The Dark Knight

von Benjamin am 23. August 2008

in Film ab!

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Entgegen meines inneren Anspruchs auf Vollständigkeit, auf die Berührung des Rahmens der das Bild umgibt, will ich hier versuchen, auf Dinge hinzuweisen, die vielleicht nicht Thema der Rezensionen der Großen sind. Man beachte z.B. die Verortung Christian Bales als Batman außerhalb glamuröser Tatorte; Batman taucht da auf, wo Kriminelle sich treffen, um ungestört zu sein. Parkhäuser, dunkle Straßen, verlassene oder verfallene Gebäude. Schon immer war Batman kein Superheld im klassischen Sinn, seine Stärke war zum Einen sein Sinn, Hang und Drang nach Gerechtigkeit und die Möglichkeit, sich technisch so auszustatten, dass er gegen Kriminalität mit anderen Waffen kämpfen kann, als die Exekutive dies kann. Trotzdem ist er verletzlich. Christian Bale als Batman kann seine Wunden nicht verschwinden lassen, er muss sie selbst zunähen. Aber auch das wissen wir schon alles, das wussten wir auch schon seit Michael Keatons grandioser Szene in Pinguins Abwassergewölbe. So taucht das Thema der Kopie sehr zu Anfang des Films als ein Problem Batmans auf. Batman ist jeder, der sich ein Fledermauskostüm anzieht und Gewalt ausübt. „Was unterscheidet dich von mir“, fragt dieser verkleidete Gangster in „The Dark Knight“ und Christian Bale antwortet: „Dass ich keine Schulterpolster brauche“, und verweist damit auf seinen durchtrainierten Körper aber lässt den Zuschauer sich die wesentlichen Unterschiede ins Gedächtnis rufen. Trotzdem wird hier auf die schwierige Frage des Unterschieds zwischen Original und Kopie hingewiesen, deren Beantwortung Batman sich entzieht; da er der endgültigen Antwort nie gerecht werden kann, verweist er auf einen unwichtigen aber dafür deutlich sichtbaren Unterschied. Ein paar kleine Szenen wie diese machen – neben der sorgfältig ausgefalteten Geschichte und der schauspielerischen Leistung, der ja aber wie gesagt schon woanders genug Rechnung getragen wird – die Größe dieses Films aus. Da sieht man Christian Bale, wie er mit Hilfe Morgan Freemans als Lucius Fox gegen den Joker kämpft; weil es dunkel ist, bedient sich Batman eines Sonars, das durch den Verbund von Mobiltelefonsignalen funktioniert. Dieses Sonarbild wird Batman direkt vor die Augen projiziert, auf das er sich blind im wahrsten Sinne des Wortes verlässt. Als unpraktisch erweist sich dieser allwissende Blick aber schon in der nächsten Sekunde, als der Joker direkt vor ihm auftaucht und ihm einen Schlag ins Gesicht verpasst. So fühlen wir uns aber wie in einem neuartigen reell wirkenden Cyberspace, wenn dieses Sonar einen dreidimensionalen Raum erzeugt.

Einen sehr gegenwärtigen und aktuellen Blick wirft der Film auf die Wahrnehmung der Katastrophenschauplätze. Wie in den Nachrichten Bilder von Hubschrauberkameras der Sender verwendet werden, werden diese Orte – hervorgerufen durch terroristische anmutende Aktivitäten des Jokers – in „The Dark Knight“ von den Kameras überflogen. Weiterhin manipulierte der Joker schon im „Batman“ von 1989 das Fernsehen, indem er sich mit einem Störsignal in das Programm einhackte. Dort pervertierte er das Einkaufsfernsehen Das muss der Joker 2008 nicht mehr tun. Er filmt mit einer Amateurkamera seine Geiselnahmen und Verbrechen und schickt/sendet/überträgt diese ans lokale Fernsehen. Die Katastrophe ist adoptiert, an die Existenz des Chaos hat man sich gewöhnt, man baut sie als Berichterstattung ins Fernsehen ein.

Dies alles addiert sich zu dem postmodernen Batman, den wir in „The Dark Knight“ sehen. Teile davon sah man auch schon in „Batman Begins“, doch da hatte man noch die Vorgeschichte in Bhutan, in der Bruce Wayne erst zu Batman „wird“, die dem ganzen Film einen weitaus mystischeren Anstrich gab als „The Dark Knight“ das zulässt. Batman, Harvey Dent (später Two-Face), Rachel Dawes, Jim Gordon und Der Joker sind Manifestationen menschlicher Ideen von Stärke und Schwäche, Schönheit und Hässlichkeit, Gewalt und Frieden, Gerechtigkeit und Ungerechtigkeit, Ehrlichkeit und Lüge, Aufrichtigkeit und Niederträchtigkeit, Chaos und Ordnung, Größenwahn und Bescheidenheit, Schicksal und Zufall. Was in der Gesellschaft durch den Staat und andere Ordnungen seit Jahrhunderten und Jahrtausenden verankert ist, seinen Ursprung nahm und sich weiterentwickelt hat, wird hier dargestellt, bestätigt, widerlegt und hinterfragt. Schwierig eigentlich für einen Film, der in manchen Rezensionen für „nur ein Superhelden-Film“ gehalten wird. Dabei würde es nicht lange brauchen, um zu mehreren interessanten Beweggründen des Bedürfnisses der Gesellschaft nach einem Superhelden zu gelangen. Wenn Recht und Ordnung durch den Staat und seine Mittel nicht mehr aufrecht erhalten werden können, dann kommt eben jemand, der es auf seine Art und Weise macht, aber natürlich trotzdem immer mit Gewalt. Ob dies nun ein Held mit oder ohne Superkräfte ist, spielt für die Leinwand letztendlich keine Rolle. Auf der Leinwand ist jeder ein Held, wenn er vom Regisseur und Schnitt künstlich herbei und auf und ins Bild gerufen wird. Dass dieser Leinwaldheld aber eigentlich keinem Gesetz unterworfen ist, außer dem Inhalt des Drehbuchs und den Anweisungen des Regisseurs, ist aber eigentlich bei keinem Film der Fall. Vielmehr verweist „The Dark Knight“ durch seine Figuren auf ein uraltes Problem des Films selbst. Wenn wir Figuren im Kino sehen, kämpfen sie eigentlich Zeit ihres Filmdaseins für 80, 90, 120 oder auch wie hier 152 Minuten dagegen an, was wir von dem halten, was sie repräsentieren oder sagen oder tun. Was repräsentiert Batman oder was wollen wir von ihm? Das gleicht eigentlich dem, was die Bürger von Gotham City von ihm wollen. Gerechtigkeit soll Batman ausüben, Gerechtigkeit soll den Guten widerfahren, Bestrafung und Bekehrung für die Bösen. Aber „The Dark Knight“ stellt dies durch seine Figuren in Frage. Batman, Harvey Dent, Der Joker, das sind alles nur Projektionsflächen, um das zuordnen zu können, was die Menschen für gerecht und ungerecht halten. Und wir schauen uns selbst dabei auf der Leinwand zu. Wir schauen dem Mechanismus des Ordnens zu, den wir bestätigt oder widerlegt sehen. Aber letztendlich sehen wir uns wieder geläutert nach Abspann. Batman ist auf der Flucht, Harvey Dent/Two-Face ist tot, nur der Joker… als wir ihn das letzte Mal sehen, hängt er kopfüber.

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{ 6 Kommentare… read them below or add one }

1 Sterereo August 23, 2008 um 12:56 Uhr

Ja, Heath Ledgers Leistung als Joker ist indiskutabeln. Nämlich indiskutabel gut *schmatz*. Von der Körperhaltung bis zur Grimasse ein stimmiger Film-Psychopath, der so wohl auch nur in Gotham-City funktionieren kann. Jack Nicholson-Vergleiche dennoch unangebracht, weil die Clown-Rolle viel zu unterschiedlich gefüllt wird.
Du hast absolut recht, Cut, der Film läutert den Zuschauer in einer Batman-Unbekannten Ehrlichkeit über Recht, Gewalt und Fairness. Düster schwangt es zwischen überheblicher Action, über unmenschlicher Grausamkeit bis zum 9/11-Spiegel des gedehnten Ami-Rechts- und Überwachsungssystems. Und der Anti-Super-Held Batman mitten im Dilemma, das den Flattermann einige Male nicht sonderlich gut dastehen lässt.Trotzdem dämpgen einige filmische Schwächen das Vergnügen. Die viel zu rasante Kamerafahrten lassen einige Szenen kaum nach zu vollziehen. Oder das unweigerlich Kopfkratzen, als ein wichtiger Nebencharakter Jesus-Gleich von den Toten aufersteht.
Trotzdem ein sehenswerter Batman-Streifen, nicht zuletzt wegen diesem Joker.

2 Cut1977 August 23, 2008 um 13:57 Uhr

Nachtrag zu The Dark Knight.

Nachtrag zu The Dark Knight.
Intelligenterweise spricht Christopher Nolan Batman als Superkraft doch eines zu: das Auftauchen und Verschwinden von der „Bildfläche“. Dieses Verschwinden und Auftauchen ist durch diegetische Technik nicht zu bewerkstelligen und wird im ersten Teil nur unzureichend als Trainingseinheit Ablenkungsmanöver erklärt. Im Batman von 1989 benutzt Michael Keaton kleine Rauchbomben um zu verschwinden. Aber in „The Dark Knight“ ist das alles eine Sache des Schnitts und einmal eine Sache des Lichts (die Verhörszene, in der Jim Gordon aus der Zelle verschwindet und Batman hinter dem Joker aus dem Dunkel auftaucht). Zumeist befindet sich Batman im Dialog, wird durch sein Gegenüber für einen Moment aus den Augen gelassen und ist im nächsten Schnitt verschwunden. Nichts ungewöhnliches für einen Film, wieso, frage ich mich, wundert das uns eigentlich ob des Umstands, dass jeder der auf der Leinwand zu sehenden Personen vom einen zum anderen Augenblick verschwinden oder auftauchen kann? Aber es wundert uns natürlich, weil die andere Person Batman noch dort erwartet, wo er vorher war und das trägt erheblich zum realitätserweckenden Charakter des Films bei. Christopher Nolan spricht Batman so eine Superkraft zu, die er sowieso als Filmschauspieler hat.

3 Sterereo August 23, 2008 um 15:31 Uhr

Jetzt wird’s philosophisch. 😉

4 Pynchon September 8, 2008 um 21:14 Uhr

Ordentliches Popkorn-Kino, aber mir hat der Vorgänger „Batman Begins“ (ebenfalls von Chris Nolan) besser gefallen, weil deutlich psychologischer und weniger Action-mäßig.
Der Joker Heath Ledger ist natürlich sehr charismatisch und ein echter Bringer, sehe ich auch so, aber ein oder zwei von den halben Dutzend finalen Showdowns hätt man sich schon sparen können, oder…?

5 Sterereo September 11, 2008 um 17:33 Uhr

Ach, vielleicht. Habe aber gerade letztens mit Nico nochmal herzlich über den Krankenhaus-Explodiertdanochwas?-Blick gelacht. Habe bisher auch noch nie einen LKW der Länge nach aufschlagen sehen. Da fand ich die Action-Fahrt ganz nett, soweit man ihnen folgen konnte… . Wieso der Film allerdings nicht mit dem erstem blechernen Münzwurf von der Kokelvisage in den Abspann übergeht, bleibt mir weiterhin ein Rätsel.

6 Pynchon September 13, 2008 um 11:37 Uhr

Ja, Krankenschwester Heath ist defintiv das Highlight- meiner Meinung nach hätte der Joker sich noch viel öfter absurd verkleiden sollen- die meisten Schwestern, denen ich während meines kurzen Nasen-OP-Krankenhausaufenthalts begegnet bin, sahen bis auf eine Ausnahme nicht unbedingt besser aus als die Joker-Schwester…

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