Maserati – Interview

von Sterereo am 2. April 2011

in Interviews

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Maserati ist einer dieser energievollen, kraftgeladenen und pfeilschnellen Postrock-Bands, die nur von längst überfälligen, dürren Studenten in verlotterten Sprücheshirts in dieser Präzision gemeistert wird. Das unkomplizierte und herzliche Auftreten der Männer aus dem Rock-Uni-Mekka Athens (R.E.M., The B52’s, Danger Mouse u.a.) gehört dazu. Meistens lassen die Amerikaner mit italienischem Sportwagen-Etikettenschwindel dabei die hypnotischen Bassläufe und wundervollen Gitarrenmelodien sprechen. Nur selten erhebt einer von ihnen selbst die Stimme. Daher wollen wir hier doch direkt einmal spitzbübisch etwas Verwirrung stiften.

So, wer war von euch nochmal der Sänger?

Dies wäre nun also der Moment in dem echte Rockstars wahlweise den Interviewer vermöbeln oder die Einrichtung demolieren. Jedoch liegen kein Vadalimus oder wüste Beschimpfungen der Mutter im Raum. Nachdem Matt Cherry kurz mit Steve Scarborough einen verstörten Blick ausgetauscht hat, wird ganz professionell geantwortet.

Matt: Nun, tatsächlich haben wir im Intro unseres aktuellen Albums „Pyramid of the Sun“ etwas Gesang aufgenommen. Dort sind hauptsächlich Steve und ich zu hören…

Keine Panik, mir ist schon klar, dass ihr ansonsten instrumentale Musik macht.

Matt: Da sind wir aber jetzt ein wenig froh. Du weißt gar nicht, was wir schon alles in Interviews erlebt haben.

Ich kann’s mir vorstellen, denn ihr seid momentan sehr fleißig auf Tour. Wie ist es bisher gelaufen?

Matt: Wir können uns einmal mehr nicht beschweren. Selbst wenn nicht so viel los war, kamen doch immer so 50 Leute um uns spielen zu sehen. Das ist großartig. Gerade hier in Europa werden wir sehr gut aufgenommen, ich weiß nicht woran das liegt. Letztens waren wir in Mailand und hatten ein riesiges Publikum.

Das mag vielleicht am Namen liegen

Matt: Du spielst auf die Automarke an, richtig. Weißt du eigentlich, dass uns das erst überhaupt nicht so bewusst war, dass der aus Italien kommt? Wir haben den irgendwo gefunden und fanden ihn super. Sehr viel mehr Gedanken haben wir uns noch nicht darum gemacht.

Also gab es noch keine Unterlassungsklagen?

Matt: Nein, zum Glück nicht. Ich hoffe das bleibt so.

Oder Sponsoring?

Matt (lacht): Garantiert nicht! Du musst wissen, ich fahre einen uralten Volkswagen.

Steve: Sei froh, ich habe nur einen Roller. Sportwagen sind für uns in weiter Ferne.

Räumlich weiteraus weniger entfernt befinden sich Maserati den Krautrock-Wurzeln. Denn was in Westdeutschland der 1960er und 1970er Jahre mit Bands wie Can, Neu! und Faust als soetwas wie eine laute und vertrackte Untergrundszene aufkam, exportierte sich später in alle Himmelsrichtungen. Was blieb also den ausländischen Musikgelehrten anderes übrig als den psychodelischen, avangardistischen Rock mit kraftwerkischen Synthesizern nach seiner Heimat zu benennen? Natürlich musste die Wahl wenig schmeichelhaft auf den Schmähnamen der Deutschen aus dem Weltkrieg fallen: „Krauts“. Was soll’s. Große Bands wie Stereolab und Sonic Youth haben sich eindeutig hier inspirieren lassen. Gerade die neuen Synthie-Sounds bei „Pyramid of the Sun“ machen deutlich, dass auch die Postrocker von Maserati es nicht leugnen können in ihrem Leben etwas Krautrock gehört zu haben.

Bei eurer neuen Platte kommen sofort Gedanken an Neu! oder Hallogallo 2010 mit Michael Rother. Hört ihr das jetzt häufiger?

Matt: Na klar, wieso sollten wir es leugnen? Wir sind klar von Krautrock-Bands inspiriert worden. Ich habe früher hauptsächlich Can und Ash Ra Temple gehört. Es sind, was unseren eigenen Sound angeht, große Inspirationsquellen. Dort besteht bei uns in der Band eine große Schnittmenge. Wir lieben diese Art der Musik und nur so können wir sie machen.

Macht es für euch einen Unterschied ob ihr in Deutschland spielt?

Matt: Ich denke schon. Ich kann mir vorstellen, dass es ein größeres Verständnis für diese Art der Musik hier gibt. Die Menschen wissen möglicherweise mehr damit anzufangen, deshalb kommen sie auf diese Konzerte. Aber ich bin kein Experte. Du bist doch Deutscher, wie siehst du das denn?

Das finde ich schwer zu beurteilen, aktuell war die Musik zur Zeit meiner Eltern. Leider habe ich keinen Vergleich wie populär diese Bands im Ausland sind. Ich finde es ja schon interessant, dass ihr in Athens davon gehört habt.

Matt: Wahrscheinlich hast du Recht und es macht eher etwas aus, wie und ob du an diese Musik herangeführt wirst. Wir sind jedenfalls große Verehrer und glücklich wieder einmal hier sein zu dürfen.

Du hast die Inspiration angesprochen. Was muss noch alles zusammenkommen, um diese dynamischen Songs von Maserati im Studio auf die Beine zu stellen?

Matt: Für „Pyramid of the Sun“ haben wir schon die Songgerüste, das Skelett, gehabt. Wir sind mit klaren Vorstellungen ins Studio gegangen. Anders geht es nicht, sonst bräuchten wir ewig.

Steve: Dabei kann es ganz schnell gehen. Ich habe den Bass für das komplette Album an einem Tag aufgenommen. Das war einfach großartig, ich konnte mich danach zurücklehnen, die Arme hinterm Kopf verschränken und den anderen zuschauen.

Dabei lauft ihr bei 20-minütigen Songs immer Gefahr, dass es langweilig wird.

Matt: Da hast du absolut recht, doch sobald etwas nicht passt oder langweilt, fliegt es raus. Wir basteln ständig an den Songs herum, bis wir alle damit absolut zufrieden sind.

Während der Produktion des Albums brach ein großes Unglück über die Band hinein. Der Schlagzeuger Jerry Fuchs starb bei dem Versuch sich aus einem stecken gebliebenen Fahrstuhl zu befreien. Dieser Unfall traf die Band schwer und die Trauer ist immer noch sehr präsent, spricht man mit Maserati über diesen Verlust.

Nachdem Jerry gestorben ist, wie habt ihr euch entschieden weiter zu machen?

Matt: Du musst wissen, wir haben „Pyramid of the Sun“ für Jerry gemacht. Wir haben alles so gemacht, wie wir glauben, wie er es gerne gehabt hätte. Wir kennen ihn schon lange und wussten genau, wie Jerry gewollt hätte, wie beispielsweise die Bassdrum klingt. Auch bei den Namen für die Songs wussten wir sehr genau, was er wollte. Jerry war nicht nur der Schlagzeuger in der Band, er war einer der besten Kumpels von uns allen. Es war natürlich nicht leicht weiter zu machen, aber wir haben es auch für ihn getan.

So spielen Maserati in Bochum (zum Konzertbericht) ihr furioses Set nicht nur für ein altersgemischtes Ruhrpottpublikum, sondern auch für ihren Freund Jerry. Sie tun es in einer eindrucksvollen Lautstärke, Geschwindigkeit und Präzision, so dass am Ende für diese Entscheidung nur Jubel bleibt. Es ist eine sympathische und geerdete amerikanische Postrockband mit irgendwo auch deutschen Wurzeln.

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1 alex April 3, 2011 um 10:37 Uhr

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