Ja, Panik – Forum Bielefeld, 20.10. 2011

von Benjamin am 23. Oktober 2011

in Feierlichkeiten

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Bei Ja, Panik im Forum in Bielefeld sind gestern Welten verschmolzen und Planeten kollidiert; dabei gehe ich nach gestern mal davon aus, dass das bei jedem Ja, Panik Konzert passiert.

Ja, Panik sind ganz und gar nicht bodenständig und ganz und gar nicht konventionell, und wenn man das genießen kann, was die Band auf der Bühne aufführt, dann hat man es geschafft, sich nicht mehr wie ein vollgefressener Musikkonsument zu verstehen, sondern hungrig geblieben zu sein, hungrig auf das Neue, was junge Bands vermitteln können. Die Versätzstücke sind dabei sehr bekannt, Gitarre, Bass, Schlagzeug, Gesang und Klavier, werden aber neu zusammengesetzt, wie die zerklüfteten Akkordfolgen und durchschnittenen Strophe/Refrain-Schemata von Ja, Panik beweisen. Was Ja, Panik an der Gesellschaft und dem Kunstbetrieb kritisieren, glorifizieren sie gleichzeitig in höchste Höhen und sind sich durchaus bewusst, dass ihre Musik und ihre Texte aus bereits Gesehenem, Gelerntem und Gehörten geboren wurden. Sie tanzen einen bescheidenen und schüchteren Tanz auf der Asche des Überflusses an künstlerischem Input aus den Pop-Welten der letzten 60 Jahre. Altes Klavier, alte Gitarren, alte Mikrofone, schwarze Hemden und Hosen, androgyne Gestik und Mimik, hier wird man nicht zwingend auf eine Aussage hingeführt, hier kann man sich aussuchen, was einem gefällt und wird doch in jeder Richtung leidenschaftlich belohnt. Das Gesetzte und Etablierte kotzt die Österreicher an und mit jedem Song wischen sie es wieder neu weg, setzen es in Brand und sehen es in Flammen aufgehen. Die Asche heben sie behutsam auf und formen daraus gleich wieder etwas Neues, von Song zu Song und innerhalb der Songs von den Strophen, Bridges und Refrains hin zu einzelnen Tönen.

Ganz zu schweigen von den Texten Andreas Spechtls, bei dem man tatsächlich die Hoffnung behält, er würde sich nicht irgendwann von dem Hype um seine Band umwirbeln lassen und dann nicht mehr so brilliant formulieren können. Hier folgt mal der Text der Musik und mal die Musik dem Text. Das ist zwar schematisch einem gewissen Storytelling zuzuordnen, weist aber so viel Poetik auf, wie es sich keine andere deutschsprachige Band in den letzten 10 Jahren zugetraut hat. Es ist schön, jemanden so in Poetik aufgehen zu sehen. Aber aufgehen wäre schon wieder zu selbstsicher und herrschaftend, die Band selbst und Andreas Spechtl streuen überall den lebenswichtigen Zweifel mit ein. Auch wenn man vielleicht hätte Angst bekommen können, das man evtl. von linken Spinnern Parolen zugerufen bekommt, so haben Ja, Panik jegliche uniforme Dogmatik entweder vermieden oder abgelegt, man kann es sich zumindest aussuchen, was man von den Texten mit sich nach Hause nehmen will oder im Forum in Bielefeld lässt.

Und während sich Ja, Panik für ein viel zu kleines Publikum aufopfern, kommt der Gedanke, dass sich dort 5 Männer auf der Bühne für die Zuhörer mit Themen befassen, deren Sprengkraft man sich selbst in seinem sicheren Zuhause nicht mehr aussetzen will, man selbst geht dann wieder nach Hause und ist sicher und geschützt und doch mit Gedanken, die das eigene Musikleben verändern.

Der Abend endet wie kein anderer Abend im Forum je endet, und zwar mit einer Zugabe im familiären Kreis oben im Backstage-Raum, in dem Andreas Spechtl alleine auf der Akustikgitarre den Titelsong des letzten Albums DMD KIU LIDT singt, in einzelnen Textpassagen begleitet von der Band.

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