Kapitän Platte Festival 06.10.12 im Forum, Bielefeld

von Benjamin am 31. Oktober 2012

in Feierlichkeiten

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Das Bielefelder Label Kapitän Platte hat sich geschickterweise vor ein paar Jahren die schwedischen Instrumental-Rocker von EF gesichert und diese zum wiederholten Male am vergangenen Wochenende nach Bielefeld eingeladen. Es war das erste Kapitän Platte Festival im Forum Bielefeld und neben EF waren auch noch die Labelkollegen von Nihiling, The Hirsch Effekt und The Von Duesz zu Gast. Instrument aus München mussten leider aufgrund einer Ellenbogenverletzung des Bassisten absagen und dafür trat der Gitarrist und Sänger von EF Daniel Öhman als sein Solo-Projekt Halo of Pendor als Opener auf. Außer ein paar technischer Mängel war der Auftritt dann auch ein sehr gelungener Auftakt zu einem außerordentlichen Festival. Daniel Öhman alias Halo of Pendor verwirklicht in seinem Projekt sehr emotionale elektronisch angehauchte kleine Pop-Songs, die von Samples mit Beats und Gitarren sowie Synthesizern getragen und von seiner Stimme und einer live gespielten Gitarre ergänzt werden. Die Songstrukturen sind hier weniger episch und klassischer als das bei seiner Hauptband EF der Fall ist. Eindrucksvoll sind die übereinander gelagerten Stimmen und Gitarrenspuren, die in jedem Song eine große Rolle spielen. Viel stärker in Richtung Instrumental-Rock ging es dann schon mit Nihiling aus Hamburg, die bereits zwei Alben verbuchen können, das zweite Album „Egophagus“ erschien auf Kapitän Platte. Mehr und mehr Instrumental-Rock Bands erkennen den seltenen aber wirkungsvollen Einsatz von Stimmen in ihrer Musik, die dann auch zwischendurch bei Nihiling zum Tragen kommen, mal von einer Frau und mal von einem Mann gesungen. Dazwischen breitet sich Dynamik in exzellent aufeinander abgestimmten Gitarrenpassagen aus, hier macht sich keine Langeweile zwischen den verschiedenen Parts breit, im Instrumental-Rock ist es mehr als wichtig ein Gespür für die Dauer einzelner Parts zu haben, und das haben Nihiling bestens raus. Unglaublich druckvoll und energetisch entwickeln die drei Gitarren ergreifende Melodien, immer abwechslungsreich unterstützt von Bass und Drums. Im Instrumental-Rock interessant zu bleiben ist bei den sich sehr ähnelnden Parametern der verschiedenen Bands schwierig, es gibt unzählige farblose Mogwai-Epigonen, Nihiling gehören definitiv nicht dazu, da sie sehr gut verzerrte und cleane Parts variieren.

The Hirsch Effekt sind dann der nächste Bolzen im Gerüst des Festivals, und was für einer. Ich hab während der ersten 10 Minuten eine Kurznachricht an einen Freund geschickt, um ihm meine Begeisterung auszudrücken: eine Welle aus Post-Hardcore/Artcore/Emo/Screamo (darf man das noch sagen?) schlug da über die Zuschauer ein, deren Wassergewalt mächtig aber deren Tropfen einzeln spürbar waren. Das muss der bescheuertste Satz sein, den ich je geschrieben habe, aber anders kann ich das nicht vertexten was da bei The Hirsch Effekt abgeht. Sänger und Gitarrist Nils Wittrock muss seine Gitarre so hoch hängen, dass er die komplizierten mathematischen Gleichungen auf der Gitarre spielen kann, die er da in jedem Song abreißt. Wie kann man sich nur diese ganzen Läufe und Akkorde merken und dazu auch noch singen? Das Tolle an The Hirsch Effekt ist aber: man bekommt eben nicht nur das Brett um die Ohren geballert, sondern die harten und schnellen Parts sind immer verbunden mit ruhigeren rhythmischeren Parts.

Nach The Hirsch Effekt sind dann The Von Duesz dran, die ebenfalls schon etwas auf Kapitän Platte rausgebracht und Bielefeld fest im Griff haben. Atmosphärisch dicht und tanzbar ist das, was dort von Schlagzeug und Synthies und Saxophon etc. abgeliefert wird, ein intelligenter Mix aus Lounge/Downtempo und aktuelleren Entwicklungen im Electro-Bereich wird da geboten, immer eine gute Gratwanderung aus sich aufbauenden Parts, die dann in schönen Melodien aus Moog und Rhodes Piano münden. Immer wieder schön legendäre Instrumente im Original auf der Bühne zu hören.

Der Auftritt in Bielefeld war der letzte in einer Europa-Tour von EF, die am Abend vorher in Berlin schon abgeräumt haben und in Bielefeld dann ebenfalls einen beeindruckenden Auftritt hinlegen. Das war bereits mein viertes Konzert mit EF und jedes Mal entdecke ich in schon zuvor gehörten Songs etwas Neues und jedes Mal haben sich die Nuancen im Sound ein wenig geändert und ein wenig mehr Fokussierung tritt bei EF auf den Plan. EF geben immer alles auf der Bühne und das ist mitreißend und ergreifend. EF setzen nach wie vor auf einen komplexen Aufbau der drei Gitarren mit verschlungenen Rhythmen und viel Nachhall und Echo. Dazu gibt es vereinzelt Gesang und zwischendurch Piano-Sounds und Sprach-Samples. Das Set dauert ganze zwei Stunden und zum Schluß lassen sich EF auch noch breitschlagen doch noch „Tomorrow My Friend“ zu spielen, das sie eigentlich auf dieser Tour nicht spielen wollten, wie mir Daniel Öhman nach dem Konzert noch verraten hat. Das Forum wirkt nach diesen Auftritten voller Energie und Dynamik wie abgerissen und zerlegt, aber gerade das sind ja auch die besten Konzerte.

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