The Who – By Numbers

von am 8. Oktober 2006

in Musik!

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„By Numbers“ kommt zu einem Zeitpunkt, an dem Pete Townshend mitten in der durchgeknallten Achterbahnfahrt der Bandgeschichte das erste Mal anhält, und sich fragt: „Was mache ich hier eigentlich überhaupt?!“ Pete hat von Beginn an seine Schwierigkeiten mit dem Rock’n’Roll, und seiner Ausgeburt The Who.

Keith Moon hat Mitte der Siebziger den Zenith bereits überschritten, tanzt wie eh und je auf jeder Party gleichzeitig, landet oft gleich mehrfach am Tag wegen Erregung öffentlichen Ärgernisses im Knast – davon einmal im kompletten Hitler-Outfit mit Bärtchen und Armbinde -, jagt mit seinem Sauffreund Ringo Starr Hotelzimmertoiletten in die Luft, und fickt sich quer durch die Rock’n’Roll-High Society. Kurz darauf geht es steil abwärts, bereits deutlich hörbar auf „Who Are You“, dessen VÖ 1978 er schon nicht mehr erlebt.

Die Tommy-Hysterie hat sich endlich langsam gelegt, der Meilenstein „Who’s Next“ beansprucht den größten Teil des Live-Repertoires, „Quadrophenia“ war ein symphonisch-arrangiertes Rock’n’Roll-Epos, „Odds & Sods“ war ein, wenn auch hochkarätiger, Friedhof älterer Songs, die es nicht auf die regulären Alben geschafft haben. Oder wie john Entwistle schrieb: „…All of these tracks have been part of bigger ideas. It’s great to look back at a time when we were able to make mistakes without worrying too much.“

In dieser wilden Rock’n’Roll-Zeitraffer wirkt „By Numbers“ wie ein wütender Hilfeschrei aus den tiefsten Tiefen der Seele Townshends. Damals wurden die Texte gar als Petes Abschiedsbrief an die Welt gedeutet. Viel reduzierter als, alles was die Band in diesem Jahrzent aufgenommen hat, kommt das Album ohne Synthesizer aus, deren bahnbrechender Einsatz die Vorgänger zu absoluten Meilensteinen erhoben hatte.

Pete zählt kurz bis Acht, bevor mit „Slip Kid“ die halb-autobiografische Geschichte eines Rock’n’Roll-Jugendlichen erzählt wird, der sich mit dem Älterwerden nicht mehr im Leben zurechtfindet. „There’s no easy way to be free“ muss Townshend verbittert feststellen.

1975 überschreiten alle Bandmitglieder, außer Keith, die magischen 30 Jahre. Als energetische Rocker frühester Stunde sehen sie sich als erste Bandgeneration mit ihrem Alter konfrontiert. „I hope I die before I get old“ schrieb Townshend in „My Generation“, ein Satz der ihn jetzt wie ein Bumerang einholt, und ihn sein Leben lang verfolgen sollte. Bis heute.

Nachfolgende Bands und Musiker wie Led Zeppelin, Black Sabbath, Rush, the Velvet Underground oder David Bowie haben sich bis dahin an The Who orientiert. In den Startlöchern scharren jetzt ganz andere Leute: „1977 – The Year That Punk Broke“ wurde zum Jahr, in denen sich die alten Säcke vom Rock’n’Roll-Thron stoßen lassen mussten. The Stranglers, The Damned, The Sex Pistols, The Clash, oder The Saints explodierten auf den Bühnen der Welt. The Who’s Heimatstadt London, wurde zur Punk-Rock City. Wer wollte da noch was von den alten Rockern wissen, die sich noch immer einbildeten, die beste Liveband der Welt zu sein?

„However Much I Booze“, eines der absolutes Highlights auf „By Numbers“ ist ein typisches Beispiel dafür, wie Townshend sein Innerstes nach Außen kehrt. In eine beinahe schon fröhlichen Melodie singt er über seine Versagensängste, seine Eitelkeit, und darüber, dass er der Einsamkeit der Nacht nicht entfliehen kann, egal wie sehr er sich auch zusaufen mag: „The night comes down like a cell door closing.“

Nach dem sehr Who-untypischen „Squeeze Box“ in dem Pete mit Banjo, Akkordeon und Gitarre herumspielt, kommt das nächste Glanzstück des Album „Dreaming From The Waist“, einem der besten Who-Songs ever.

Die Ballade „Imagine A Man“ zeigt Townshends zunehmende Entfremdung mit dem Rockbusiness auf. Er hat das ganze Theater satt, und möchte das Gewicht, dass auf ihm lastet, nicht mehr tragen.

„Success Story“ ist ein typischer Entwistle Song, wenn er sich auch nicht wie sonst üblich mit makaberen Themen, wie Spinnen, mordenden Ehefrauen oder der Hölle auseinandersetzt, sondern auf ironische Weise mit der eigenen Rolle im Rock-Lifestyle: „I may go far…if I smash my guitar“. „Success Story“ ist ein schwerer, metallener Lederrocker, und spätestens beim brutalen Gitarrensolo wird die enorme Wut offenbar, die sich auch by The Ox angestaut hat. Anschauen kann man sich das ganze im großartigen Film „The Kids Are Alright“. Im Promoclip zu „Success Story“ schießt Entwistle mit dem Maschinengewehr auf The Who’s goldene Schallplatten. Nebenbei kann man auch einen Blick auf seine mehr als umfangreiche Gitarrensammlung werfen, die allerdings größtenteils in den Achtzigern wieder verkauft worden ist.

„They Are All In Love“ ist wohl das Stück, dass repräsentativ für „By Numbers“ steht. Zu einer wunderschönen Melodie gesellt sich ein dermaßen hasserfüllter, zynischer Text, dass dem gemeinen Rockfan erst einmal die Spucke wegbleibt. Hauspianist Nicky Hopkins begleitet Townshends bittere Abrechnung mit der Musikindustrie, von der eh immer nur der gleiche Müll recycelt werde. O-Ton Pete: „The Song was about what the band has become. It was about money, about law courts, about lawyers and accountants. We had to deal with it. I really felt like crawling off and dying.“

In „Blue red And Grey“ kehrt Pete zu seinen spirituell inspirierten ersten Soloalbum zurück. Im Alleingang, nur mit der Ukulele und ein paar Streichern im Hintergrund, gibt er eine charmant-ehrliche Liebesballade, die den Hörer zu Tränen rühren kann. Wohltuend positiv bei all der Wut und den Bösartigkeiten auf dem Album.

„How Many Friends“ ist bis heute einer von Eddie Vedders absoluten Lieblingssongs. Sieht man sich Pearl Jams Bandgeschichte an, dann weiß man auch warum. Pianogetragen befasst sich der Song auf bittere Weise mit der Oberflächlichkeit von Freundschaften und Beziehungen, mit all den flüchtigen Bekanntschaften, die wir im Leben machen, die es schwierig machen, die wahren Freunde von den Ja-Sagern zu unterscheiden. Eddie Vedder befand sich zu „Vitalogy“-Zeiten in einer ganz ähnlichen Situation: Nachdem ganzen Grunge-Rummel sich langsam gelegt hatte, saß er in einer Bar, hörte diesen Song, und musste sich fragen, wer um ihn herum eigentlich zu seinen echten Freunden gehörte, und wer nicht. Keith Moon war übrigens der absolute Meister in der Disziplin „Sich-mit-Ja-Sagern-und-Ruhm-Jägern-zu-umgeben“. Um ihn herum befanden sich beinahe rund um die Uhr irgendwelche Groupies, Partylöwen und Rock’n’Roll-Snobs. Roger Daltrey hielt sich aus der Szene am ehesten raus.

„In A Hand Or Face“ ist noch einmal ein rauher Brocken von einem Song, zu dessen Ende Keith Moon explodiert; das letzte Mal im seinem Leben auf ein Album gebannt. Townshend haut ein hartes, sich ständig wiederholendes, Drei-Akkorde-Riff raus, und spielt das Rock-Spielchen noch einmal mit voller Energie mit. Es ist als wolle er zum Ende noch einmal sagen: „Es ist zwar alles Dreck, aber irgendwie gehöre ich ja doch dazu.“ Die Schlusszeilen „I’m going round and round“ unterstreichen diese These.

Was bleibt nun von „The Who By Numbers“?

Über dreißig jahre nach seiner Veröffentlichung ist das Album immer noch eine Ausnahmeerscheinung, ein bitteres, reflektiertes Stück Musikgeschichte, dass sich jenseits von Blitzlichtgewittern, Partygetue und den üblichen Klischees bewegt. Es ist bis heute eins der unterschätztesten Who-Alben überhaupt, was seine Relevanz zusätzlich unterstreicht. Ohne groß auf die Pauke zu hauen, sehr reduziert und persönlich, wurde es von der großen Masse nicht so wahrgenommen, wie die vorausgegangen Rock’n’Roll-Spektakel. Man war noch nicht bereit für Selbstkritik.

Ein paar Jahre später setzte die große Rock-Depression ein: Nach dem Punk, standen die Achtziger vor der Tür, die etablierten Musiker begingen zum Teil die größten musikalischen Verbrechen des vergangenen Jahrhunderts.

2006 besteht The Who nur noch aus zwei Mitgliedern. Live werden die „By Numbers“-Stücke nur selten gespielt. Die sperrigen Brocken gehören nicht unbedingt zu den Songs, die die breite Masse während der Best-Of-Sets in den großen Stadien hören wollen. Warum sollte sich Papa-Altrocker, der vielleicht zwei bis dreimal im Jahr seine Jugendhelden bei einem Riesenevent feiern will, reflexiv mit dem Business, und damit auch mit sich selbst auseinandersetzen? Ihm reicht es schon, wenn Pete die Windmühle macht, Roger das Mikro kreisen lässt, und seine Lieblingssongs gespielt werden.

Für alle, die sich tiefer mit Musik auseinandersetzten wollen, und sich öfter mal fragen: „Was mache ich hier eigentlich überhaupt?“, für diese Leute kann „By Numbers“ zum Manifest werden, gegen das geistige Fettwerden, gegen das Aufgeben von Idealen, und notfalls auch gegen den Strom.

Pete Townshend ist bis heute der Ausnahmemusiker geblieben, der das Spiel zwar mitspielt, sich aber ständig hinterfragt, und was zu sagen hat. Er hat erfahren, wie konservativ und starr die Kräfte im angeblich so toleranten & lockeren Rockbiz sind:

„Wenn du irgendwann mal am Boden liegst, und nicht weiter weißt; wenn du kurz vorm Abgrund stehst, und nicht weißt, was du mit deinem Leben anfangen sollst… Es ist eine harte Erfahrung, aber Rock’n’Roll ist das letzte, was dir in dieser Situation das Leben retten wird.“

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{ 2 Kommentare… read them below or add one }

1 Hififi Oktober 8, 2006 um 22:51 Uhr

Sehr interessant! Und das Ringo mit Keith Moon Toiletten in die Luft gejagt hat, wusste ich auch noch nicht. Vielen Dank!

2 otic Oktober 9, 2006 um 13:21 Uhr

Ein paar ganz witzige Anekdoten von den beiden kann man sich auch im oben bereits erwähnten „The Kids Are Alright“ ansehen.
Ansonsten sei noch „Dear Boy“, die großartig-recherchierte & sehr gut lesbare Moon-Biographie von Tony Fletcher, empfohlen. Es gibt ja ’ne Menge Literatur über Keith, aber dieses Buch ist mit Abstand das Beste über.

Was Townshend angeht ist soeben auch „Amazing Story, “ von Ian Wilkerson Townshend rausgekommen. Ich lese ja am Liebsten Texte in Buchform, aber eine etwas frühere Fassung ist gratis aus dem Internet runterzuladen. Einfach mal ein bisschen suchen.
Das Buch ist allerings etwas anstrengend zu lesen, da Wilkerson sich hauptsächlich auf Quotations stützt, die als solche ja kenntlich gemacht werden müssen. Daher ist der Text durchsetzt mit Fußnotenzeichen und längeren, eingerückten Passagen, was dem ganzen ein etwas unruhiges Schriftbild verleiht.
Bestes Buch über Townshend ist und bleibt Geffrey Gulianos „Behind Blue Eyes“.

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