Orange Blossom Special – 10.-12. Juni, Beverungen

von am 22. Juni 2011

in Feierlichkeiten

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„Unvergleichlich. Unbeschreiblich. Das beste kleine Open-Air Festival“ heißt es gleichzeitig bescheiden und anmaßend auf der Glitterhouse-Homepage. Und doch ist mit diesem Satz viel Wahres gesagt. Besonders für Musikfreunde, die keine Lust darauf haben, einer gewaltigen Indie-Rock-Loveparade beizuwohnen und trotzdem nicht auf ein durchgehend hochkarätiges Line-Up verzichten wollen bietet das ORANGE BLOSSOM SPECIAL auch im 15. Jubiläumsjahr eine wunderbare Alternative zur Massenveranstaltung. Es ist immer wieder erstaunlich, wie dieser kleine Ort sich alljährlich in ein kleines Musikmekka für Kenner verwandelt. Rund 2000 Besucher sorgten für ein bereits im Vorfeld ausverkauftes Erlebnis in der bewaldeten Hügellandschaft an der Weser. Besonders hervorzuheben ist die liebevolle Organisation und Gestaltung des Geländes: Hier warten keine durchnummerierten, bulligen Securities am Eingang, um die Taschen und Rucksäcke der Feiernden in langwierigen Prozeduren grimmig zu durchwühlen. Trotz des begrenzten Platzes im Glitterhouse-Garten läuft alles weitestgehend reibungslos und durchweg gut gelaunt ab. Das größtenteils ehrenamtliche Personal kümmert sich schon fast rührend aufmerksam um jeden einzelnen Gast. Alle Involvierten sind sichtlich stolz, dabei sein zu dürfen. Ein Zustand, der sich auch auf das Publikum überträgt. Da auch das Wetter bis auf ein paar nächtliche Schauer mitspielt, ist Entspannung angesagt.

Freundschaftlich freundlich angekündigt von Rembert Stiewe (Großartig: Der dreiteilige Witz, Part 1 – die anderen Teile folgen an den folgenden Tagen. Überhaupt gelingt es ihm hervorragend, alle Anwesenden direkt in die Glitterhouse-Familie miteinzubeziehen. Man fühlt sich gut aufgehoben, insofern ergibt das diesjährige Motto „You’re At Home, Baby“ absolut Sinn und ist nicht nur eine Floskel.) startet der Freitag poppig, zart und frech mit der Irin WALLIS BIRD, die das Publikum charmant auf die kommenden Tage einstimmt. Wer jetzt noch nicht auf dem Gelände ist, kommt schnell dazu und erlebt mit HELLINGLAND UNDERGROUND und C-TYPES die wohl rockigsten Acts des Festivals, die in die furiose Show der Freitags-Headliner GOLDEN KANINE mündet. Die Glitterhouse-Villa erstrahlt in blau-violettem Licht, der Kronleuchter auf der Bühne glüht förmlich. Spätestens jetzt liegen sich alle in den Armen. Bläserunterstützt liefern die Schweden ein bewegendes Set aus jauchzendem Mumford & Sons-Indiefolk und übermütiger Melancholie. Das Publikum dankt es ihnen mit tosendem Applaus. Auch schön: Zum Abschluss läuft Sophias Score aus „Absolute Giganten“. Mit einem lachenden und einem feuchten Auge geht es mit dieser Melodie und dem berühmten Zitat „Es müsste immer Musik da sein….“ in Richtung Zelt oder Wohnwagen, nicht ohne zu spekulieren, wer am kommenden Samstag um 11:00 Uhr morgens die Überraschungsband geben wird.

Natürlich ist den Meisten klar, wer da kommt, waren die zuvor gegebenen Hinweise mehr als eindeutig. Der schwermütige Indiepop von WASHINGTON wird allerdings von vielen nur vom Zelt aus wahrgenommen. Die Euphorie des Vorabends hängt vielen noch über den Köpfen. Schade, aber bei einem Festival voller Höhepunkte, müssen Prioritäten gesetzt werden. Gefrühstückt wird hier nicht an irgendeiner Bude, sondern am Stand der Dorfbäckerei. Hier bemühen sich die netten Damen aufmerksam darum, die Leute mit Kaffee, Brötchen und Kuchenteilchen wieder auf die Beine zu bekommen. Jetzt ist auch Zeit, sich auf dem Gelände ein bisschen umzusehen. Auch hier dominiert neben dem Bier ganz klar die Musik: Bandmerchandise, Festivalshirts mit dem Hasen (bereits frühzeitig ausverkauft), Vinyl und CDs stehen zum Verkauf. Es ist auch immer wieder spannend ein bisschen legendäre Mailorderluft zu schnuppern.

Die Dänin MARIE FISKER taucht das Gelände bereits am Nachmittag in eine dämmerig-melancholische Stimmung. Die im Programmheft angekündigten Analogien zu Mazzy Star und den Cowboy Junkies bewahrheiten sich bis ins Detail. Einziger Wermutstropfen: Ihr Auftritt wäre zu späterer Stunde noch stimmungsvoller gewesen. THE GREAT BERTHOLINIS hauen dann an diesem Tag erstmals so richtig auf die Pauke: Bläser, Polka, Seifenblasen und alle hüpfen mit! Mit DAN MANGAN steht einer der mit am meisten Spannung erwartete Künstler auf der Bühne. Der Arts & Crafts-Kanadier gilt (noch) als Geheimtipp und verzückt mit stimmgewaltigem Americana-Folk. SLIM CESSNA’S AUTO CLUB spielen sich schließlich als vorletzte Band des Abends einen Wolf: Bekloppter Gypsy-Punk-Country-Irgendwas mit mindestens drei Raketen im Arsch. Schließlich kann der Samstag mit dem wohlbekannten Gisbert Zu Knyphausen besinnlich, wohlig nachdenklich. Spätestens hier ist zu bemerken, was für eine Ausnahmestellung das ORANGE BLOSSOM SPECIAL für Künstler und Publikum. Denn obwohl er keine Festivalauftritte mag, wollte er unbedingt wiederkommen. Auch entschuldigt er sich, dass er als Headliner nur diese melancholischen Songs bieten kann: „Ich habe leider keine anderen…“ Gott sei Dank!

Am Sonntag stellt die Tuareg-Rock-Band Tamikrest aus Mali den ersten Höhepunkt dar. Allerdings muss dazu gesagt werden, dass die percussiongetriebene, teilvermummte Band, trotz aller Bezüge zu Krautrock und Psychedelia eher etwas für Kenner ist. Auf der anderen Seite lassen sich viele auch so intuitiv von den Rhythmen mitreißen. Auf Konserve wird die Band wohl eher Kritikerliebling bleiben. Mit WHO KNEW steht eine weitere Ausnahmeband auf der Bühne, die mit ihrem endorphingeladenen Indierock das gesamte Gelände zum Tanzen bringen. Die letzten Acts THE GREAT CRUSADES, YOUNG REBEL SET und HOLMES stehen dann wieder ganz in der Tradition des GLITTERHOUSE-Labels: furioser Dauerbrenner-Rock, grandioser Post-Pogues-Pub-Suffrock und die Labelspezialität Americana beenden ein wundervolles Festival, das niemand unerfüllt verlassen kann. Ein Kritikpunkt sei dennoch angebracht: Schon klar, dass auf einem Label-Festival keine Bigbeat-Hip-Hop-Metal-Bands gibt, aber trotz allen Variantenreichtums wären ein paar Abstecher über den Tellerrand – vielleicht der ein oder andere moderate Elektroact – eine willkommene Erfrischung gewesen. Das ist Jammern auf hohem Niveau wohlgemerkt, denn ansonsten gibt es nichts zu meckern! Wo gibt es das sonst schon?

Zum Schluss sei noch anzumerken, wie modern dieses vermeintlich altmodische Festival im Jahr 2011 wirkt: „Act locally, think globally“ bekommt hier eine ganz neue Bedeutung. Wahrscheinlich wird die Festivallandschaft nach weiteren 15 Jahren OBS ehrfürchtig nach Beverungen blicken, in dem der Prototyp einer neuen Art von Festival seinen Ursprung hatte: Anspruchsvoll, euphorisch, nachhaltig, ein bisschen durchgeknallt, lokal und international familiär. Insgesamt also nicht nur ein voller Erfolg, sondern wirklich etwas ganz Besonderes! Chapeau!

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1 Claudi Yeah Juni 23, 2011 um 12:17 Uhr

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