Melt!-Festival Freitag – Ferropolis Gräfenhainichen 17.-19.7.

von Sterereo am 24. Juli 2009

in Feierlichkeiten

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Was will Noel Gallagher erreichen, wenn er auf Tour geht? „Fünf Millionen Dollar“, steht im Festival-Pamphlet. War irgendwie klar. Vom Melt! durften Headliner Oasis-Fans und die anderen Paar durchaus mehr erwarten. Schließlich läuft das Geldgeschäft hier in eine andere Richtung.

Somit war es nur gut und billig bei der „Dirty Dozen“-Ausgabe (also den vollen 12-Eierkarton in Festivaljahren) den Bändchen-Andrang und das Gemini-Hallen-Fiasko den faulen Massenzahn zu ziehen. Zwar war es auch in diesem Jahr wieder schön dreckig, staubig und dann wieder matschig, doch von übermäßigem Gedrängel nur im Moshpit etwas zu spüren. Dabei wird traditionell auf dem Melt! eher in seinen eigene Psyhären in die und zu Trance getanzt. Gerüchtweise reisen hier sogar Menschen ohne Einlassbändchen an, um nur am Loveparade-Sleepless-Floor tagelang barfuss im Sand zu tanzen. Hippietum 2009.

Doch seitdem die Intro die Fäden zieht, wagt sich zusätzlich zu den Elektrojüngern, angelockt durch die Indie- und Pop-Größen dieser Zeit, das gemischteste Publikum aufs Baggermuseumsgelände. Nicht selten auch aus dem Ausland. Auf dem reorganisierten Platz spielen schon freitags großartige Künstler aller Richtungen. Also früh den Gewaltmarsch vom Camping zu den Baggern in Angriff genommen, um pünktlich noch einige Takte von den Cold War Kids einzufangen. Da kommen Erinnerungen wieder, damals, in Köln, im lauschigen Gebäudchen 9. Hier ist leider eher Braunkohlelandebahn 99. Weiträumig und groß. Dementsprechend unberührt verstreicht die frühe Nachmittagsperformance. An der Musik lag es sicher nicht. Da lob ich mir das neue Gemini-Plastikdach, das die Ausmaße begrenzt, aber zu den Seiten offen ist und somit jedermann einen flüchtigen Blick ermöglicht. Hier wird James Yuills Gefrickel auf eine Stunde aufgestockt und unser Kassenbrillen-Mastermind mit Folk- und Electroaffinität plus Nerdfaktor bringt wie durch Geisterhand die Gemüter in Wallung. Durchaus unerwartet, aber schön zu sehen, wie die krude Mischung dieser so konträren Genres vor Schaufelbaggerkulisse funktioniert. Daran ist sicher einmal mehr das sexy Melt!-Publikum schuld. Denn schöner geht’s nicht, wie Festival-Direx Stefan Lehmkuhl später auf der Pressekonferenz spitzbübisch bemerkt. Aber ohne Coca-Cola-Kommerz geht’s leider auch nicht, daher bespielen The Dodos vor zuckerwasser-roten Zeltplanen das Soundwave-Tent. Aber dafür mit hervorragenden neuen Stücken. Das Album kommt und der erste verstohlene Eindruck überzeugt. Der Auftritt auch. Wann startet die Petition den Roadie mit den Geigenbögen in die Band auf zu nehmen? Jedenfalls nicht so bald, wie Travis auf der Hauptbühne. Davon erhaschen wir aber nur noch die letzten Songs und die für einige sicher bittere Ansage: „Sorry, we don’t have time left to play ‚Why Does It Always Rain On Me’.“ Wieder verquatscht, Mr. Healy? Was das angeht, hätte er von Aphex Twin, alias Richard David James, alias Des Wahnsinns Fette Beute, lernen können. Nachdem bedrohlich viele Verstärkerboxen zusätzliche aufgetürmt wurden, flackerte schrill die Videoleinwand los. Ohne Vorwarnung bebt plötzlich der Boden und das Gefühl beschleicht einem, dass jedem Moment ein Vulkan ausbricht. Diese Eruptionen werden allerdings nicht von zischenden Magma (oder dann Lava?) begleitet, sondern von Störgeräuscher aller Art. Oder hatte die zweite Silhoutte dort oben – müsste der Hecker gewesen sein – vergessen sein Handy aus zu machen? Nach anfänglichem Applaus und Gegröle in Erwartung irgendeines Naturereignisses, weicht bald der zuerst irritierte Blick einem Verstörten. Also entweder durchziehen und einen psychologischen Schaden in Kauf nehmen oder Flucht. Mit einem „Das war böse, böse, böse“ auf den Lippen: Nichts wie weg! Die weihwasserartige Reinigung dieses Teufelswerks liefert ein beleibter Engel im modischen Telefonkabelbody nur wenige „Böse, böse, böse“-Stammeleien entfernt. Beth Ditto und ihre (zu Recht) gehypten Gossip haben nämlich einen Ruf zu verlieren. Irgendwann schluckt das Publikum wohlwollend die stürmende Modeschöpferin und Rockgranate, „Standing In The Way Of Control“ schreiend. Also doch noch eine Naturgewalt erlebt. Danach baut die Orientierung unabhängig vom Beck’s-Konsum ab. Hätte man sich die neue Geländekonstellation mal lieber schon im Hellen eingeprägt. War hier nicht sonst die Red-Bull Stage? Jetzt hantiert irgendwo nur DJ Koze unterm Schauffelrad, auch Big-Wheel-Stage genannt. Übrigens schon wieder so eine Verbesserung: Die Bühne ist jetzt direkt in den gewaltigen Bagger integriert. Sieht atemberaubend aus. Auch das Red-Bull-Strändchen ist klasse. Schade nur, dass wir es erst am nächsten Tag gefunden haben, als Goldie wahrscheinlich schon längst die Heimreise angetreten hat.

Bericht zu Samstag und Sonntag kommt Samstag und Sonntag.

Nochmal zur Erinnerung:

http://www.twitter.com/hififisterereo

http://www.youtube.com/hififisterereo

(+ neuem Freitagsvideo, das vor Ort entstanden ist, aber nicht hochgeladen werden konnte)

Fotos: Stephan Flad

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{ 1 Kommentar… read it below or add one }

1 Sterereo Juli 27, 2009 um 13:09 Uhr

Hey! Die Dodos sind mittlerweile anscheinend ein Trio. Was alles an einem vorbei geht. Ich bin nach wie vor sehr gespannt aufs Album.

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