Melt!-Festival Samstag – Ferropolis Gräfenhainichen – 17.-19.7.

von Hififi am 25. Juli 2009

in Feierlichkeiten

Post image for Melt!-Festival Samstag – Ferropolis Gräfenhainichen – 17.-19.7.

Rückblickend war der Samstag wohl mein persönliches Waterloo, denn es ist mir selbst schleierhaft, wie es uns möglich war am ganzen Abend, bzw. in der ganzen Nacht sage und schreibe fünf Bands zu sehen und dass auch nur mehr oder weniger. Aber was soll ich nun tun, welche dazu erfinden, oder mir gar etwas aus den Fingern saugen, damit dieses kaum zu erklärende Versäumnis etwas an seiner Schwere verliert? Im Endeffekt war der Samstag zwar als der schwächste Festivaltag veranschlagt, was zu so einigen Geländeerkundungen einlud, aber Phoenix oder Fever Ray hätte ich dann doch gerne gesehen. Zumindest lassen sich nun so einige Worte über besagtes Gelände verlieren, dass doch mehr zu bieten hat, als die allseits bekannten Schaufelradbagger und dem See. Nämlich sage und schreibe drei Bühnen und ebenso viele Floors, für die recht einzigartige Verquickung der unterschiedlichsten Spielarten elektronischer und handgemachter Musik. Somit lässt sich nun wirklich behaupten, dass das Melt! für jeden seiner Besucher etwas bereit hält und auch wieder für diejenigen, die sich letztes Jahr geschworen haben, nie wieder her zu kommen. Wurden doch seitens der Veranstalter die verschiedenen Kritikpunkte aus dem Vorjahr angenommen und ausgeräumt. So habe ich nicht ein einziges Mal eine ernsthaft lange Schlange vor der Bändchenausgabe gesehen, noch vor der überfüllten Gemini Stage gestanden, die dieses Jahr einem Glashaus gleich, Einblick von drei Seiten ermöglichen sollte. Das Überfüllungsproblem war nun mehr oder weniger behoben – der Main Stage zwar ein wenig Fassungsvermögen genommen, die sie allerdings auch nicht wirklich benötigt – allerdings auf den höheren Tribünenrängen bot sich trotzdem keine freie Sicht, dank der Streben, die die Konstruktion stützen, was diesem Kritikpunkt gleich wieder an Schärfe nimmt. Das Kartenkontingent scheint zumindest mittelfristig auf die 20.000 begrenzt zu bleiben, was wohl auch in Zukunft einen reibungslosen Ablauf dieser Veranstaltung garantieren sollte, auch wenn der Sonntag mit seinen nur 16.000 Besuchern tatsächlich noch eine Spur angenehmer anmutet und ich persönlich diese Zahl für optimal erachte, der Sonntag allerdings auch im zweiten Jahr noch etwas stiefmütterlich erscheint, mit seinen doch eher konservativen Acts. Gleichermaßen ließe sich wohl aber auch behaupten, dieses einmalige Festival bräuchte einen ebensolchen Abschluss und den erlebt es sicherlich, wenn sich zum Best Of-Set der unsterblichen Oasis alle in den Armen liegen, oder doch zumindest „we’re gonna live forever“ gröhlen. Dann ist doch wohl klar, dass auch dieses in allen Facetten heterogene Festival sich auf gewisse Dinge einigen kann und seien es Oasis.

Aber zurück zum Samstag, der mit Wedding Present gleich einen fulminanten Auftakt erlebt. Seit knapp fünf Jahren wieder aktiv und seit einem Vierteljahrhundert im Geschäft, lässt sich ein gewisse Routine, wie sie David Gedge an den Tag legt, sicher nicht von der Hand weisen, aber wenn die Songs in dieser zeitlosen Brillianz erstrahlen, sei alles professionelle Muckertum verziehen. Ihrem Stil treu geblieben sind sie allemal und brennen zur besten Sendezeit ein Feuerwerk an klassischen Indie Pop-Kleinoden ab, die allemal besser seien als das, was Razorlight so zustande bringen, so David Gedge. Dass mit dem Pop stimmt zudem auch nur teilweise, so sind die Songs des aktuellen Albums „El Rey“ eher rockiger Natur und so gibt es Kopfnicker-Bombast von der ersten bis zur letzten Sekunde und einen der besten Auftritte des Festivals zu verzeichnen. Nur schade, dass Wedding Present ihre durchaus gelungene Version des Take That-Klassikers „Back For Good“ schuldig blieben, auf die ich mich durchaus gefreut habe. Auf der Main Stage gibt zeitgleich ein gewisser Jochen Distelmeyer einen kleinen Einblick in sein Solo-Schaffen, bloß interessiert das kaum jemanden. Ich möchte mich zu der Behauptung hinreißen lassen, dass Distelmeyer kaum an die Glanztaten Blumfelds anknüpfen kann. So erscheinen die gehörten Kostproben zwar rockiger als erwartet aber nicht unbedingt gehaltvoll, aber das bleibt zu überprüfen, wenn Distelmeyer die kleinen Clubs betourt. Anschließend lasse ich mir meine Schuhe bemalen und bekomme The Whitest Boy Alive nur sporadisch mit, was nicht schlimm ist, denn aus unerfindlichen Gründen bin ich zur Zeit ein wenig durch mit Erlend Øyes Version spartanischer Dance-Beats. Nichts für ungut, live hat sich die Band bestens eingespielt, was nicht immer so war, und weiß ganz sicher zu überzeugen, nur halt nicht mich, aber das Publikum dankt es ihr von der ersten Sekunde an. Also schnell zur Gemini Stage, wo die Mediengruppe Telekommander ein sehr viel feurigeres Set absolviert. Von jeher nicht wirklich eine Lieblingsband meinerseits, lasse ich mich an diesem Abend mitreißen und revidiere meine etwas festgefahrene Meinung, was die Live-Qualitäten der Berliner angeht. Mit Animal Collective hat mein Melt!-Samstag einen soliden Headliner gefunden, denn danach hängen wir zwar noch ein paar Stunden rum, um im Sand zu spielen, bloß das Konzerte gucken, wird sträflich vernachlässigt. Also Animal Collective, die eine Videoshow vorführen, die auch ohne Zuhilfenahme psychedelischer Drogen beeindrucken kann. Musikalisch befinden sich Panda Bear und Avey Tare eh auf einem anderen Planeten, den zu besuchen immer wieder spannend sein kann, an bestimmten Tagen wiederum schlicht die Lust dazu fehlt. Wenn die Songs, oder sagen wir lieber Sounds wild umher mäandern, bleibt immer noch diese Videoleinwand, die es zu bestaunen gilt, allerdings vier verkleideten Männern beim entwerfen abstruser Songfragmente zuzusehen, ist dann doch sehr anstrengend, aber sicher nicht gänzlich ohne Reiz.

Fotos: Stephan Flad

Share Button

{ 0 Kommentare… add one now }

Previous post:

Next post: