Sigur Rós – “Með Suð Í Eyrum Við spilum Endalaust”

von Benjamin am 20. August 2008

in Musik!

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Niemals oder selten sollte man sich in seiner Entscheidung ein Album zu kaufen, von einer Rezension leiten lassen. Zu wissen, wie und warum ein Rezensent über ein Album (oder in anderen Fällen über Filme, Theaterstücke und Bücher) schreibt, lässt mich anderen Rezensionen gegenüber wenig Vertrauen entwickeln. Es erscheint mir doch so zu sein, dass das Belegbare sich am Rande aufhält, das Minimum beschreibt, der Großteil sind Gedanken beim Aus-dem-Fenster-Schauen. Und das ist auch gut so. Da ich die Rezensenten aber nicht kenne, kann ich nicht sagen, ob ich Gedanken mit diesem Menschen teile oder teilen möchte. Ich lerne diesen Menschen dann kennen, wenn ich mehrere Rezensionen von ihm gelesen habe, und dann fühle ich plötzlich: der denkt genauso wie ich.

Voller Widersprüche sind diese Worte und voller Widersprüche sind auch die Empfindungen Musik betreffend. Ich spüre sehr oft, ich „muss“ etwas schreiben. Ich „muss“ eine Rezension über dies oder jenes Album schreiben. In ganz speziellen Fällen verwehren sich jede Worte. Thom Yorkes „The Eraser“ ist so eins und wird es wohl auch bleiben. Meistens wird der Rahmen, den ich aufmachen möchte, so groß, dass ich es nicht schaffe; ich breche beim Aufstieg zusammen. Bei der Portishead-Rezension scheint es mir so zu gehen (auch bei „There will be blood“). Aber bei “Með Suð Í Eyrum Við spilum Endalaust” geht es mir nicht so. Es gibt hier keine Berge mehr zu erklimmen, keine Abenteuer mehr zu erleben oder auch keine Sehenswürdigkeiten zu bestaunen. Was die Single „Gobbeldigook“ versprach, kann das Album nicht annähernd halten. „Gobbeldigook“ war das Land-in-Sicht, nachdem Sigur Rós sich auf den Gewässern der schwebenden Strukturen verloren hatten. Aber das Album holt den Hörer zurück. Ich kam am Anfang deshalb auf die Rezensenten zu sprechen, weil ich so viel Verschiedenes gelesen habe. Spielfreude las ich und höre selbst aber so eine Art vollendetes Schweben, eine endgültige Statik, wo gar nicht mehr gespielt wird sondern nur noch sein gelassen wird. Sigur Rós haben Angst vor ihren Instrumenten und auch vor ihrem Talent bekommen. Statt dessen verlassen sie sich auf die Dinge, die sie – durch die Musik kommend – umgeben. Ihre Studios, Studios überhaupt, Tourneen. Eine Distanz zu all dem wollten sie durch „Heima“ beschreiben, beschreiben aber doch nur, dass sie nicht davon los kommen. Sie hatten genug von den großen Tourneen und wollten im Kleinen in ihrer Heimat touren. Aber diese Distanz ist noch nicht geschaffen. Man kann sie nicht herstellen, in dem man wieder etwas Neues (Album, Film) erschafft. In dem Moment, in dem die Band über die Distanz redet, ist sie noch nicht da, ist man immer noch nahe dran. Nach „( )“ war es einfach mit dem unbeschwerten Musikmachen vorbei, und das kann man hören und spüren.

Zum neuen Album war auf der Webseite zu lesen:

„inspired by the unfettered feeling of the acoustic performances filmed during heima, sigur rós decided to adopt a looser approach in the writing and creation of með suð. the material for the album was written, recorded and mixed entirely in 2008 and is being released just one month after its completion. the album glows with the perfect imperfection of live takes, the sounds of fingers playing guitar strings, cracked notes, and a stark, upfront presence not found in previous sigur rós recordings, moving away from reverb-soaked guitar sounds towards something altogether more affecting. the record also contains some of the most joyous music the band has ever recorded.“

http://www.sigur-ros.co.uk/band/disco/medsud.php

Es ist bezeichnend, diese Worte voraus zu schicken. Man möchte der Kritik vorausgreifen, die vielleicht auf Sigur Rós eingehen würde. Es wird darüber geschrieben, wie echt und wodurch echt die neuen Songs echt und gut klingen. Als könnte man es nicht hören. Und das kann man leider auch nicht. Was im obigen Text beschrieben wird, kann man bei „Gobbeldigook“ oder bei „Ilgresi“ hören, vielleicht auch bei „Inni Mer Syngur Vitleysyngur“. Die beiden Monstren „Festival“ und „Ara Batur“ spülen aber all dies wieder hinfort. Auch „Godan Daginn“ und „Sud I Eyrum“ tun ihr übriges. Diese vier Songs könnten Outtakes der „Takk“-Sessions sein. Gleiche Sounds, gleich Singlaute immer wieder gleiche Rhythmen, immer wieder gleiche Soundräume.

Zumindest könnte man Sigur Rós ein Bewusstsein ihrer Transzendenz gutschreiben. „Festival“ endet mit der in einer niedrigen Kilohertzzahl gepfiffenen Melodie des Songs, das Skelett des Liedes, das sich so schön anhört, vorher aber von einer riesigen „Zuckerwatte“* eingewattet wird. Sigur Rós bleiben für die Mehrheit der alternativen Community interessant ob ihrer Herkunft und ihrer immer noch währenden Aura des Unentdeckten, Puren und Natürlichen. All das gibt es aber nicht, und Sigur Rós vermitteln auch nur Bilder desselben. Ihre Bilder, die nun schon seit zwei regulären Alben, einer Compilation und mehreren Singles immer gleich aussehen. Die minimale Veränderung im Sound lässt Sigur Rós vielleicht einen kleinen Schritt vorausgegangen sein, aber den „anderen“ Weg haben sie noch nicht wirklich beschritten. Das neue Material für das Album wurde komplett in 2008 geschrieben, aufgenommen und abgemischt. Und innerhalb eines Monats nach Fertigstellung veröffentlicht. So vielleicht die grobe Übersetzung eines Teils des Albuminfos. Das klingt für mich nicht nach neuer Herangehensweise, auch wenn sie vorher nicht so gearbeitet haben. Sollte die vorherige Arbeitsweise, sich für alles viel mehr Zeit zu lassen, etwa falsch gewesen sein? Was ist denn mit den guten Kritiken für „Takk“? Was war denn daran falsch? Das Schreiben und Aufnehmen beschreibt nur den Ausübungsprozess der Kreativität. Aber wie ist sie entstanden? Und wo war sie in der Zeit vor 2008? Vielleicht werden im Rückblick die Alben „Takk“ und “Með Suð Í Eyrum Við spilum Endalaust” als Übergangs- und Selbstfindungsalben erscheinen, wenn sie im Licht der nachfolgenden Werke stehen. Aber vielleicht gehen Sigur Rós auch bald andere oder getrennte Wege. Die Fangemeinde wird sie nicht im Stich lassen, die Kritiker wohl auch nicht. Ich fühle mich ratlos angesichts meiner fehlenden Fähigkeiten, die Qualitäten dieses Albums zu erfassen. Aber vielleicht fehlt mir auch das Verständnis für die wenigen guten Momente, wenn sie vom Gesamtbild zerstört werden. Interessante Musik kann im Moment nur an anderen Orten geschehen, in anderen Proberäumen, in anderen Szenen, in anderen inneren Motiven fürs Musikmachen. Das Aufrechterhalten eines Turms scheint es mir bei Sigur Rós zu sein, das Voranschreiten ist dort nicht zu hören.

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{ 1 Kommentar… read it below or add one }

1 Pynchon September 8, 2008 um 20:55 Uhr

War schwer enttäuscht: beliebig und laaaaangweilig…

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