Pantha Du Prince im Forum Bielefeld, 8. Mai 2010

von Benjamin am 20. Mai 2010

in Feierlichkeiten

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Es stülpt sich eine Glock aus Sounds bei Events wie Live-Sets von Techno-DJs über das Selbst, und dabei sind diese Live-Sets so irreal: der Blick Hendrik Webers richtete sich die Nacht über starr auf seine erleuchteten Displays, und vor ihn schob sich immer wieder die tanzende Menge, die von den Lichtern zu Silhouetten verwandelt wurden, und trotz einer fast undurchdringbaren Masse an Menschen herrschten in dieser Nacht zwei Dinge: die Rücksichtnahme und die Lautstärke. Zuerst die Lautstärke: die steigert sich während des Abends stetig, im Übergang vom DJ-Set zum Live-Set von Pantha Du Prince befürchte ich dann kurz eine Überforderung der tanzenden Menge und eine daraufhin einsetzende Flucht, denn was da als Einleitung ertönt sind ohne Frage elektroakustische Experimente, die sehr noisy sind und gespenstisch die Klänge der nächsten Stunden vorwegnehmen: Glockensounds en masse, mit jeder Räumlichkeit belegt, die Max/MSP hergibt. Aber durch diesen Dschungel aus Sounds schlägt als erstes das Herz des Technos, der 4/4-Takt, den die Menge immer wieder und wieder in dieser Nacht bejubelt, als würde man feiern, dass man alle 5 bis 10 Minuten aus dem Nahtod erwacht und das eigene Herz wieder zu schlagen begonnen hat. Um das am Anfang erwähnte Irreale noch genauer zu beschreiben, muss man sich den visuellen Charakter einer Live-Show vor Augen halten. Die Improvisation und Neuinterpretation mal weggelassen, freut man sich den Act oder die Band hinter den Aufnahmen einmal vor Augen zu haben, aber no such luck an diesem Abend im Forum. Aufgrund der Menge der Besucher sammelten sich immer mehr Leute vor dem DJ-Pult und so erkennt man Pantha Du Prince nur einige wenige Male hinter seinen MacBooks, die hellen Displays lassen sein Gesicht blass erscheinen, aber nichts Anderes wäre angebracht zu dem Sound, der aus der Anlage im Forum erschallt. Zu Anfang ist das Live-Set noch recht verhalten: das Zurückhaltende des dialschen Sounds tritt hier besonders in den Vordergrund. Bei Pantha Du Prince fallen und scheppern und fliegen und schweben die Sounds durch einen wohldurchdachten Klangraum. Es ist ganz so, als stehe man in einer großen aber leeren Halle – obwohl man sich im vollen Forum in Bielefeld befindet – und höre links und rechts und vor und hinter sich kleine Glöckchen und Glasschälchen niederprasseln und umherkugeln, aber in einer ganz eigenen Performance, in einer geheimen aber rhythmisierten Abfolge, die unabhängig untereinander aber abhängig dem immer wieder kehrenden 4/4-Takt gegenüber ist. Und das ist das Wundersame an dieser schönen Musik: man bewegt seine Füße zum Tanzen dann so, als tanze man um diese kullernden Glöckchen herum, trotz der vollen Tanzfläche aber so vorsichtig, fast schon traumwandlerisch. Das bringt dieses Verhaltende des Dial-Kosmos ebenfalls mit sich: alle tanzen, aber keiner ohne Rücksicht auf den anderen und trotz geschlossener Augen. Das ist keine Trance, das ist kein Traum, das ist volles Bewusstsein, denn vergessen kann man sich hier kaum, es sei denn mithilfe von chemischen Substanzen aber auf jedem Rockkonzert sind mehr verstrahlte Leute als bei Pantha Du Prince. Die Augen der Anwesenden sind glasklar und hellwach, begeistert und aufgeschlossen, das überrascht und erfreut mich gleichzeitig so sehr, dass ich dann die nächste gute Stunde so weitertanze. Dann aber verschiebt sich das Soundbild mehr und mehr in Richtung Soundpfeilspitzen, die Schallwellen werden mehr und mehr kantiger, knarziger und weniger verspielt. Das Adrenalin erhöht sich und damit ändert sich auch der Raum: wie von Blitzen durchzuckt steht man nun da, wie mitten im schönsten Gewitter. Der Regen kommt dann später, draußen.

Foto: myspace.com/panthaduprince

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