Radiohead – In Rainbows

von Pynchon am 23. Oktober 2007

in Musik!

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Genug ist wohl geschrieben worden über Radioheads antikommerzielle, fanfreundliche Aktion, das neue Album (immerhin seit vier Jahren sehnsüchtig erwartet) auf einer eigenbetriebenen Homepage zum Download anzubieten- für wieviel Kohle, entscheidet jeder Downloader selbst. Was natürlich die Frage aufwertet, ob ich mich ein wenig unverschämt verhalte, für ein Album dieser Qualität schlappe 50 Cent aufzubringen? Damit muss ich nun leben.

Vielleicht auch gut, mit ein wenig durch schlechtes Gewissen erzeugter Schwermut in das Album zu starten, denn so richtig fröhlich sind die Briten ja nie gewesen, wie viele Radiohead-Skeptiker immer wieder gegen die Musik einwenden. Aber wer könnte sich, der Schwermut zum Trotz, nicht in den Opener „15 Step“ verlieben? Zunächst monotone, den Anfangszeilen unterlegte Backbeats, die dann völlig überraschend und doch absolut stimmig, in ein wunderschöne Giterrenmelodie überleiten- dazu Thom Yorkes hypnotischer Gesang, großer Song!

Überhaupt steht „In Rainbows“ in der Tradition von „Ok Computer“ als „Hail to the thief“, ist weniger zugänglich und setzt den Akzent eher auf ruhige Melodien als auf griffigen Rock. Wenn man sich an die zwischenzeitliche „Kid A“-„Amnesiac“-Phase erinnert, die ein wenig elektronisch und unterkühlt-distanziert wirkte, dann muss man der Band, berühmt und gehyped wie sie ist, schon eine erstaunliche Vielseitigkeit attestieren. Radiohead klingen keineswegs immer ähnlich, oftmals ist es einzig Yorkes Gesang, der die Brücke von den grungerockigen Anfängen in den frühen Neunzigern bis zu den musikalischen Experimenten des neuen Milleniums reichen.

„In Rainbows“ gefällt mir als bekennendem Fan deshalb so gut, weil es eine schlichte Einfachheit ausstrahlt, die in ihrer musikalischen Schönheit weit weg ist von überambitioniertem Pathos-Kack, den man von solch hochgelobten Gruppen – siehe/höre Coldplay – oftmals zwangsläufig geboten bekommt, wenn die Bands den Lobhudeleien des Feuilletons zu sehr glauben schenken.

Radiohead ist das, behaupte ich einmal, herzlich egal, sie legen nach vier Jahren ein intimes, eher kleines Album vor, das gegen den Hype und Erwartungsdruck gerichtet zu sein scheint- was wiederum zur Anti-Vermarktungs-Strategie passt.

Einige Highlights sind neben dem erwähnten „15 Step“ der träumerische Akustiksong „Faust Arp“, „House of Cards“ und „Jigsaw falling into place“, ein komplexer, toller Song, sehr schwungvoll und mit überraschenden Momenten.

Den ominösen Texten, vielzitiert und interpretiert, wird sich jeder selbst nähern müssen. „Before you run away from me

Before you’re lost between the notes

Before you take the mic

Just as you dance, dance, dance

Jigsaws falling into place

There is nothing to explain

Regard each other as you pass

She looks back, you look back

Not just once

Not just twice

Wish away the nightmare

Wish away the nightmare

You’ve got a light you can feel it on your back

You’ve got a light you can feel it on your back“

Als Fazit, für alle Radiohead-Kenner, möchte ich das Album als ein sehr starkes in der Bandhistorie einordnen, das vielleicht am ehesten „OK Computer“ ähnelt, sich deutlich vom großen, rockigen „Hail to the Thief“ unterscheidet, aber allemal zugänglicher ist als das schwierige, meiner Meinung nach zu unterkühlte „Kid A“, für das sie einst etwas zu sehr über den grünen Klee gelobt wurden.

Mein schlechtes Gewissen ist nicht beruhigt worden, „In Rainbows“ lässt sich nicht mit 50 Cent aufrechnen- dafür aber mit meiner Hingabe und Bewunderung, denn ideelles zählt ja mehr (so, jetzt fühl ich mich besser)!

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{ 4 Kommentare… read them below or add one }

1 Sterereo Oktober 23, 2007 um 17:25 Uhr

Die Rede ist natürlich von dieser Seite: http://www.inrainbows.com/

Das Cover ist auch nicht das richtige, dieses wurde bisher meines Wissens noch nicht veröffentlicht. Allerdings wird es sich höchstwahrscheinlich an der Homepage orientieren und deshalb wohl auch so ähnlich aussehen. Falls jemand das finale Cover schon entdeckt hat: bitte melden!

Zum Thema:
Die Idee finde ich phänomenal. Ich denke es wird Menschen geben, die auch weit über den üblichen CD-Wert überweisen. Es gilt außerdem zu hoffen, das dort nicht noch eine dicke Plattenfirma mit kassiert, sondern vielleicht sogar das Geld an die Künstler fließt? Wäre doch mal ’ne verdiente Sache.

2 otic Oktober 24, 2007 um 13:58 Uhr

Du brauchst kein schlechtes Gewissen zu haben. Obwohl die Band mit ihren Zahlen sehr zurückhaltend ist, ist grob geschätzt worden, dass wenn auch nur jeder der Millionen Dowloader 10 Pence gegeben hätte, die Band bereits in der ersten Woche um die 300.000 Euro verdient hat…

Aber über „Kid A“ müssen wir noch mal reden…
😉

3 Pynchon Oktober 25, 2007 um 13:19 Uhr

Das muss ich vielleicht noch klarstellen: „Kid A“ ist natürlich sehr sperrig, hat aber nach vielmaligem Hören auch bei mir sehr gewonnen- „Optimistic“ ist ein echtes Radiohead-Highlight! Aber es hat ne Weile gebraucht, weil es doch ein ziemlicher Bruch war zu „OK Computer“…

4 otic Oktober 25, 2007 um 22:57 Uhr

Ist wie immer Geschmackssache, aber „Kid A“ war eigentlich immer mein Lieblingsalbum von Radiohead.

Und ich empfinde es genau umgekehrt: „OK Computer“ wird immer und überall als DAS Meisterwerk gepriesen, zuletzt zum zehnjährigen Jubiläum in allen möglichen Zeitschriften hierzulande, und besonders in England.

Generell ist ja immer schön, wenn Künstler überraschen können – der Bruch von „The Bends“ zum Nachfolger war ja auch schon ein großer…

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