Sigur Ros – Takk

von Benjamin am 12. September 2005

in Musik!

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Ich schreibe das Review erst heute, weil sich die Eindrücke legen sollten. Sie sollten die Chance haben, Wurzeln zu schlagen und zu sehen, ob sie sich mit den ganzen Pflanzen, Bäumen und Tierchen verstehen, die um sie herum wachsen. Und sie wachsen langsam. Vielleicht so, wie Eindrücke wachsen würden, wenn sie jemand gepflanzt hätte, der ansonsten keine Ahnung von Musik hat.

Ich möchte auch bei Sigur Ros nicht darauf verzichten, ins Detail zu gehen. Gerade bei Sigur Ros nicht.

Schon kurz nach dem vorletzten Album beschlich mich eine merkwürdige Ahnung. All die Aufmerksamkeit und die Ansprüche, die in Zukunft an sie gestellt würden, würden (würden, würden, würden… ist doch zum Kotzen!) eine Änderung mit sich bringen. Und keine positive, wie ich mir sicher war. Sigur Ros sind keine Stars, das war nie ihre Absicht, sie sind kein Rock `N´ Roll, nichts dergleichen. So viel Aufnmerksamkeit würde sie zwingen, etwas zu ändern. Dessen war ich mir sicher.

„Takk“ bestätigt meine Vermutungen. Ich könnte mich auch täuschen, aber es liegt für mich nahe, dass die gewollte Unbeschwertheit, mit der die Songs dieses Albums daherkommen, die hellere Produktion, die kompakteren Songstrukturen nicht nur eine Entwicklung innerhalb der Band waren. Sie sind gesteuert durch Stimmen und Meinungen, die von außen in Sigur Ros eingedrungen sind.

Das halte ich für eine Verfälschung des inneren Weges einer Band.

Auf dem neuen Album klingen Sigur Ros wie eine Mischung aus The Polyphonic Spree und The Beatles und Sigur Ros eben. Sigur Ros haben bewusst versucht, Komplexität und Dramatik aus ihren Songs herauszunehmen und sie durch einen gewissen Popansatz zu ersetzen. ( ) war streckenweise unhörbar, so traurig und dramatisch waren die Songs aufgebaut und geschrieben. Von dieser Schwere wollten Sigur Ros weg. Das neue Album kann man ruhig auch mal nebenbei hören, es wird einen nur selten eine Gänsehaut erwischen.

Sigur Ros haben auch ein wenig mit Stagnation in ihrem Sound zu kämpfen. Ihre Gitarren (und alles andere eigentlich auch) sind immer noch mit unendlich viel Reverb belegt, Jónsi Birgissons Stimme klingt viel zu oft ungreifbar weit entfernt.

Das Drumming ist auf „Takk“ oft zu perkussiv daher schwammig, und kommt die Snare als Betonung mit rein, klingt es, als könnten sie keine Snare vernünftig aufnehmen und abmischen. Ich bin kein Mucker, es geht mir nicht um perfekte Produktion, aber es ist auffällig, dass die Instrumente zu gleich abgemischt sind, selten einmal kommt etwas nahe an den Hörer heran. Vielleicht liegt das auch an den verschwenderisch eingesetzten Glockenspielen, die einiges zu trällernd wirken lassen.

Immer noch kommt Jónsis gepitchte Stimme als Sample vor, immer noch singt er die gleichen Laute wie auf ( ), und ich glaube auch nicht, dass der große Teil der Texte wirklich auf isländisch gesungen wird, es ist wohl eher immer noch hopelandic.

Die „älteren“ Songs „Gong“ und „Milanó“ wirken arg beliebig und viel zu vorhersehbar in ihrer Struktur.

Wunderschöne Momente hat das Album. Immer da, wo etwas kommt, was man nicht erwartet. Das geschieht vor allem am Anfang und Ende des Albums. In „Glósóli“ z.B. erwartet man keine verzerrten und übersteuerten Gitarren zum Schluss. Die treffen einen. Das ist genauso eine Überforderung des Hörens, wie sie auf ( ) zuhauf vorkommt. Und „Heysátan“ ist da für mich der stärkste Song des Albums. Ganz neu und doch unverkennbar Sigur Ros. So etwas hört man bei keiner anderen Band.

Für Sigur Ros ist „Takk“ mit Sicherheit das bisher schwierigste Album gewesen, auch wenn sie es selber vielleicht nicht so gesehen haben. Die Aufmerksamkeit wird sich wieder mehr abwenden, Sigur Ros werden beim nächsten Mal gefeiter gegen Stimmen, Meinungen, Komplimenten und Kritik von außen sein. Und dann werden sie das wichtigste spüren, was sie für ihre Musik brauchen: Freiheit.

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