The Filth and the Fury (DVD)

von Pynchon am 12. November 2009

in Film ab!

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Dreck und Wut – lakonisch und treffend bringt Julian Temples Dokumentation das spezielle Lebensgefühl der britischen Punk-Bewegung der siebziger Jahre bereits im Titel auf den Punkt. Doch die Sex Pistols waren offensichtlich noch viel mehr als das. Mit augenzwinkernder Ironie erhebt „The Filth and the Fury“ Aufstieg und Fall der Band um Johnny Rotten und Sid Vicious in shakespearsche Dimensionen, ein tragisches Königsdrama mit Rotten als eine Art Richard III. „Hässlich, lächerlich und grotesk“, so sah er sich damals selbst, als er im London des Jahres 1976 den Nerv einer Gegenkultur traf, die sich chancenlos und mies behandelt fühlte – no future, und umso mehr Wut.

Erzählt wird „The Filth and the Fury“ in einer collageartigen Form, mit eingestreuten Szenen altbackener TV-Inszenierungen von ehrwürdigen Shakespeare-Stücken, Comicszenen mit den vier Pistols als Hauptakteuren, sowie aktuellen Interviews mit den verbliebenen Bandmitgliedern, im Gegenlicht gefilmt mit im Schatten verborgenen Gesichtern. Wollten die alten Punk-Heroen sich nicht unvorteilhaft, gut ausgeleuchtet präsentieren? Egal, im Grunde tut es nichts zur Sache, denn es geht um die drei wilden Jahre 1976-1978, die in teils wehmütiger Erinnerung ins Bewusstsein zurückgebracht werden. Wohl auch, um manches klar zu stellen, was damals im verzerrten Schein einer sensationsgeilen Öffentlichkeit verfälscht worden war.

Erstklassig funktioniert Temples Doku dann, wenn sie den gesellschaftlichen Background Mitte der siebziger Jahre beschreibt und in der aufgeheizten Stimmung aus sozialem Unfrieden und chaotischem Aufruhr den Keim dessen erkennt, aus dem die Sex Pistols erst entstehen und zum Sprachrohr der Fuck Up-Generation werden konnten. Johnny Rotten, selbst aus gebildetem Elternhaus stammend, verstand seinen Garbage-Look als Gegenentwurf zum Schlaghosen-Eskapismus der feinen King´s Road, gleichsam aus der Armut geboren: „Abgerissen, Sicherheitsnadeln überall, drittklassige Penner. Wir waren einfach arm. Wenn die Hose kaputt geht, nimmst du Sicherheitsnadeln.“ Die Ironie dieses Punk-Looks, wie auch fünfzehn Jahre später des sogenannten Grunge, liegt sicher darin, dass der Look bald massenhaft kopiert und zur Mode erhoben wurde. History repeats itself.

Über die musikalischen Qualitäten der Pistols macht sich die Doku keine großen Illusionen. Das Equipment zusammengeklaut, kaum die Instrumente beherrschend, war die Musik der Pistols vor allem laut und authentisch. Und genau darin lag ihr Erfolg. Im Publikum waren damals spätere Größen wie Siouxsie Sioux oder Billy Idol zu finden – die Sex Pistols inspirierten viele Künstler. Und die Öffentlichkeit der siebziger Jahre war noch ungleich leichter zu schocken als unsere multimedial geprägte Gesellschaft. Ein „Fuck!“ und ein „Shit!“ in einem TV-Interview genügten schon, um das bürgerliche Establishment in hellen Aufruhr zu versetzen – spießbürgerliche Hysterie und Auftrittsverbote folgten.

Da zu jeder guten Shakespeare-Story unweigerlich der Niedergang gehört, wird auch das Ende der Pistols, mit durchaus melancholischem Unterton (geradezu tragisch, wenn Rotten über den Drogentod seines alten Kumpels Sid Vicious spricht und losschluchzt), in unerbittlicher Genauigkeit thematisiert. Der sich aufschaukelnde Streit zwischen dem selbstherrlichen Manager Malcom McLaren, der selbst auch in einigen Interviews zu Worte kommt („Ich hab die Sex Pistols gemacht! Sie sind mein Kunstwerk!“), und dem rebellischen Johnny Rotten („Mich hat keiner gemacht!“), die Zerwürfnisse der Bandmitglieder Steve Jones, Glen Matlock, Paul Cook, Johnny Rotten und später Sid Vicious untereinander, die zunehmende Drogensucht von Vicious unter dem verhängnisvollen Einfluss der abgefuckten Nancy Spungen, eine verhängnisvolle letzte US-Tour 1978, die schließlich im endgültigen Zerwürfnis und Ende der Sex Pistols mündete.

Am Schluss dann eine frappierende Episode, kurz vor dem Drogentod der Liaison fatale Nancy Spungen und Sid Vicious. In einem grotesken Interview sieht die einigermaßen debil vor sich hin quasselnde Spungen tatsächlich wie ein Ebenbild von Courtney Love aus, völlig neben der Spur mit schwarz umränderten Augen, eine trashige Gossen-Gestalt mit einer blond explodierten Frisur, während neben ihr ein offensichtlich völlig zugedröhnter Sid Vicious mit Sonnenbrille und Hakenkreuz-Shirt vor sich hin deliriert – Punk war da schon längst tot.

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