Rainer Schmidt – Liebestänze

von Hififi am 17. Oktober 2009

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Ein Roman über die deutsche Technoszene Mitte der Neunziger… Wie soll das denn bloß funktionieren, ohne den ganzen Sumpf an Drogen und den Narzissmus der Protagonisten zu beschreiben? So unverbraucht Rave, Techno und später House auf ihre Konsumenten einstürmten, so sehr verlor sich die Szene im fast besinnungslosen Partytaumel, politisch und irgendwie auch nicht, aber vor allem selbstvergessen, drohte das ganze Kartenhaus bereits nach wenigen Jahren wieder einzustürzen. „Liebestänze“ ist einerseits eine Liebesgeschichte, aber auch ein schonungslose Dokumentation einer Szene, die von Neid und Misstrauen getrieben, wohl nie erreicht hat, wofür sie eigentlich stehen wollte: Grenzenlose Freiheit.

Es würde gar nicht funktionieren, um die Eingangsfrage zu beantworten. Es lässt sich nun mal nicht verleugnen, auch wenn gerade Westbam bemüht war immer wieder zu betonen, dass eine drogenfreie Szene durchaus möglich sei, war sie es zudem nie und wird es wohl nie sein. So beschreibt gleich das erste Kapitel typische Aussetzer, wie sie „E“s nun einmal anrichten. Der Ohlsen, seines Zeichens der „größte Raver aller Zeiten“ vereint gleich mehrere Charaktere, wie ich sie in meinen Neunzigern kennengelernt habe. Was anfangs individuell anmutet, nimmt seinen natürlichen Verlauf über das Grenzgängertum und endet dann meist in den irrsinnigsten Exzessen, wie sie Ihresgleichen suchen. Einen Ohlsen braucht wohl jedes halbwegs glaubwürdige Zeitdokument und Ohlsens gab es schon immer, um nur Jim Morrison ins Spiel zu bringen. Nun wäre dieser Charakter viel zu eindimensional, um, um ihn ein halbwegs brauchbares Plot zu spinnen, so bedarf es einen Felix, der wie Lester Bangs mitten drin steckt, alles mitnimmt, aber uns diese herrlich skurrile Geschichte eines Partygängers beschert, der einen letzten Rest Verstand bewahren kann. Jetzt gibt es ja doch so einige Parallelen zum Autor der „Liebestänze“ und es kann kein großes Geheimnis sein, dass Felix wohl ein stückweit auch Rainer Schmidt sein dürfte (bitte keine Mutmaßungen), Parallelen gibt es doch einige. Rainer Schmidt ist hier an ganz weiter Wurf gelungen; mit dem nötigen zeitlichen Abstand zeichnet er einen bittersüßen Grundriss, der Szene, mit der jeder Freigeist einstmals sympathisiert haben dürfte. Triefend ironisch und damit irrsinnig komisch, lässt er Felix von einem Absturz zum nächsten taumeln, bedient sich einer glasklaren, wie originellen Sprache, wie wir sie zuletzt von Sven Regener und seinem Stadtneurotiker namens Lehmann serviert bekommen haben. „Liebestänze“ ist sicherlich der beste Poproman des Jahres, soweit ich das beurteilen kann.

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