Sofa Surfers – Blind Side

von Hififi am 12. April 2010

in Musik!

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„Cargo“ war der schwere Gang, das zweite Album nach wirklich allerhand guten Kritiken und dem damals noch intaktem Musikfernseh-Airplay. Mit „Transit“ hatten sie sich doch bereits ihr eigenes Genre vor dem vergleichsweise wesentlich erfolgreicheren „Decksandrumsandrockandroll“-Album der Propellerheads erarbeitet. Und dann „Cargo“ eine Drecksau an vertrackten Dub-Rhythmen, die doch so schwer zu verdauen war und bis heute immer noch für sich steht. Fast bösartig bauen sich Soundtürme der Marke „Latal In Tampere“ vor dem Hörer auf und versalzen ihm gehörig die Suppe. Elektronik (was erstmal so klingt, denn es ist ja handgemacht) zum abgewöhnen, aber pervers gut, für die Masochisten unter uns. Gerne abgelöst von Red Snappers „Making Bones“, fast zeitgleich erschienen, ebenso Dub aber einfach eingängiger. So sattelten wir damals um, nicht direkt aufs falsche Pferd, aber den wahren Wert dieses außergewöhnlichen Werkes verkennend. Und nun – da der Fehler und die lange Abstinenz erklärt sind – sind sie wieder da: Sofa Surfers. Jetzt nur für mich, denn es gibt in der Zwischenzweit drei komplette Alben, einen Soundtrack und ein Remix-Album zu hören, die ich ausgelassen habe. Das wird sich ändern, denn „Blind Side“ ist definitiv das Album geworden, was ich an dieser Stelle nicht unbedingt aus Wien erwartet hätte. Die punktgenau gesetzten Drums sind die Alten, die Bassgitarre ist knarzig, schwelend immer präsent, während ich mich ja erst an gelegentlich einsetzende Post-Rockische Gitarrenriffs gewöhnen muss. Der absolute Clou ist aber wirklich die Soul-Stimme von Mani Obeya! „Hardwire“ ist dabei so sehr Tricky und sowenig Soul, dass es an Massive Attack heranreicht. Der beschwörende Sprechgesang ist jedenfalls nah an diesen Trip Hop-Meilensteinen und wenn Prodigy heute noch Ideen hätten (außer die alten 90er Jahre-Beats zu rekultivieren) würden sie so klingen (wollen), davon lässt sich ausgehen. Und wenn er singt, mit der belegten Stimme eines Terence Trent D’arby, getrieben und wenig auf Wohlklang bedacht, dann ist es wie die Neuerfindung eines längst vergessenen Bandsounds. Wohlgemerkt eines Bandsounds den ich längst vergessen habe, oder den ich bisher nicht gehört habe. Und dann „Sinus“: Wiegender Soul auf flirrenden Gitarren-Feedbacks, die ebenso schmerzen, wie der bedeutsame Gesang eines Mani Obeya. Die starren Gitarrenstandards wie aus typischen Postrock-Songs setzen ein, aber nicht der typische Klimax an aufeinandergereihten Sounds. Es bleibt meist leise, immer in Ansätzen eruptionsfähig, aber doch oft auf den beschwörenden Gesang zugeschnitten. Um mit „gutcut/u.d.h.w.“ doch noch von den Shout-Qualitäten und den Post-Core-Staccatos von Fugazi überrascht und verwöhnt zu werden. Ein weiteres, schwer erträgliches Monster aus dem Hause Sofa Surfers, so wie ich es nur jedem wärmstens ans Herz legen möchte.

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{ 3 Kommentare… read them below or add one }

1 otic April 12, 2010 um 12:26 Uhr

Schönes Review! Ich erinnere mich noch an die „Cargo“-Tour, bei der jemand vor mir in dem wabernd-dröhnendem Szenario aus Jointnebel, nervöser Videoprojektion, dumpfer Basslinien und Beats aus dem Stand heraus einfach umgekippt ist.

2 Hififi April 12, 2010 um 15:28 Uhr

Ich kann es mir vorstellen und bin trotzdem ein wenig neidisch, dass du da warst.

3 otic April 14, 2010 um 00:32 Uhr

Retrospektiv wirken solche Events immer mehr besonders, als damals.

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