The Who – Arena Oberhausen, 19.06.07

von am 2. Juli 2007

in Feierlichkeiten

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The Who in Deutschland waren immer schon eine Sache für sich. Angefangen mit den ersten Doppelauftritten 1967 an zwei Tagen (Es gab jeweils eine frühe, und eine späte Show. Nach der ersten Show wurde die Band samt Equipment z.B. von Siegen nach Wiesbaden gekarrt, um dann noch einmal ein ganzes Konzert zu geben), über merkwürdige Fernsehaufzeichnungen für Radio Bremens „Beat Club“ im Halbplayback (während des Auftritts wurden der Band dann noch 6000 DM aus der Garderobe geklaut), unwürdigen Supports in unpassenden Venues (wie das Konzert zusammen mit Deutschlands grauenvollen, selbsternannten „Beat-Königen“ THE LORDS im Münchner Circus Krone) oder die Charity -Konzerte 1970 mit Ehrenempfang der Band von Gustav Heinemann & Willy Brandt (man stelle sich Keith Moon im Kölner Opernhaus vor, wie er brav Hände schüttelt, den Wohltäter gibt und heimlich die Bowle mit Tabasco „verfeinert“). Generell hat das deutsche Publikum immer schon Schwierigkeiten mit dem Humor der Band, oft verstanden die Leute nicht, was da oben auf der Bühne überhaupt veranstaltet wurde.

Apropos Opernhaus: Weil ihre Auftritte in den frühen 70ern aufgrund des pseudointellektuellen Gehabes zu „Tommy“ in Opernhäusern stattfanden, wurden THE WHO von den deutschen Behörden als „Kulturträger“ eingestuft und deshalb von der Steuerpflicht befreit. Diese zuvorkommenden Regelung gilt seither für alle WHO-Konzerte in Deutschland.

Das Motto des Abends in Oberhausen könnte mit „Na also, es geht doch!“ zusammengefasst werden. Erst letztes Jahr war man mit gleicher Besetzung auf kurzer Open-Air-Tour. Die Shows waren insgesamt okay, wirkten aber zusammengestückelt, und zu sehr am „Best Of“-Altrocker-Gig orientiert. Man hatte die Mini-Oper „Wire & Glass“ als erstes Material seit 23 Jahren vorab veröffentlicht, aber traute sich nicht einen Schwerpunkt darauf zu setzen. So gab einen soliden Querscnitt durch 40 Jahre Bandgeschichte, ohne Ecken und Kanten. Roger hatte zusätzlich hörbar mit Stimmproblemen zu kämpfen. In Bonn sorgte das furchtbare Ambiente und der leise Sound des Museumsplatzes dafür, dass der letzte Rest der Rock’n’Roll-Atmosphäre einer heimeligen Biergartenatmosphäre wich.

Nun aber der erste Oberhausen-Gig 2007:

Support THE CULT musste man sich sparen, obwohl die Reunion mit Ian Astbury sicher ein Fest für Fans gewesen sein muss: Die dicken, dröhnenden 70s-Riffs lassen ansonsten ziemlich kalt.

Kurz danach springen Pete & Roger energetisch auf die Bühne, und bringen die lang bewährten Aufwärmer „Can’t Explain“, „The Seeker“ und „Substitute“. Es wird gezielt auf die Digital-Leinwand gesetzt, auf der die Bandgeschichte, Ästhetisch großartig aufbereitet, in Szene gesetzt wird. Kollege Schwarzkamp leuchten die Augen: „Hit an Hit!“. Ich muss ihm ein wenig von seiner Euphorie nehmen, als ich ihm mitteile, dass der nächste Song „von der Neuen“ sei. Aber „Fragments“ fägt sich Überraschend gut in die Setlist ein, visuell untermalt von Quadrophenia-artiger Meeres-Sequenzen.

„Really Good Looking Boy“ ist einer der besten neuen Songs, und es bewegt einen wirklich, wenn Roger Daltrey den Song Elvis Presley widmet, der ihn dazu animiert habe, selbst als Sänger auf der Bühne zu stehen.

Nach den Siebziger-Schwergewichten „Behind Blue Eyes“ und „Who Are You“ geht’s dann durch die komplette Minioper „Wire & Glass“. Spätestens hier muss man die umwerfende visuelle Komponente noch einmal erwähnen: Die einzelnen Parts, die den Aufstieg einer jungen Band nachzeichnen („A Band like us! But not so cool!“ kommentiert Townshend mit seinem typisch-zynischen Grinsen) werden durch kleine Clips gestätzt, die ganz einfach eine Augenfreude sind: 60s-Pop Art meets Visual-High Tech.

Grandios!

Auch das bissig-bösartige „Man In A Purple Dress“ fägte sich als neuer Song nahtlos in die alten Hits ein. Hier lohnt es sich einmal näher auf den Text zu schauen, in dem hart mit den kirchlichen Institutionen abgerechnet wird.

„Drowned“ ist mein persönliches Highlight: Einziger Songs von Quadrophenia, solo performed von Pete auf der Akustik Gitarre. Gänsehaut!

Trotz zigfacher Verwendung auf Filmsoundtracks und mehr als reichhaltigem Airplay im TV vermag das unkaputtbare „Baba O’Riley“ einen immer wieder vom Stuhl zu reißen. Das unvermeidliche „My Generation“ mündet in einen lange nicht gehörten „Cry If You Want“-Jam, und der Gig endet mit dem finalen Glockenschlag von „Won’t Get Fooled Again“.

Auf Tommy-Material wurde bislang zur Freude des Rezensenten verzichtet. Dies sollte in der Zugabe allerdings ausgiebig nachgeholt werden: „Pinball Wizard“, „See Me Feel Me“, „Amazing Journey“ und das zugegebenermaßen arschkickende „Sparks“ sorgen auch beim letzten Papi im Publikum für Pippi in den Augen.

Die Live-Besetzung aus Pino Palladino (als eher zurückhaltenden John Entwistle Ersatz), John Bundrick (gewohnt hässlich gekleidet, aber auch gewohnt gut am Klavier und den Keyboards), Petes Bruder Simon an der zweiten Gitarre und schließlich der mehr als würdige Keith Moon Nachfolger Zak Starkey (Man erinnere sich an die furchtbare 80er-Phase mit Kenney Jones, oder Session Drummer Simon Phillips, die beide ganz gute Drummer waren, aber dem Energielevel auf der Bühne nicht annähernd gewachsen waren) ist mitlerweile fest etabliert und eingespielt. Pete übernimmt wieder die meiste Gitarrenarbeit selbst, und hat sichtlich Freude daran, den Rockposer zu geben: Windmill, Sprünge, Feedback), Roger lässt das Mikrophon fliegen und übernimmt den ein oder anderen Gitarrenpart. Der Fokus liegt endlich wieder eindeutig auf den beiden Hauptakteuren, und das fühlt sich gut an.

Letzte Zugabe: Die akustische Version von „Tea & Theatre“, in der fast so etwas wie eine intime Freundschaft zwischen Pete und Roger durchschimmert.

(Für alle Spätgeborenen: Daltrey und Townshend haben sich von Anfang an aufgeführt, als wären nach heutigen Maßstäben Damon Albarn und Liam Gallagher zusammen in eine Band gepfercht.

In der einen Ecke des Rings stand Roger Daltrey: Working Class Hero, simpel gestrickt, mit Hang zur harten Rockshow und heldenhafter Selbstinszenierung. Irgendwie auch sympathisch.

In der anderen Ecke stand Pete Townshend: Intellektueller Kunststudent mit Hang zu Selbstzweifeln, Alkoholsucht und Zynismus. Pete hatte oft die Schnauze voll von dem Rock’n’Roll-Gehabe, und Rogers Anbiederungen auf der Bühne. Typische Szene während einer WHO-Show waren Rogers Versuche, die Rolle des alten Kumpels zu spielen. Pete ließ ihn jedes Mal abblitzen, was Roger sichtlich sauer werden ließ. In all den Jahren hat man sich mehr als einmal die Fresse poliert.)

Jetzt liegt man sich in den Armen & das Publikum gleich mit!

Großartige Band, tolles Set, Hammer Konzert!

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{ 2 Kommentare… read them below or add one }

1 otic Juli 2, 2007 um 23:35 Uhr

Hier noch ein paar Eindrücke vom Who-Glastonbury-Gig, nur ein paar Tage nach Oberhausen.

Baba O’Riley:
http://youtube.com/watch?v=DdnCAiQI3xM

Can’t Explain / The Seeker / Anyway Anhow Anywhere
http://youtube.com/watch?v=89jcFrkqPuU

My Generation / Cry If You Want:
http://youtube.com/watch?v=K_ZvdLWoUhw

Won’t Get Fooled Again:
http://youtube.com/watch?v=QCik-DIkpU0

Amazing Journey / Sparks:
http://youtube.com/watch?v=twpwqL1Rwag

Relay:
http://youtube.com/watch?v=pEcO8EUctmg

2 MissMono Juli 12, 2007 um 12:50 Uhr

Lieber Otic,

ich unterstreiche diesen Text gleich doppelt! Wahnsinns Konzert!
Aber der wahre Fan lässt wohl gern mal die kleine Tatsache unter den Tisch fallen,
dass Roger zu Beginn von „Behind Blue Eyes“ den Text vergessen hat?
Es gibt ja Menschen die behaupten Humor habe in der Musik nichts zu suchen, aber der kleine Fauxpas machte die grinsenden Götter einen Moment lang greifbar und das war weniger schlimm als sympathisch…

😉

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