Of Montreal – Lido Berlin, 19.10.08

von cherri am 26. Oktober 2008

in Feierlichkeiten

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Vor drei Jahren war mein Sommer of Montreal. Ich hatte ihre Sachen auf meinem mp3-Player und hörte sie bis es nicht mehr ging. Es ging dann fast drei Jahre nicht. Oder auch: ich bin ein vergesslicher Mensch.

Die Vorband im Lido ist Max Tundra – der Vor-act besser. Oder noch besser: der Alleinunterhalter! Er startet auch mit dem Satz: „I will entertain you the next 40 Minutes.“

Max Tundras Musik wirkt, als hätte er sein Kinderzimmer ausgeschüttelt und alles, was Geräusche machen kann, wieder eingesammelt. Drumcomputer und Synthesizer dominieren. Sein Gesang ist super musicalhaft, dann auf einmal klingt er wie Justin Timberlake; Beach-Boys-Zitate, Prodigy und einfach nur Krach. Dazu trägt er ein T-Shirt mit einer Katze – aber keine New York-underground sophisticated Katze und auch keine wahnsinnig süße japanische Anime-Katze, sondern eine „Ich bin Clara Marie, fünf und sammel Glitzer-Lackbilder“-Katze. Dazu macht er crazy Moves, anders kann ich das nicht nennen. Und alle lieben ihn vom ersten Moment an. Das Lido ist voll, das Publikum ist offen und hat Lust zu feiern. Max Tundra ist in jedem Stück überraschend, unerwartet, anders: sperrig, tanzbar, kitschig, laut, total drüber und trotzdem nimmt man ihm das alles ab. Oder zumindest die Leute im Lido tun das. Oder wenigstens ich. Wenn er nicht singt, tanzt und das Arsenal an Instrumenten bedient, redet er, macht Witze und sagt, dass die Nebelmaschine jetzt vielleicht doch mal ausgemacht werden kann. Wo ich ihm recht gebe. Hinterher steht er selber am Eingang und verkauft sein Merchandising.

Tja, und dann kommen Of Montreal. Allein mich über ihren Style auszulassen, würde schon Seiten füllen. Rosa Plüsch, rosa Haar, Rüschen, Ketten, Umhänge, Stummfilm-Star-Augenmakeup (Dr. Caligari!), Tiere – so viele Tiere! – Kamm im Haar, tanzende goldene Buddhas, Koteletten und Live-Haarschnitt, Blumen, die Visuals sind seltsame sexualisiert-niedliche Cartoon-Loops. Und wieder sehr viel Nebel und buntes Licht. Ich habe den Eindruck, Zuschauerin bei einem Jahrmarktspektakel zu sein. Es ist so bunt, so pop, die Animationen auf der Leinwand wirken so direkt sexuell, alles wirkt auf den ersten Blick so eindeutig und durch die Buntheit so fröhlich. Und auf den zweiten Blick so unentrinnbar düster und verstörend.

In der Show – und was für eine Show! – gibt es einen klaren Schnitt. Wie mit einem scharfen Messer sind die beiden Teile voneinander seziert. Zuerst spielen sie alte Songs, es ist happy, weird, bunt, hysterisch, tanzbar, over the top. Auf der Bühne passiert so viel, dass ich kaum folgen kann, manchmal wirkt sie einfach nur vollgestopft mit Leuten. Vor der Bühne ist es auch voll, hysterisch, bewegt. Was mich manchmal fast wundert (nicht, dass ich kein Teil davon wäre!), weil die Band nicht mit dem Publikum kommuniziert. Alles ist so choreographiert. Und Kevin Barnes hat ab dem zweiten Song die Augen zu.

Der zweite Teil – inklusive Kostümwechsel – ist ganz schleichend düster, krachig, verneinend, laut, sehr verstörend geworden. (Das neue Album!) Kevin Barnes ist fast nackt und lässt sich mit roter Farbe einreiben, Satan triumphiert. Der Tiger bezwingt das Schwein und bemächtigt sich des Hähnchens (oder ist es ein Kakadu?). Alle Farben sind verschwunden, die Bühne ist schwarz und weiß. Und Kevin Barnes hat die ganze zeit seine Augen geöffnet! Er ist so hübsch und sexy und so unheimlich und dark. Das Publikum ist irre dabei, ich selber fühle mich der Band plötzlich nah und bin berührt von den Songs und den Texten, selbst dem Krach.

Der letzte Song ist wieder eine Rückkehr zum happy von vorhin, ach ich bin doch ein bisschen dankbar.

Na, es gibt noch eine Zugabe, nett, ok. Danach geht gleich das Licht an, die Musik wird aufgedreht, Leute gehen. Aber ganz viele bleiben und hören nicht auf, diese Band herbeizuklatschen, -pfeifen, -kreischen, -stampfen. Keine Irritation durch Roadies auf der Bühne, die ihren Auftritt genießen, sich verbeugen. Nach einer ganzen Weile, in der nichts passiert, bin ich ein bisschen beleidigt. ‚The King has left the building‘, denke ich, bestimmt! Aber je länger wir grölen, umso unausweichlicher bleibt andererseits die 2. Zugabe.

Na, was soll ich sagen? Natürlich kommen sie wieder, schon abgeschminkt, aber dadurch doch gleich viel näher. Erschöpft und gerührt wirken sie, „You guys are too much!“ haucht Kevin. Und ich denke: ‚Nein, ihr!‘ Und es fühlt sich an wie eine Liebeserklärung. Jetzt gibt es keine Unterschiede, ALLE im Saal sind glücklich, der Drummer springt in die Menge, Band und Publikum verschmelzen? Das klingt nach Reporterphrase und irgendwie bekloppt, aber so hab ichs echt empfunden. Drei Songs, noch 20 Minuten Party als wärs die Letzte, und nach dem Zweiten fühle ich mich plötzlich befriedigt, endlich.

Heisergekrischen, mit wunden Füßen, benommen stolpere ich zurück auf die Straße und freue mich auf den Winter of Montreal. Was für ein Abend!

Foto: ofmontreal.net – Fanfoto

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