Pearl Jam – Backspacer

von Benjamin am 20. September 2009

in Musik!

Post image for Pearl Jam – Backspacer

Die Vorfreude auf eine Veröffentlichung im Hause Pearl Jam nahm nach dem 2000er Album „Binaural“ drastisch ab. Nicht nur, dass ich (und wahrscheinlich viele, die in meinem Alter waren), mit dem sehr erwachsen klingenden Album damals nicht allzu viel anfangen konnten, es gab links und rechts interessantere Veröffentlichungen und man hatte langsam dem blinden Festhalten an Namen und/oder Genres abgesagt. „Binaural“ wurde beiseite gelegt und erst in letzter Zeit verstanden. Indie und Alternative-Rock kam mehr nach oben, NuMetal hatte auch noch was zu sagen verkaufszahlenmäßig und der Core wurde beliebter. Verwaschen klingende Grunge-Gitarren und –Stimmen waren erst einmal passé. Daran änderten Folgealben „Riot Act“ und das selbstbetitelte endlich mainstreamlabel-unabhängigere Album „Pearl Jam“ auch nicht mehr viel. Die Zeit war irgendwie nicht reif für den Pearl Jam-Apfel. Apfelmarmelade ist bestimmt gesund, aber was gesund ist, schmeckt nicht immer unbedingt gut. Und andersherum: was richtig gut schmeckt und lecker aussieht und ein Genuss ist, ist manchmal ganz und gar nicht gesund. Nehmen wir als Beispiel Zucker: Zucker ist furchtbar lecker und man möchte am liebsten überall viel Zucker reintun und genießen. Das führt allerdings in Spätfolge zu gesundheitlichen Schäden. Durch Mainstream-Radio und –Fernsehen hat man schon so eine Art Popmusik-Diabetes. Diagnostiziert ist sie dann, wenn man Nährwerte in Form von anders gezuckerten Produkten zugeführt bekommt. Sobald man aber wieder überzuckert wird, geht so eine Art interne Alarmanlage an. Jetzt müssen lauter Hersteller ihre Produkte kennzeichnen. Tun sie das nicht, droht ihnen eine Strafe. Es gibt bestimmte Produkte, bei denen greift man sorglos zu, auch wenn man sie nicht kennt und nicht weiß, wie sie schmecken, denkt man: zuviel Zucker ist da sicherlich nicht drin. Aber eben ist bei mir diese interne Alarmanlage angegangen und ich habe mich erschrocken: zuviel Zucker bei Pearl Jam? Das kann nicht sein. Kaum Geschmack, alles gleich schal? Auf keinen Fall. Aber auch ein zweiter Bissen machte das Essen nicht besser. Übersüßt ist „Backspacer“ um jetzt mal mit dem scheiß Zuckervergleich aufzuhören. Süß heißt hier glattpoliert, und wer hätte das gedacht, bei der Band, die wie keine andere so schön aufschreien konnte. Vorher war alles wohldosiert, ästhetisch war das Schreien, ästhetischer als bei anderen Rock-Bands zumindest, aber „Backspacer“ lässt keinen Staubkorn mehr auf den Gitarren oder der Stimme oder irgend etwas in diesem Sound. Glatt wie ein Babypopo und damit ganz nah dran an dem Sound von Coldplay oder Nickelback. Alles ist gleichmäßig laut oder leise abgemischt, kein Kontrast lässt einen auch nichts erkennen. Ein Album wie „Backspacer“ lässt einen wünschen, man hätte die Rough Mixes zu Ohren bekommen oder Demo-Aufnahmen. Aber nur die Produktion oder das Mastering ist nicht schuld an dem Murks, auch das Songwriting lässt zu wünschen übrig. „Gonna See My Friend“ ist ganz nah dran an einer verthewhoten Version von Sonic Youths „Mary-Christ“, natürlich ohne den Zorn und den klanglichen Biss, „Supersonic“ klingt wie ein aus der No Code–Zeit übriggebliebener Song und „Just Breathe“ und „Speed of Sound“ sind ganz furchtbar verpoppte Rock-Nummern. Einzig und allein „Force of Nature“ bringt hier eine einigermaßen sich aufbäumende Tiefe hervor, der Rest ist sehr sehr gesetzter und gefälliger Altherren-Rock. Für irgendjemanden sicherlich okay, für Pearl Jam absolut nicht.

Share Button

{ 4 Kommentare… read them below or add one }

1 Pynchon September 20, 2009 um 15:27 Uhr

Ich hoffe, du hast keine Diabetes bekommen??

Mein Lieblingsalbum von Pearl Jam ist zumindest „Riot Act“, und mit dem Album hat sich die Gruppe ja schon weit vom alten Grundge-Sound entfernt – zum Glück, man muss sich schließlich weiter entwickeln…

2 Justy September 25, 2009 um 14:16 Uhr

was ist denn „Grundge“?

finde eigentlich, dass Pearl Jam vom Sound nie wirklich Grunge waren, sondern immer eine Alternative-Rockband, die nur zufällig zur Grunge-Zeit groß rasugekommen ist.

3 Pynchon September 25, 2009 um 14:26 Uhr

Grundge ist, wenn man Grunge falsch schreibt – echte Grundger wissen sowas!

4 Sterereo September 25, 2009 um 14:44 Uhr

Haha, sehr gut Pynchon. Musste etwas lachen über die „Gundger“. Ich mag deine Schreibweise, hab‘ schonmal den selben Bock geschossen. So gesehen, bin ich wohl auch „Grundger“. Großartig, ein Club!

Außerdem ist es doch praktisch ab und an mal wieder einen Fehler ein zu bauen, nur um zu gucken, ob Justy noch mitliest. 😉

Previous post:

Next post: