Melancholia

von Pynchon am 3. November 2011

in Film ab!

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So richtig rund läuft es nicht auf der Hochzeitsfeier von Justine (Kirsten Dunst) und Michael (Alexander Skarsgard). Dabei ist alles angerichtet und generalstabsmäßig geplant worden von Justines Schwester Claire (Charlotte Gainsbourg) und ihrem schwerreichen Mann John (Kiefer Sutherland), die ihren luxuriösen Landsitz für das große Fest zur Verfügung gestellt haben. Doch erst kommen die Frischvermählten zu spät und bringen das strenge Protokoll durcheinander, dann bekriegen sich die geschiedenen Eltern Gaby (so richtig zynisch: Charlotte Rampling) und Dexter (John Hurt), und die anfangs noch strahlende Justine wird bald von unerklärlicher Schwermut geplagt.

Kaum ist die Hochzeitsnacht in endgültiger Tristesse geendet und der Bräutigam desillusioniert aus der Wedding Story entschwunden, weckt eine rätselhafte Erscheinung am Himmel die Aufmerksamkeit: Ein fremder Planet namens „Melancholia“ befindet sich auf Kollisionskurs mit der Erde. Für den rational geprägten Hobby-Astronomen John kein Grund zur Beunruhigung, versichern doch führende Wissenschaftler, der nahende Planet werde die Erde knapp verfehlen. Im Gegenteil, versucht er seine verschreckte Frau Claire aufzumuntern, steht ihnen ein einmaliges Event bevor, das man unbedingt per Teleskop in Augenschein nehmen müsse. Die zunehmend in ihrer Depression gefangene Justine sieht die Dinge hingegen sehr nüchtern: „Die Erde ist schlecht. Man braucht nicht um sie zu trauern, niemand wird sie vermissen.“

Über den apokalyptischen Ausgang der Geschichte macht Regisseur Lars von Trier von Anfang an kein Geheimnis: Zu den dramatischen Klängen aus dem Präludium von Wagners „Tristan und Isolde“ zucken Blitze aus Justines Fingerkuppen, ein Pferd bricht in Superzeitlupe kreatürlich zusammen, die Welt ist aus den Fugen, Vögel stürzen in Scharen vom Himmel herab, ehe die Erde mit dem fremden Planeten kollidiert. Wuchtige Bilder, die den Zuschauer ein Stück tiefer in die Sesselpolster katapultieren, ehe – in einem krassen stilistischen Bruch – die dogmaerprobte Handkamera zum Einsatz kommt und die eigentliche Handlung beginnt.

Und in der geht es primär um das schwierige Verhältnis zweier ungleicher Schwestern. Charlotte Gainsbourgs Claire ist die bodenständige Familienmutter, die sich der fragilen, von Depressionen geplagten Justine in einer Mischung aus Fürsorge und Frustration zu nähern versucht. Kirsten Dunst, die für ihre Hauptrolle beim Filmfestival in Cannes ausgezeichnet wurde, ist absolut großartig als emotional isolierte Frau, die im Angesicht des nahenden Endes wieder zu sich findet.

Das subtile Porträt seiner gemütskranken Protagonistin gehört mit zum besten, was von Trier bislang gedreht hat, aber auch darüber hinaus hat „Melancholia“ eine Menge zu bieten. Die Parallelen zur Bilderwelt der deutschen Romantik wurden schon in vielen Kritiken aufgezeigt und teils als Kitsch oder sogar todessehnsüchtige Nazi-Ästhetik verurteilt, was aber meiner Meinung nach nicht haltbar ist: Zu eindeutig ist der märchenhafte Zauber der mondscheingesättigten Landschaft, in die sich die nackte Justine sehnsuchtsvoll räkelt, als Zitat in seiner Künstlichkeit vorgeführt. Hier kann man sich weniger an einer vermeintlichen Idylle erbauen, sondern wird vielmehr vom Eindruck einer seltsam befremdlichen Welt auf Distanz gehalten, zumal die Natur bei von Trier ohnehin immer etwas latent bedrohliches und unheilvolles ausstrahlt.

Im Gegensatz zu vielen seiner früheren Filme wie „Breaking the Waves“ oder „Dancer in the Dark“ hat von Triers weibliche Hauptfigur diesmal eine würdevollere Bestimmung als die einer tragischen Leidensfrau, die wahlweise einer Gruppe Männer geopfert oder von ihnen hingerichtet wird (mal ganz zu schweigen von der kruden Teufelsbesessenheit im reichlich dämlichen „Antichrist“). Während die allzu selbstbewusste männliche Ratio in Gestalt des von Kiefer Sutherland gespielten John am Ende jämmerlich von der Bühne abtritt, erwartet die gemütsgesteuerte wie hellsichtige Justine, schließlich mit der Schwester vereint, das Ende der Welt. Ich verbleibe beeindruckt – und beunruhigt.

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