The Irrepressibles – Mirror Mirror

von Pynchon am 5. April 2010

in Musik!

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Wer eine Schwäche für die begnadeten Songtüftler der Dresden Dolls hat, der sollte bei The Irrepressibles besser die Ohren aufsperren, denn in Sachen barock-ausufernder Kompositionskunst steht das zehnköpfige, selbsternannte „Performance-Orchester“ aus London den „Dolls“ in nichts nach.

Im Zentrum der neuen Pop-Entdeckung (die für mich zweifellos noch eine Menge Staub aufwirbeln wird) steht der Sänger und Komponist Jamie McDermott, der auf dem dreifach gespiegelten Cover, bunt angemalt und totally glam, ein wenig wie Steve Strange ausschaut, was rein musikalisch allerdings eine falsche Fährte ist, denn Synthies und Elektro-Coolness á la Visage finden sich auf „Mirror Mirror“ mitnichten. Stattdessen fällt mir spontan eine Metapher des vielleicht ebenso ausufernden (Sprach-) Künstlers Henry Miller ein, wenn ich den Eindruck beschreiben sollte, den „The Irrepressibles“ in mir auslösen: Die Musik klingt nach zwei wilden Einhörnern, die sich in einem Rhododendrongebüsch paaren.

Wild, orgastisch, ein wenig märchenhaft-verschroben, verspielt und theatralisch. The Irrepressibles umschmeicheln nicht, sie überwältigen. Die Orchestrierung ist, wie schon erwähnt, ziemlich barock, das heißt überschwänglich, reich an Instrumenten, üppig an melodiöser Vielfalt und kompositorischer Verspieltheit. Dazu McDermotts Falsett-Gesang, der zugegeben etwas gewöhnungsbedürftig ist und mich spontan an die berühmten Kastraten der Opernwelt des 18. Jahrhunderts wie Farinelli oder Senesino erinnert. Andererseits passt McDermotts Exzentrik natürlich vortrefflich zu seinen Songs. Der Opener „My Friend Jo“ ist dramatisch und bezwingend, eine ebenso begnadete Eröffnung wie „Sex Changes“ für das „Yes, Virginia“-Album der Dresden Dolls.

„I´ll Maybe Let You“, elegisch von zarten Streichern untermalt, ist eine träumerisch-entrückte Nummer, die einen giftigen Zauber verströmt. Neben den Dresden Dolls gibt es durchaus eine Menge andere musikalische Bezüge, so steckt wohl auch eine Menge Kate Bush („In Your Eyes“), Roxy Music und früher David Bowie im Irrepressibles-Schatzkästchen. Ein Highlight sind für mich die traurig-schönen „Forget The Past“ und „The Tide“, sparsam und subtil begleitet, eindringlich und melancholisch. „Knife Song“ wiederum könnte sich gut auch zu Kurt Weills „Dreigroschenoper“-Stücken zugesellen, eine genial-altmodische Pop-Extravaganz mit überraschenden Wendungen und ausufernden dramaturgischen Nebensträngen. Im Grunde könnte ich so weitermachen, denn mit „Nuclear Skies“ folgt eine weitere Perle, die einen ganzen Horizont an Assoziationen spiegelt: „Find me, dance through the light“, singt McDermott dazu.

„The Irrepressibles“ haben ihren Namen verdient: sie sind unbezwingbar und unzähmbar zugleich, ihr Debüt strotzt vor Brillanz und Einfallsreichtum, ist ein wilder Ritt und ein echter Thrill – großes Album (und neben Beach House ein weiterer sicherer Kandidat für meine Jahres-Top Ten)!

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