Melt!-Festival – Ferropolis 18. – 20.07.08

von Sterereo am 22. Juli 2008

in Feierlichkeiten

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„Willkommen im Land der Frühaufsteher“ prangert es unfreiwillig komisch auf der Autobahn-Grenze zu Sachsen-Anhalt. Im Herzen dieses hellwachen Bundeslandes schart sich auf einem Freiluft Baggermuseum die Elektro-, Rock-, Pop- und Elektrorockpop-Jugend zusammen und mutiert auf dem Melt!-Festival zu einer neuen Gattung: „Willkommen in Ferropolis, das Land der Niemalsschläfer“.

Wie auch. Auf sagenhaften fünf (!) Bühnen und einer 24-Stunden Ballerburg zucken fast durchgehend 20.000 Leiber über den Sand, Matsch und Beton der Ferropolis-Halbinsel. Das Ganze beginnt mit Markus Kavka um 15 Uhr und endet 58 Stunden später elfengleich mit einer gewissen Isländerin, die ihren ersten Deutschland-Auftritt nach fünf Jahren absolviert.

Die erste Lektion in Minimalismus geben die uns wohlbekannten Zwei von Blood Red Shoes. Gitarre, Drums und ab die Post. Nur „It’s Getting Boring By The Sea“ möchte ihnen diesmal niemand so richtig abnehmen. Während sich im Halbkreis um die Hauptbühne fast bedrohlich, aber dennoch faszinierend monströs die Stahlwände in Form von Schaufelbaggern und Baggerschaufeln auftürmen, rauscht im versperrten Hintergrund, im Lärm unhörbar, der schöne Baggersee. Doch für das Baywatch-Idylle bleibt keine Zeit. Blackmail spielen in einer umfunktionierten Lagerhalle. Gradlinigen Rock, oder so ähnlich, was dann von Blackmail wieder einmal in Perfektion dargeboten wird. So perfekt und schon so oft gehört, dass es offen gesagt eigentlich niemand mehr hören können sollte. Dass dem nicht so ist, beweist das Publikum.

Unser schönes Musik-E-Zine denkt bereits an das für den nächsten Tag einberufene Interview mit Aydo. Doch erst Stunden nach unserem Termin bequemt sich der Herr in bester Rockstar-Manier in den Presse-Bereich. In der Zwischenzeit lief dort die sichtlich gestresste Promo-Dame bereits die vierte Runde durch das überschaubare Zelt und beteuert: „Normalerweise ist er gar nicht so!“. Hat unser Interview auch nicht mehr gerettet. Jedenfalls blödelte gleichzeitig mit Blackmail Anti-Folk-Barde Adam Green über die Hauptbühne und es machen sich Klee und The (International) Noise Conspiracy auf ihre Auftritte bereit. Ansonsten spielen hier erfolgreiche Chartplatzierte (Kate Nash, Editors) vor oder nach Indie-Urgesteinen wie dEUS, die nun schon wirklich länger auf dem absteigenden Ast gelandet sind und es stört keinen Menschen.

Den ganzen Samstag durchdringt eine latente Aufregung und gebunkerte Vorfreude für den Notwist-Auftritt. Auch wenn PeterLicht vorher versucht hat das „Sonnendeck“ klar zu machen, kurz vor Beginn gehen bei Petrus alle Schleusen auf und ein Regenguss biblischen Ausmaßes ergießt sich über den fröstelnden Zuschauer. Diese spült es in Heerscharen ins nächste rettende Zelt. Minuten vergehen in denen die Tropfen vom Kopf perlen, bis die ersten Töne von „Good Lies“ von der aktuellen „The Devil Me + You“ durch den Regen dringen. Auf der Bühne thronen die Gebrüder Acher gebeugt über ihre Gitarren, während Martin Gretschmann mit zwei Wii-Controllern in den Händen seinem Künstlernamen Console alle Ehre macht. Erstaunlich, welche Energie diese Art von elektrodurchtränkten Indie-Pop freisetzt, oder wer hätte gedacht, dass jemand zu The Notwist barfuss im Regen Mitstreiter im Mosh-Pit findet, als würden grade die Rykers auftreten. So haben wir auch geguckt. Dann wurde „Pilot“ zu einem viertelstündigen Lärmteppich ausgebreitet wurde. Grandios.

An dieser Stelle würden wir gerne vom Whitest Boy Alive berichten, der aber den Melt! Klub ordentlich vollgerockt hat das die Türen weder auf noch zu gingen. Also zurück zur Mainstage, wo die Stereo MCs in den letzten Tönen liegen. Schade eigentlich! Danach Franz Ferdinand, die ganz großartige Lust auf Bewegung in die Beine gehext haben. Dann noch die Technotronic gesehen, sie sozusagen grade beim Marmelademelken überrascht. Äh, ja…

Doch der wahre Headliner vom Melt! ist eine zierliche Isländerin von Weltruf. Den frisch erfundenen Festival-Sonntag eröffnet jedoch erstmal eine Band mit gleichem Faible für Satzzeichen in Eigennamen. Los Campesinos! sprengen den Camping-Kater durchzechter Rave-Nächte ins durchgeknallte Indie-Pop-Universum. Eine Bauerntruppe aus Waliser Jungspunden, die man im Auge behalten sollte. Augenfeindlich hingegen mal wieder Har Mar Superstar, der den Auftritt von Neon Neon zu ruinieren versucht. Rosa Hemdchen, schütteres Haar und Stimme. Ob er sich diesmal wieder auszog, wurde nicht abgewartet. Dafür stiegen die Erwartungen an Björk. Würde ihr Kleid wieder auf Stadiongröße anschwellen? Den Soundtrack zu diesen Überlegungen lieferten Get Well Soon und Hot Chip. Beide ließen mit ihrem tanzlustigen Elektro/Gitarren-Indie-Pop die Meute zappeln. Anschließend wurden dutzende Mikrofone verschraubt, Monitore montiert und Scheinwerfer befestigt. Die Spannung steigt. Dann gehen auf der Bühne die Lichter aus und eine verkleidete Bande Blechbläser marschiert in besten Schützenfest-Stil am Publikum vorbei. Plötzlich wackelt Björk in einem ausladenden, hippifarbenden Ganzkörperkleid ins ebenfalls farbige Licht. Jubel. Diese Frau gleicht einer Erscheinung. Sofort wabern die Bässe über den Platz, geregelt von den Händen auf den Bildschirmen. Dazu tanzt Björk mit aufgeschminkter Monoaugenbraue von einem Bühnenrand zum anderen. Eine fulminante Show eines wahren Paradiesvogels und ein würdiges Ende des größten Melt!-Festivals aller Zeiten.

Jetzt dürfte niemand mehr über die einstündigen Verspätungen am Freitag, das Einlassgedrängel und die stellenweise auftretende Überfüllung meckern. Ein Blick in die Runde lässt selige Zufriedenheit erkennen. Aber auch Augenringe, im „Land der Übermüdung“.

noch viele weitere tolle Fotos auf intro.de

Fotos: Nils Beinke und Geert Schäfer (Björk)

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{ 2 Kommentare… read them below or add one }

1 RockinBen Juli 23, 2008 um 09:39 Uhr

Das hört sich doch mal nach nem gelungenem Festival-Ausflug an! Sollte man sich vielleicht mal vormerken für das nächste Jahr, diese Veranstaltung!

2 Sterereo Juli 23, 2008 um 16:18 Uhr

Ja, könnte man tatsächlich. War auch positiv überrascht, vor allem die Location ist schon wirklich geil. Garnicht auszumalen, wieviel Spaß man bei gutem Wetter hätte haben können. Doch trotz Sturm bleibt der Notwist-Auftritt genail. Trotz wilder Tanzhorde. Ich bleibe dabei: Console, ich will ein Beat von dir!!

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