Slut – Interview

von Sterereo am 23. Januar 2008

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Müffelnder Jugendherbergencharme im Hinterzimmer des Undergrounds. Neben den, seit dem deutschen Wirtschaftswunder ausrangierten Doppelstahlbetten und wenig zusammenpassenden Blümchenbettwäsche, schlagen die Ingolstädter von Slut ihre Zelte für einen Tour-Stopp auf. Im Reisegebäck das überquellende Notenheft ihrer instrumentgewaltigen Bereicherung fürs Schubfach im Plattenregal. Endgültiger Taufname des nun ans Tageslicht beförderten sechsten Albums „StillNo1“ bleibt Interpretationssache. Befragt nach seiner urpersönlichen Lieblings-Lesenart gibt Gitarrist Rainer Schaller zu: „Wohl irgendwie ’Still No One’, obwohl ich mich mit ‚Still Number One’ auch sehr gut leben kann“. Er grinst.

Viele könnten denken: ‚Jetzt sind Slut dem Größenwahn verfallen!’

Damit hat es ja eigentlich nichts zu tun, wenn man sich den Text des Songs ‚Still No. 1’ anhört. Es ist nicht auf uns bezogen. Obwohl es auch etwas den Reiz des Titels ausgemacht hat, dass die Leute denken: ‚Was ist in Slut gefahren?’. Wir schätzen unsere Hörer aber so ein, dass ihnen anhand des Textes und der Musik klar wird, dass es so nicht gemeint ist. Wir haben ein gutes Gewissen dabei und vertrauen den Fans.

Die Leute werden es euch danken. Das Album ist unglaublich vielschichtig geworden. Haufenweise Instrumente darauf. Habt ihr alles selbst eingespielt?

Ja! Der Großteil von uns kann viele Instrumente spielen. Zwar nicht alle perfekt, aber dafür mehrere. Wir fanden es war mal wieder Zeit dies zu nutzen. Und es macht mir wirklich irre Spaß. Es lag mir schon immer viel daran nicht nur ein Instrument zu spielen und ein Fachidiot zu sein.

Könntest du dir vorstellen deine Gitarre komplett einzutauschen?

Nein, dass will ich auch gar nicht. Obwohl ich auf dem Album nur ein oder zwei Mal an der Gitarre zu hören bin.

Welche Songs waren dass?

Puh. Oder war’s doch bei gar keinem? (lacht und überlegt dann) Doch: bei „Come On“ hab ich die Gitarre eingespielt.

Manche (so wie passender Weise just in dem Moment der ‚intro’-Interviewer im hinteren Teil des Raumes) sprechen von einem Stilwechsel. Kannst du das nachvollziehen?

Finde ich jetzt nicht. Glaube schon, dass unsere typische Grundstimmung noch vorhanden ist. Mein Gott, wenn man mal einen anderen Rhythmus verwendet und in die 60s, 70s abdriftet dann ist das eben so. Wir können doch nicht Jahre lang denselben Stiefel spielen.

Ein kurzer Zeitsprung zurück zur Dreigroschenoper. Zuletzt habt ihr euch viel mit den Liedern von Kurt Weill beschäftigt. Wie hat euch dass beeinflusst?

Es hat uns mit Sicherheit beeinflusst, vor allem was die verschiedenen Instrumente angeht.

Dort haben wir schon viel mit Klavier, Akkordeon und Percussions ausprobiert, da es im Theater gespielt wurde und wir wegen der Akustik andere Wege gehen mussten.

Daher also die Experimentierfreudigkeit? ‚Heute machen wir einen Song mit Akkordeon!‘

(Namentlich das tanztaugliche „Better Living“ mit seinem Quetschkomodenfinale. Musste allerdings von Sänger Christian Neuburger beim anschließenden Konzert mit einigen Mißtönen und den Worten „Ja mei, I kanns halt net so gut“ witziger Weise kurz vor der Ziellinie beendet werden.)

Im Prinzip schon. Wir wollten nicht mehr in diesen Genres denken.

Bist du überrascht von „StillNo1“?

(spontan) Ja! (überlegt dann) Was heißt überrascht? Ich fand’s einfach toll, dass jeder wieder für alles zuständig war. Absolut ohne Kompetenzgerangel. Kein Problem wenn mal der Keyboarder die Gitarre einspielt. Das brachte eine prima Stimmung ins Studio. Es hat tierisch Spaß gemacht, denn wir haben schon seit mehreren Platten nicht mehr so sehr an einem Stück gezogen.

Ein anderer interessanter Aspekt der Platte ist der wohl augenscheinlichste: Das Cover von Sigurd Wendland. Ein Gemälde. Woher diese Idee?

Wir haben uns schon länger nach echten Kunstwerken für ein Albumcover umgesehen, sind in Galerien gelaufen und haben Bilderbände gewälzt. In einer Kunstzeitschrift haben wir dann Bilder von Sigurd Wendland gefunden und waren alle begeistert. Wir haben ihn dann angerufen, er hat uns ins Atelier eingeladen und meinte: ‚Meine Tochter ist ein großer Fan von Euch’, damit war die Sache klar. Das Ganze zieht sogar noch weitere Kreise, wir schießen jetzt bald ein Video zusammen, wo wir durch seine Galerie laufen. Im April planen wir auch eine gemeinsame Tour. Wir treten während seiner Ausstellung auf und spielen leise ein paar Songs. Es bleibt aber seine Vernissage, wir sind nur zweiter Programmpunkt.

Könnten dann nicht die Slut-Fans die Bude einrennen?

Das macht nix, die schauen sich dann die Bilder an. Sigurd hat auch gar kein Interesse seine Malereien nur einer kaufkräftigen Klientel zu zeigen. Dieser Mann hat ein so jugendlichen Elan, dass selbst wir uns wie alte Männer vorkommen (lacht).

Ihr habt euch für ein eher politisches Bild entschieden. Mickey Mouse und der Weihnachtsmann auf einem Pfahl. Menschen unter Beschuss. Wieso das?

Nun, Wendlands Kunstwerke haben oft viel mit Nacktheit zu tun, da wollten wir in Verbindung mit unserem Bandnamen keine ungewollten Assoziationen wecken. Außerdem konnten wir uns in den Menschen, die dort kauern, wieder finden.

Wer beschießt euch darauf?

Na, der Kommerz.

Schade nur, dass es auf einem mickrigen iPod-Screen nicht wirklich gut rüber kommt.

Aus dem Grund bin ich mir sicher, dass der Tonträger nicht sterben wird. Trotzdem, ich seh’s an mir, die meiste Musik höre ich vorm Computer. Es bringt auch nichts der alten Zeit nachzutrauern, so sieht nun mal die momentane Entwicklung aus. Vielleicht ist irgendwann wieder das Gefühl wichtiger, die Platte in der Hand zu haben, als einen Titel mehr in der Bibliothek.

Die Plattenfirmen stöhnen und haben den Trend verschlafen, kannst du das verstehen?

Dass sie jammern?

Genau.

Sie saßen halt lange auf einem hohen Ross und haben sich auf den guten Verkaufszahlen der CDs ausgeruht. Dabei haben sie die Weiterentwicklung verpennt. Manchmal hilft es eben nur, wenn man auf die Schnauze fällt. So schade wie es ist, dass dabei Leute ihren Job verlieren. Wahrscheinlich sind es nicht mal diejenigen, die den Trend wirklich verschlafen haben. So ungerecht wie es ist.

Ungerechterweise hat auch das netteste Gespräch mit einem Oberbayer irgendwann ein Ende. Die Bandbagage drängt zum Futterfassen. Schnell wird eine amerikanische Fast-Food-Kette ausgespäht und das Murren über die Esskultur solcher Läden von Schlagzeuger Matthias wird dezent überhört.

Weitaus weniger zu meckern, weil gehaltvoller, ist der anschließende Auftritt der Ingolstädter im voll gequetschten Underground. Ein knackfrisches Lebenszeichen einer eingesessenen Musiker-WG, deren Laufwege von der Gitarre, zum Keyboard, zum Xylophon zurück zur Gitarre spätestens beim erneuten Besuch in Deutschlands Städten im März so perfekt sitzen, wie die Arrangements ihres sehens-, lesens- und, an erster Stelle, hörenswerter, nagelneuer Platte „StillNo1“.

Fotos: Gerald von Foris (Pressefreigaben)

Gemälde: Sigurd Wendland

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{ 5 Kommentare… read them below or add one }

1 Iain Januar 24, 2008 um 11:10 Uhr

tolles interview, jetzt hast aber unseren running gag vergessen ;o)

2 Ariane Januar 24, 2008 um 11:12 Uhr

die ganze „kette“ ist unterbrochen, was machen wir jetzt nur??! ^^

3 Sterereo Januar 24, 2008 um 11:39 Uhr

Shit! Stimmt ja! Ich rufe da morgen mal an…ääähm….vielleicht…naja! 😉 Ich glaube, die hätten mich für ziemlich komisch gehalten. Lieber ausländische Künstler verwirren!

4 RockinBen Januar 25, 2008 um 12:32 Uhr

Och, meinste, die haben Dich jetzt nicht für komisch gehalten 😛 Wenn schon denn schon, da sollte man keinen Unterschied machen, ob der Künstler aus D oder sonstwo herkommt. Laufender Witz ist Running Gag ist Laufender Witz…

5 Sterereo Januar 25, 2008 um 14:01 Uhr

Hab den vorher eigentlich auch garnicht so gesehen, war so ne spontane Sache bei Voxtrot. 🙂

Und damit wir mal nicht allzu sehr vom Thema abkommen, heute ist Release der Scheibe und darf auf http://www.slut-music.de in der Karaoke-Maschine Probe gehört werden, wenn dass nichts is?

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