The Dø – Interview

von Sterereo am 18. April 2009

in Interviews

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Triefst beleidigt marschiert der schwarze Kater dreimal über das schnurlose Telefon und dem batteriebetriebenem Aufnahmegerät. Keine Hand frei und auch der Kopf ist mit den Gedanken beim Indie-Tandem The Dø, dessen weibliche Hälfte Olivia aufgeschlossen in den Hörer staunt: „Oh, ihr präsentiert unsere Tour? Das ist ja cool!“ (Tour-Info) Zu diesem Zeitpunkt ist das nette Gespräch seinem vorprogrammierten Ende nahe. In der halben Stunde zuvor gab es eine Menge über Dan Levy und Olivia Merilahti zu erfahren. Dort drüben im Land des Chansons sind sie mit ihrem (englischen!) Nummer-Eins-Hit „On My Shoulders“ eine kleine Sensation. In Deutschland dagegen hat man bisher höchstens von einer französisch-englischen Kollaboration gehört:

Zuerst wollte ich mal horchen, wie denn die Aufnahmen mit Luke Prichard (Kooks) waren?

Oh, das waren nur wenige Tage und es wurde wirklich groß geredet. Es gab einige Coverversionen, die wir aufgenommen haben, nur so, zum Spaß. Er spielte Gitarre, ich habe etwas gesungen. Das haben wir dann zusammengefügt. Wir wussten vorher nicht was daraus wird. Gespielt haben wir dann unter anderem “The West Coast Pop Art Experimental Band – I Won’t Hurt You”.

Werden die Songs irgendwo erscheinen?

Wissen wir noch nicht. Es ist alles noch recht neu und wir müssen noch darüber nachdenken.

Dann reden wir lieber über „A Mouthful“, das Album erscheint jetzt in Deutschland. Aber erstmal zu euch: Dan, ist tunesischer Herkunft, du bist halbe Finnin. Fühlt ihr euch denn als eine französische Band?

Ich denke wir fühlen uns nicht speziell irgendwo zugehörig. Irgendwie bin ich aber doch französisch. Aber trotzdem habe ich eine starke finnische Seite. Dan hat eine englische Mutter und stammt aus der jüdischen Kultur, dazu kommt das Tunesische. Wir sind wirklich offen was die Herkunft und Mentalitäten angeht und daher fühlen wir uns jetzt nicht wirklich besonders französisch. Ich denke wir fühlen uns mehr als Europäer. Diese neue Identität wächst dort ins uns (lacht).

Hilft es euch nicht in Frankreich, als französische Band. Da gibt’s doch diese Radioquote…

Auf gar keinen Fall! Wir sind zwar Franzosen, aber wir singen englisch. Das macht den Unterschied. Selbst Engländer die auf französisch singen werden leicht groooooß in Frankreich, wegen dieser Radioquote. Für alle anderen ist es schwer. Dabei berauben sie den Musikern die Freiheit die Sprache selber zu wählen. Es ist total idiotisch dieses Gesetz zu haben. Es soll zwar die Sprache schützen, aber es behindert die Künstler. Wir brauchen diese Zensur nicht. Überleg dir mal, wir waren die erste Band aus Frankreich die englisch singt und in der erste Woche in der Charts auf Nummer eins ging. Das gab’s es vorher noch nie! So einen Erfolg hätte niemand erwartet! Viele Plattenfirmen hassten uns dafür. Wir haben anfangs vielen Labels abgeklappert, aber sie haben uns weggeschickt mit den Worten: „Ihr schafft es nie, wenn ihr nicht französisch singt!“ Das ging häufig so, bis wir endlich ein Label gefunden haben.

Warum aber gerade englisch?

Na, ganz einfach, es war immer mein musikalischer Hintergrund. Ich bin fasziniert von Sprachen, da passt Englisch als Weltsprache super. Ich mag diesen Gedanken.

Jeder soll also die Texte verstehen?

Ich bin mir nicht sicher, ob es wirklich eine so bewusste Entscheidung war. Ja, vielleicht. Es ist wohl der einfachste Weg die Leute auf der ganzen Welt zu erreichen.

Denken wir jetzt an „Unissasi Laulelet“…

Ja, genau, dass ist das genaue Gegenteil! Das verstehen nun wirklich nicht viele Leute auf der Erde. Aber letztendlich wollen wir Musik machen. Ich habe dieses Werkzeug, dass ich auch diese Sprache spreche. Die Sprache ist einfach ein Instrument und es passte für den Song einfach sehr natürlich.

Worum geht’s dort überhaupt?

„Unissasi Laulelet“ bedeutet, dass du im Schlaf singst. Es ist ein ziemlicher naiver, poetischer Text über die Faszination der Natur. Es ist wirklich sehr finnisch.

Du sagst schon, viele Leute bekommen das überhaupt nicht mit. Das extremste Beispiel sind wohl Sigur Ros mit ihrer Fantasiesprache.

Ja, das find ich toll. Ich hätte sehr gerne eine universelle Sprache. Kennst du Volapük? Ach, das ist eher so ein französisches Ding aus den 50er Jahren. Oder Esperanto. Das würde ich liebend gerne können!

Dabei hat das finnische auch eine großartige Eigenart. Es ist einer der wenigen Sprachen mit einer phonemischen Orthographie. Das heißt ich könnte fehlerloses Finnisch vorlesen, ohne auch nur ein Wort zu verstehen. Ist das nicht einfach die perfekt Sprache für die Musik? Jeder könnte mitsingen!

Ja, das ist eine super Idee (lacht). Aber, es hat leider eine ziemlich komplizierte Grammatik und viele Buchstaben kommen in anderen Sprachen gar nicht vor. Ich bin mal also nicht sicher ob es so eine gute Sprache dafür ist. Aber vielleicht hast du Recht? Darüber müsste ich mal in Ruhe nachdenken (lacht).

Du sprichst es an: Der Buchstabe. Man könnte denken, das „ø“ wäre deiner finnischen Herkunft zu verdanken. Aber den Buchstaben gibt es ja überhaupt nicht im Finnischen…

Richtig! Gut herausgefunden!

… Es gibt im Internet sehr viele Spekulationen über euren Bandnamen. Ich erzähle dir mal ein paar und du sagst mir, welche Geschichte dir am besten gefällt.

Ok.

Es sind ja die beiden ersten Buchstaben eurer Vornamen.

Exakt.

Es klingt ausgesprochen nach „dough“, was wohl nahe am französischen „deux“ für zwei, also euch zwei, sein soll.

Ja, das ist so eine Erklärung die wir nie von uns gegeben haben. Aber es könnte auch stimmen.

Jetzt die Dritte, die mag ich persönlich am liebsten: Der Name kommt von dieser Gesangsübung, dem Solfège, dass ja bekanntlich mit DO-RE-MI beginnt.

Genau. Normalerweise begründen wir es mit den Vornamen. Manchmal mit der Tonleiter. Also, du hast da ganz richtige Sachen gefunden! Außerdem haben wir das „ø“ benutzt, da es aussieht wie eine Note.

Richtig. Sehen wir uns eurer Logo an, dann habt ihr dort eine volle Note und eine Viertelnote. Habt ihr Noten gelernt? Hattet ihr eine klassische Musikausbildung?

Ja, tatsächlich. Ich habe Piano gespielt, aber auch klassische Gitarre und dann habe ich Saxofon gelernt. Wir hatten beide eine sehr akademische Musikausbildung. Dan sogar noch mehr als ich.

Wann hat das angefangen?

Ich glaube ich muss acht gewesen sein, als ich mit Cello angefangen habe. Aber nur, weil sie keine Plätze mehr für Pianoschüler hatten. Der Kurs war überbucht. Haha, deshalb Cello! Ich glaube so mit acht oder neun Jahren muss es auch für Dan angefangen haben.

Was kam dann, die erste Schulband?

Das begann irgendwann mit 14 Jahren, dass ich in Bands gespielt habe. Dann habe ich ein paar eigene Songs geschrieben. Du weißt schon, so peinliche Sachen die ich vor allen versteckt habe. Danach habe ich viel Jazz gesungen. Ich mag viele Sachen, Punk auch. Als ich dann Dan getroffen habe, wurde alles zusammengemischt.

Könnte man jetzt sagen, was die Ausbildung angeht, Dan ist die volle Note, mit seinem Tonstudio und die kreative Viertelnote?

Nein, nein, das hängt ganz stark vom Track ab. Wir arbeiten zusammen an den Songs. Na gut, ich schreibe die Texte, und er kümmert sich normalerweise um die Arrangements. Doch der ganze Prozess wird geteilt. Ich gebe Sachen zu ihm, er gibt mir andere. Dann geht es immer wieder hin und her und hin und her, so lange bis wir ein Ergebnis haben.

Streitet ihr euch dabei?

Nicht wirklich. Wir freuen uns immer im Studio zu sein. Sind aber auch immer sehr ungeduldig, nervös und klammern uns an Ideen. Wenn du so intensiv mit jemand zusammenarbeitest, dann kannst du nicht immer friedlich und höflich sein. Also, na ja, es kann schon mal zum Knall kommen, aber dann vertragen wir uns auch wieder und freuen uns über das Ergebnis. Es hat übrigens einige Zeit gedauert, bis uns klar war, dass wir ein Album aufnehmen wollen. Wir hatten beide so viele Projekte am Laufen. Zu dem Zeitpunkt hatten wir aber schon einige Songs. Unser Manager hat gesagt, Leute, ihr solltet euch Gedanken über ein Album machen. Dann haben wir weiter an Songs gearbeitet, aber mit einer selbstgesteckten Deadline, sonst hätten wir es niemals fertig bekommen. Es ist alles so aufregend gewesen, einfach nur für uns zu arbeiten. Vor allem Dan war es gewohnt für andere zu arbeiten: Für einen Dirigenten, für einen Choreografen. Es ist spannend und interessant für jemanden zu arbeiten, aber ab einem bestimmten Punkt musst du einfach deine eigenen Regeln setzen.

Und dass sehr erfolgreich.

(lacht) Ja, dass ist die beste Belohnung.

Ich höre eine Menge Björk, die frühren Cardigans in eurer Musik, aber auch The Go!-Team werden im Pressetext genannt, auch Beck, die Fleet Foxes und Leslie Feist stehen da. Was waren denn nun eure Einflüsse?

Ich mag Björk und ich höre oft Beck, sehr viel zuletzt. Irgendwann wollte ich einfach nur noch singen und dadurch nur noch Sängerinnen hören – da war ich vielleicht 14 oder 15 Jahre alt. Das waren dann Fiona Apple und Alanis Morissette. Dabei habe ich eine Menge über das Songschreiben gelernt. Ich denke, die sind beides gute Songwriter, auch wenn ich die Musik heute nicht mehr höre. Dagegen altert Björk nicht, sie bleibt irgendwie immer frisch. Aber ich habe auch angefangen viel Hip Hop zu hören, diesen ganzen West-Coast-Kram mit Dr. Dre, Snoop Dog, Eminem und Wu-Tang. Sind die überhaupt noch West-Coast? Ach egal. Witziger Weise war der Hip Hop alles was ich mit Dan gemeinsam hatte, als wir uns getroffen haben. Er hört viel klassischen Kram.

Auf eurem Album, „A Mouthful“ klingt dagegen nur „Queen Dot Kong“ nach so etwas wie Rap.

Ja, der ganze Song ist auch mehr ein Witz. Das ist ja kein rappen, mehr so schnelles sprechen (lacht).

So einen Song habe ich am wenigsten erwartet in dem Kontext eures Albums. Sehr absurd und damit echt witzig.

Ich bin froh, dass du das so sieht. Manche verstehen einfach den Track nicht, die denken nur: „Was ist denn jetzt los?“. Von dem Kram haben wir sogar noch mehr. Also mal sehen, kann gut sein das es auf dem nächsten Album noch mehr solcher Überraschungen gibt. Mach’ dich auf etwas gefasst!

Aber die Nummer eins-Platzierung habt ihr mit „On My Shoulders“. Es war in einer Fernsehrwerbung für Bürobedarf (Youtube-Link) zu sehen. Wie kam es dazu?

Das war noch ganz am Anfang, als das Album noch nirgendwo zu haben war. Wir waren bei Universal, die haben dann den Song raus gegeben. Wir wussten, dass es gefährlich sein könnte für irgendeine Werbung unseren Song her zu geben, aber der Spot ist wunderschön geworden. Es ist nicht irgendein neuer Senf oder ein ähnlich schlimmes Produkt. Es gibt auch keine Stimme über die Musik. Für uns war es damit einfach perfekt.

Also ihr habt nicht den Song einfach nur für den Spot komponiert?

Nein, den gab es schon lange. Wir hatten ihn sogar auf Myspace. Der Werbespot war wahrscheinlich schon fertig und hat die Musik dann nur noch darunter gelegt. Aber es passt wirklich super zusammen.

Den Spot ist natürlich sehr romantisch, was Papier angeht. Schreibst du die Songs auf einem Block?

Nein, ich verliere meine Schreibblöcke immer (lacht). Deshalb nehme ich dafür meinen Laptop. Obwohl, eigentlich mache ich beides. Ein Notizbuch hab ich auch noch.

„On My Shoulders“ handelt von verpassten Chancen. Du singst „Next time ill try it another way“. Bereust du schon irgendwas in eurer jungen Bandgeschichte?

Ach, ich mag es nicht zu bereuen. Ich glaube auch nicht, dass ich irgendetwas anders machen würde. Ich glaube, wir schlagen uns sehr gut. Wir sind sehr stolz auf dass, was wir geschafft haben. Wir haben uns nie von unserer musikalischen Überzeugung getrennt.

Doch jetzt wo die Karriere fahrt aufnimmt. Fühlst du eine Last auf deinen Schultern?

Nicht wirklich. Ich denke es ist super. Na gut, Touren ist manchmal etwas anstrengend und ermüdend. Manchmal fühlst du dich, als hättest du den größten Auftritt aller Zeiten gegeben und dann bist du wieder total enttäuscht von deiner Leistung. Es geht auf und ab. Wir können uns aber nicht beschweren. Gerade jetzt, wo das Musikgeschäft so schwierig ist.

Ihr habt neben „Queen Dot Kong“ noch andere spannende Ideen auf dem Album. Woher kommen diese Ideen?

Wie kommen wir darauf? Oh, keine Ahnung. Wir wollen einfach manchmal etwas anders machen als bei den Songs davor, es soll unterschiedlich arrangiert sein, verschiedene Charaktere und Stimmungen transportieren. Auch von den anderen Projekten, an denen wir zeitgleich arbeiteten, kamen Inspirationen.

(husten im Hintergrund) Ach, jetzt kommt Dan rein, nur um mal etwas zu husten. Verschwinde!

Wie ist das so eigentlich so mit euch beiden? Was für eine Art Beziehung ist das?

Eine intensive, künstlerische Beziehung. Also wenn wir nicht Touren, dann sind wir im Studio, also verbringen wir wohl so um die 90 Prozent unserer Zeit zusammen. So richtig Zeit zum weggehen bleibt da meist nicht. Unsere Familien beschweren sich auch schon deswegen.

Fühlt ihr euch irgendeiner Gruppe von Menschen zugehörig?

Gerade als Musiker möchte man ja eigentlich sehr eigenständig sein. (Zu Dan) Zu welcher Gruppe fühlen wir uns zugehörig? Schwierige Frage.

Ich frage deshalb, weil ich über euch gelesen habe, dass du, Olivia, die Schüchternheit bist und Dan der französische 50Cent.

(Wieder zu Dan) Hey, die sagen hier du bist der französische 50Cent. (Kauderwelsch am anderen Ende der Leitung, lachen)

Was sagt er da?

(lacht) Er sagte etwas wirklich Gemeines auf französisch. Also scheint es zu stimmen. Aber ich bin nicht so schüchtern. Ich habe dazu gelernt. Ich bin nicht mehr so finnisch.

Fotos: Band-Myspace

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