Mark Oliver Everett – Things The Grandchildren Should Know

von am 26. August 2009

in Bibliothek

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Der Verlagsaufkleber auf dem Cover scheint keinen Sinn zu ergeben. Wie ein merkwürdiges Brandzeichen scheint er zu belegen, dass der Kampf E vs. Welt auch nach Jahren noch nicht ausgefochten ist: „Rock Music! Death! Crazy People! Love!“ sind Attribute, die ein anderes Buch beschreiben als „Things The Grandchildren Should Know“. Und dennoch treffen sie zu, allerdings auf eine andere Art und Weise als es Rock-Biographien normalerweise tun. Hier geht es nicht um breitbeinige Drogenexzesse, wilde Orgien im Backstageraum, sondern ums nackte Überleben in einer Welt, die einem Außenseiter alles andere als die Hand reicht. Dies ist die Geschichte des Mark Oliver Everett, genannt E. Sein Vater Hugh Everett III. war Physiker, redete mit ihm kaum ein Wort und starb schließlich als E 19 Jahre alt war. Seine Schwester Liz, immer schon auf der Schlingerspur zwischen Leben und Tod, kommt endgültig von der Fahrbahn ab und begeht Selbstmord. (Erschütternd, wie detailreich er seine Erfahrungen auf „Electroshock Blues“ verarbeitete.) Kurz darauf stirbt seine Mutter, und E hat die Aufgabe das Haus seiner Kindheit leerzuräumen. Everetts Biografie ist voll von Toten. Am 11. September 2001 stirbt seine Cousine als Flugbegleiterin in der Maschine, die ins Pentagon einschlug, selbst Nina Simone stirbt kurz nachdem er seiner Freundin versprochen hatte, dass sie zu ihrem Konzert gehen würden. „Things The Grandchildren Should Know“ ist die Schilderung eines schutzlos in die Welt geworfenen Außenseiters, der als letzter seiner Art in der Position ist, seinen Namen weiterzugeben, aber es bis zum heutigen Tag noch nicht vermochte. Vielleicht, weil er zu sehr damit beschäftigt war zu überleben, vielleicht weil er im Laufe seines Lebens ausschließlich Mädchen und Frauen liebte, die mehr oder weniger verrückt waren. Anders als beispielsweise Nick Drake, legt sich E im Laufe der Jahre eine Schutzschicht zu, die ihn vor dem Aufgeben bewahrt. Unter seiner Lebensgeschichte spannt sich seine Musik wie ein lebensrettendes Sicherheitsnetz. Dass seine Texte immer schon autobiographischer Natur waren, konnte man schon durch einen flüchtigen Blick auf sein musikalisches Werk erahnen. Dass Everett allerdings in vielen seiner Songs sein Innerstes quasi nach Außen kehrt, hätte man den verschrobenen, bärtigen Loner nicht unbedingt zugetraut. So gibt er mit „Things The Grandchildren Should Know“ einen schonungslosen Blick auf sein damaliges Seelenleben und beschreibt seine Odyssee durch ein Leben, das andere anscheinend problemlos zu bewältigen scheinen. Es ist bewegend, zu verfolgen, wie Everett seinen Weg durch diese Welt geht, trotz aller Zweifel an sich und der Menschheit. Vorläufiger Endpunkt seiner Reise ist die „Eels With Strings“-Tour, an deren Station in der Royal Albert Hall er schließlich sein Leben Revue passieren lässt:

„And all the people like to say hello

I’m used to staring down at the sidewalk cracks

I’m learning how to say hello

Without too much trouble

I’m turning out just like my father

Though i swore i never would

Now i can say that i have a love for him

I never really understood

What it must have been like for him

Living inside his head

I feel like he’s here with me now

Even though he’s dead

It’s not all good and it’s not all bad

Don’t believe everything you read

I’m the only one who knows what it’s like

So i though i’d better tell you

Before i leave

So in the end i’d like to say

That i’m a very thankful man

I tried to make the most of my situations

And enjoy what i had

I knew true love and i knew passion

And the difference between the two

And i had some regrets

But if i had to do it all again

Well, it’s something i’d like to do”

Dazwischen gibt es immer wieder vergnügliche Episoden im typisches Eels-Stil: Mit schräg-schwarzem Humor erzählt Everett, wie eine französische Fernehreporterin in einer Hotellobby nicht mit dem Songtitel „Things The Grandchildren Should Know“ klarkommt, da er ja offenbar keine Kinder habe. Er antwortet trocken, dass er diesen Schritt überspringen, und gleich mit den Enkeln anfangen wolle. Es folgt verständnisloses Gestammel auf französischer Seite. Die falsche Interpretierung seiner Musik zieht sich wie ein roter Faden von „Beautiful Freak“ bis „Blinking Lights And Other Revelations“. Grandios auch Everetts (berechtigte) Empörung, wie sein Song „It’s A Motherfucker“ von der zweiten Bush-Regierung als Beispiel verwendet wird, wie Amerikas Jugend angeblich mit Schmutz überschüttet würde. Kurz darauf benutzt Dick Cheney das von ihm so verdammte ‚F‘-Wort in einem Streit mit Senator Leahy. „Fuck him.“, lautet Everetts kurzer Kommentar zu dieser entlarvenden Anekdote amerikanischer Politik.

„Things The Grandchildren Should Know“ ist ein fantastisches Buch, im Stile von Salingers „The Catcher In The Rye“, nur dass die geschilderte Geschichte tatsächlich war ist, und der Protagonist Holden Caulfield ein Musiker ist, der sich hauptsächlich über seine Musik mitteilt. Mark Oliver Everett bezeichnet es als Glücksfall, dass er es soweit geschafft hat, wobei man sofort zustimmen möchte: Wie seine Musik ist auch sein erstes Buch ein künstlerischer Glücksfall und ein persönlicher Einblick in die tiefen Abgründe eines Mannes, der dem Schicksal ein Schnippchen geschlagen, und erreicht hat, was ihm offenbar nicht von Natur aus mitgegeben wurde: Die Fähigkeit Glück zu empfinden.

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{ 3 Kommentare… read them below or add one }

1 Pynchon August 25, 2009 um 17:32 Uhr

Tolle Rezension!
Ist das Buch bereits in Übersetzung erhältlich, oder hast du es auf Englisch gelesen?

2 otic August 26, 2009 um 00:19 Uhr

Hab’s auf Englisch gelesen, aber es gibt das Buch auch schon in deutscher Übersetzung mit dem Titel „Glücktage in der Hölle“. Warum auch immer man den Originaltitel nicht beibehalten hat.

3 Hififi August 26, 2009 um 19:19 Uhr

Toll, danke! Werde es definitiv lesen!

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