Mother Tongue – Interview

von Sterereo am 8. Februar 2008

in Interviews

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„Es ist lange her, als ich das letzte Mal eine Rose von einem bärtigen Mann geschenkt bekam“, schmunzelt Davo dankbar und kriegt als Zugabe noch ein Bussi auf die Wange. Wenn Mother Tongue in Deutschland touren, werden Männer wie Frauen sentimental. Ebenso rührend kümmern sich die Kalifornier selbst um ihr Publikum: Whisky-Flaschen kreisen, Klassiker werden zelebriert und quasi als Cocktail-Kirsche obendrauf garniert das neue Album „Follow The Trail“ den Abend vom Merchandise-Stand aus. Denn ausschließlich dort gibt’s die Platte jetzt und in naher Zukunft zu kaufen, wie mir der gutgelaunte Gitarrist Bryan Tulao zuvor verriet:

Wir werden kein richtiges Release haben, wir verkaufen die Platte während der Shows und packen’s auf unsere Website und auf Myspace, denn wir haben zurzeit kein Label. Wir hatten zwar einige Gespräche, aber unterm Strich ist die Musikindustrie am Ende. Die Zukunft der Plattenindustrie sieht ziemlich finster auf.

Selbst für eine so umtriebige Band wie Mother Tongue? Alle eure Platten kamen bisher gut an.

Ich sage auch nicht, dass wir nicht irgendwann wieder ein Label haben werden, wir sind nur zurzeit vorsichtig. Wir denken das ganze Geschäft, mit Platten rausbringen und alles was dazu gehört, ist in der heutigen Zeit etwas altertümlich. Es verändert sich so viel. In den letzten Jahren haben wir sowieso schon fast alles selbst erledigt, wieso also nicht weitermachen?

Auch das Album in Alleinregie eingespielt?

Nein, dafür hatten wir Noah Shain, der auch schon mit Orson für ihre erste Platte gearbeitet hatte. Wir haben vorher einige Leute ausprobiert und sind bei ihm gelandet. Diese ganze brauchte eine Ewigkeit! Wir saßen an „Follow the Trail“ wohl zwei Jahre lang! In der Zeit kamen einige Songs zusammen und wir überlegten, ob wir nicht sogar ein Doppelalbum draus machen, haben’s dann aber doch nicht gemacht. Viele zusätzliche Songs sind schon aufgenommen, aber nicht gemixt. Mal sehen, was mit denen passiert.

Ihr ladet die Songs des Albums also auf eure Homepage zum Download. Wollt ihr das die Leute spenden, wie bei Radiohead?

Nein, wir hassen Geld! (lacht)

Ihr hasst Geld?

Ok, hast recht, ich nehm’s zurück: Schickt uns all euer Geld! (lacht) Wir werden die Songs auf der Seite zum hören anbieten. Die CD kann dann über diverse Mailorders gekauft werden.

Wie laufen die Verkäufe bei den Auftritten bisher?

Sehr gut. Ich glaube in Darmstadt hat fast jeder, der da war, am Ende auch eine CD gekauft – ‚that’s crazy’!

Dabei klingen die Songs anders als noch auf den Alben davor

Ja, ständig kommen Leute zu uns und meinen: ‚Hey, wieso klingt euer neues Album nicht wie das erste?’ Das war gestern, wir leben heute. Wir sind nicht die erste Band auf der Welt, die zusammen jammt und daraus Songs entstehen lässt. Anders ist es, wenn jemand mit einer Songidee kommt, zum Beispiel, wenn ich sage: hier ist ein Song über meinen Hund, bitteschön. Dann fügt jeder etwas hinzu und am Ende kommt eh etwas ganz anderes dabei rum. Vielleicht sagt sogar Davo: ‚Du solltest nicht singen, lass Sasha (Popovic, Drummer) dran.’

Sing Sasha überhaupt einen Song?

Nein! Obwohl, er kann singen, er hat ein großartiges Organ. Immer wenn er singt klingt es wie Prince, das ist wirklich witzig. (imitiert Eunuchengesang, lacht)

Was ich sagen möchte: Jeder Song ist anders. Bei „Streetlight“ sagten sie: ‚Was ist das? Es klingt ganz anders’. Na klar, wir haben’s in Christians (Leibfried, Gitarre) Küche aufgenommen. (lacht) Bei „Ghostnote“ hörten wir, es sei überproduziert. Eigentlich war es weniger produziert als das erste Album, welches eine lange Zeit brauchte, um es fertig zu stellen. Dieses Album ist sehr produziert und brauchte eine Ewigkeit. Ich schwöre dir, die nächste CD wird wieder komplett anders. Vielleicht spielen wir auf einem Parkplatz auf Bierflaschen, wer weiß? (lacht)

Wie ist es mit den neuen Songs auf Tour?

Ganz ehrlich? Wir haben nicht viel Zeit gehabt zum proben, es war wirklich nicht leicht die neuen Stücke auf der Bühne zu bringen. Meistens spielen wir die Songs ganz anders, als auf der Platte. Dann fragt vielleicht Sasha: ‚Wie endet der verfluchte Song?’ und Davo sagt ihm: ‚Wenn’s soweit ist, fällt uns schon was ein!’ und wir spielen und spielen gut eineinhalb Stunden lang und haben keine Ahnung, wie der Song zu Ende geht! (lacht) Wir sind sehr spontan und haben auch nie Setlisten, das bringt bei uns nichts. Das nächste Stück wird immer spontan angesagt, so läuft das bei uns.

Und es läuft gut. Beim Interview ist Bryan sichtlich gut gelaunt, aufgeschlossen und gern bereit meine Fragen ausführlich zu beantworten. Er spricht locker über die Band, seine Arbeit und alles was daran hängt, macht Späße und doch, später auf der Bühne, ist er vollkommen konzentriert. Mit ernster Miene bearbeitet er seine Gitarre, geht in die Hocke, um an den Reglern zu drehen und im nächsten Moment singt er mit großem Gefühl Texte wie „There’s no time to miss/Treasure of your kiss“ und muss zwischendrin seinem Herzen Luft machen, indem er hinzufügt: „man, this lyrics come from inside“ und seine Hand auf die Brust legt. Während des Interviews frage ich noch, nach der ausführlichen Erörterung der politischen Lage seines Heimatlandes, ob Mother Tongue politisch sei. Darauf fand Bryan wohl die simpelste Antwort: „Ich habe keine Ahnung, was wir sind. Wahrscheinlich nur ein paar alte Männer, die Musik machen“. Doch diese alten Säcke haben einen Ruf zu verteidigen, nämlich auf der Bühne ordentlich steil zu gehen. Wer dieses Naturspektakel schon einmal erlebt hat, weiß wovon ich Rede. Die Meute saugt jedes Riff auf, verausgabt sich mindestens so sehr wie die Herren an den Instrumenten und schon sehr bald tropft der Schweiß von der Decke. Soll heißen: Mother Tongue geben während ihren Auftritten alles – von Körper bis Seele.

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1 Sterereo Februar 8, 2008 um 14:54 Uhr

Mother Tongue noch heute (München) und morgen (Bochum) mit der Dog&Pony Show auf Tour. Es lohnt sich, genauso wie auch die anderen Bands: The Strange Dead of Liberal England sind Briten, die live einiges bringen, zu vergleichen mit Arcade Fire, nur vielleicht eine Spur lauter und wilder; wirklich empfehlenswert. Auch nett sind The Animals Five mit einem Sound- und Sängerkreuzung zwischen Pelle Almquist, Eddie Argos und Paul Smith, in abschwächender Form, in dieser Reihenfolge. Soviel zum Konzertbericht. Ich leide dann mal still weiter und versuche nicht dieser Erkältung zu erliegen…

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