Los Campesinos! – Interview

von Sterereo am 22. November 2008

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Da stürmt eine junge Horde Studenten aus der walisischen Hauptstadt Cardiff in die Welt: Zwei Alben in einem halben Jahr, eine Bühne mit Broken Social Scene und jetzt Hip Hop mit Glockenspiel. Los Campesinos! schreiben sich mit Ausrufezeichen und leben es. Frisch im Gepäck das unverschämt starke „We Are Beautiful, We Are Doomed“. Harriet und Ellen erklären mir, wieso dieses Album fast zum Lückenbüßer wurde.

Also, wer musste das Label anrufen um zu beichten, dass ihr nur wenige Monate nach dem letzten Release ein neues Album raus bringen wolltet?

Ellen: Das ging eher über E-Mail (lacht). Als wir das erste Album herausbrachten wollten wir eine EP einspielen, als Lückenfüller zwischen zwei Alben. Auf der US-Tour haben wir uns überlegt, was wohl die beste Zeit dafür wäre und sind im Juni ins Studio gegangen. Die Aufnahmen liefen aber so gut, dass es wäre eine sehr lange EP geworden. Wir haben dann drüber gesprochen und wollten es als eigenständiges Album herausbringen. Das war eine Sache von einer halben Stunde.

Mit voller Unterstützung vom Label?

Ellen: Ja, absolut.

Harriet: Zum Glück.

Ellen: Die waren sogar ziemlich zufrieden damit, dass wir so coole neue Songs aufgenommen hatten. Wir haben sehr viel Unterstützung erhalten, von Beginn an. Da sagt uns keiner, was wir zu tun haben. Es waren jetzt auch keine außergewöhnlichen Pläne, wie eine Platte mit einer Stunde voller Störgeräusche aufzunehmen (lacht).

In eurem Briefchen an die Öffentlichkeit ist die Rede davon das ihr auch einfach noch die Single „You! Me! Dancing!“ herausbringen könntet und weiter auf Tour gehen um reich und begehrenswert zu werden. Wieso habt ihr das nicht gemacht?

Harriet: Wir wollten „Hold On Youngster…“ nicht so ausbluten lassen. Es ist das schlimmste was du machen kannst, es immer weiter zu pushen. Das ist doch total langweilig. Wir sind froh das nicht machen zu müssen. Ich glaube viele andere Bands werden dazu gedrängt immer wieder Singles herauszubringen.

Ellen: Manche der Songs vom ersten Album sind heute über zwei Jahre alt. Wir spielen die schon eine lange Zeit: Geschrieben, geübt, getourt und eingespielt. Jetzt hatten wir die neuen Songs und wollten sie auch einfach herausbringen.

Keine Lust also mehr auf Singles? Es wird ja keine von „We Are Beautiful, We Are Doomed“ geben.

Harriet: War das nicht sogar vom Label?

Ellen: Nee, nicht wirklich. Es sollte einfach ein abgeschlossenes, limitiertes Paket sein.

Richtig, das Album ist limitiert und selbst gestaltet. Was hat es damit auf sich?

Ellen: Es gibt davon 5000 Stück. Ich glaube es war Neils Idee eine Art Schuhkarton davon zu machen. Dazu sollte sowieso eine DVD, die viele Leute gerne haben wollten. Weil es ja erst eine Art Lückenfüller seien sollte, wollten wir das ganze Paket damit abrunden.

Harriet: Das Ganze entwickelte sich während der US-Tour. Diese unter anderem übrigens mit Jeffrey Lewis – das war toll. Eine gute Erfahrung, wir waren unterwegs, haben die neuen Songs geübt während der Soundchecks. Eine großartige Zeit, die das Album einfach auch widerspiegeln sollte.

Ihr wart auch mit Broken Social Scene unterwegs …

Harriet: Keine Tour nur eine…

Ellen: Zwei!

Harriet: Oh, ja, zwei Shows. Sie haben uns ihren Auftritt stürmen lassen. Naja, stürmen? Wir durften sie unterstützen. Es war total cool. Wir waren sehr glücklich darüber.

Aber ihr spielt keine Bläser. Oder gibt’s die bei euch auch demnächst zu hören.

Ellen und Harriet schauen sich an, beide lachen.

Harriet: Wir haben da tatsächlich schon drüber gesprochen.

Ellen: Das wäre schon nett mal mit Bläsern aufzunehmen. Aber es passt nicht so sehr zu den Songs. Ich glaube das wäre schwierig. Vielleicht mal auf der Bühne? Wer weiß?

Harriet: Es ist schwierig, aber ich glaube, eines Tages könnte es vielleicht was werden.

Auch so ist eure Musik wundervoll vielseitig. Ihr sprecht von Freiheit, Frivolität und Spontaneität.

Ellen: Ja, wir hatten nie jemanden der uns wirklich sagt, was wir zu tun und zu lassen haben. Auch schon auf der Uni nicht. Wir haben einfach Spaß an der Sache und nie gedacht: „So jetzt werden wir große Musiker!“. Da hatten wir einfach unglaubliches Glück. Das wäre schon komisch, wenn da jemand käme und sagen würde: „Ihr braucht jetzt ein neues Image“.

Harriet: Wir sind immer so gewesen, wie wir wollten. Da gibt uns das Label genug Freiheit.

Soviel, dass Gareth jetzt sogar rappen darf.

Harriet: Daran sind Why? Schuld. Die machen so „instrumental Hip Hop“. Man merkt, dass sie ihn da inspiriert haben.

Dazu kommt eure Live-Show. Ich durfte euch auf dem Melt! erleben. Da habt ihr euch nicht geschont. (Wie auf bestellt kommt genau jetzt Tour-Manager und drückt Harriet eine Tablettenschachtel in die Hand.)

Harriet: (lacht) Ja, wir sind schon eine richtige Rock ’n‘ Roll-Band und jetzt bin ich erkältet! Es wird schon manchmal etwas anstrengend auf der Bühne. So kriege ich das zurück.

Ellen: So kann man das auch sagen (grinst). Aber so ist das Leben auf Tour, aber man gewöhnt sich dran. An manchen Tagen schaust du dir die Städte an, dann wieder bist du viel zu müde für so was. Da hilft es nicht jeden Tag ewig zu feiern. Und dann erwischt dich mal eine Erkältung. Nicht wahr?

Harriet grinst.

Doch statt warmen Fußbad samt heilendem Kräuterduft irgendwelcher Aufgüsse riecht es anschließend im Luxor nach frisch-ertanztem Schweiß. Denn wenn Los Campesinos! rufen: „You! Me! Dancing!“ helfen keine kalten Kompressen.

Fotos: Band-Myspace

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