen achtet bei Rockkonzerten anscheinend verstärkt auf passende Garderobenauswahl 😉

3 Hififi Juni 15, 2006 um 23:37 Uhr

Wow, klasse geschrieben! Ich kann das Beschriebene nur bestätigen. Ich hatte ´02 das Vergnügen Tool in der Radio City Music Hall zu sehen, und sie ziehen einen wirklich in eine Paralelwelt; zu unwirklich das nicht vorhandene Stageacting, die Gruselvideos, die Beleuchtung, und nicht zu vergessen, die Musik. Ehrlich gesagt, weiss ich bis heute nicht, was ich davon halten soll, ausser das es viel zu teuer war. Irgendwie muss man das tatsächlich mal mit eigenen Augen gesehen haben, denn schwer zu erklären sind sie allemal. Dafür hat Mommsen allerdings hervorragende Arbeit geleistet. Dankeschön!

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