I’m Kingfisher – Arctic

von am 8. April 2011

in Musik!

Post image for I’m Kingfisher – Arctic

Singer/Songwriteralben gibt es wie Sand am Meer. Es ist nicht immer leicht für den Hörer, den Überblick zu behalten. Häufig benötigen Platten dieses Genres etwas mehr Aufmerksamkeit. Dazu muss dann auch die Stimmung passen, denn wer möchte sich schon ständig seine gute Laune an einem sonnigen Tag durch das Gejammer eines mittelprächtigen, larmoyanten Barden verderben lassen? Wenn schon melancholischen Indie-Folk, dann bitte von gehobenerer Qualität. Das muss nicht unbedingt eine gute Produktion einschließen, oder eine fantastische Stimme, sondern es reicht in der Regel häufig schon etwas Originalität jenseits der tausendfach vorgetragenen Klischees. Ein Wunsch, der häufig nicht erfüllt wird. „Arctic“ begegnet diesen Gefahren auf seine ganz besondere Weise.

Man merkt der Musik von Thomas Denver Jonsson an, dass er Erfahrung hat, seine Emotionen musikalisch zu formulieren und zu gestalten. Es ist das erste Album unter dem Namen I’m Kingfisher. Vorher hat er zahlreiche Outputs unter seinem eigenen Namen veröffentlicht. Nun leitet er gleich auf mehreren Ebenen eine neue Ära ein, denn es ist auch das erste Konzeptalbum einer Trilogie. Jonsson zeichnet mit „Arctic“ die Abenteuer des Polarforschers Dr. Fridjof Nansen nach, der Ende des 19. Jahrhunderts Grönland durchquerte und anschließend unter widrigsten Bedingungen mit einem Segelschiff in Richtung Arktis aufbrach. Es ist ein faszinierender Gedanke, eine solche Erfahrung in Musik umzuwandeln: Einsamkeit, Isolation, Walrossfleisch und unendliches Eis. Das Szenario ist wie geschaffen für die Aufarbeitung durch einen Songwriter, der die emotionale Seite und die Gedanken jenseits der offiziellen Lexikoneinträge interpretiert. Und was sonst sind die meisten Singer/Songwriter-Platten, als tongewordene Tagebucheinträge, in denen persönliche Ängste, Sorgen und intime Reflexionen veröffentlicht werden, die sonst kaum jemand erfahren würde.

Zu diesem Konzept addiert man dann noch eine gewisse skandinavische, träge Schwermütigkeit und schon stecken wir mitten in der Polarexpedition durch die Seele des Künstlers. Eine besondere Qualität von „Arctic“ ist dessen Bildhaftigkeit. Unterfüttert vom Expeditionskonzept macht man sich bald auf und liest nach, was für ein Mann Dr. Nansen war, was ihm auf seinen Wegen passiert ist und wie er mit Niederlagen und Erfolgen umging. Es entwickelt sich schnell eine enge Vertrautheit zwischen Musiker, Forscher und Hörer. Man erlebt und erfährt das Album wie man es sonst eher von einem Buch gewohnt ist, bei dem man sich mit dem Protagonisten identifiziert. Jonsson fungiert gleichzeitig als Erzähler und fiktive Figur. So verschwimmen die Konturen mehr und mehr, bis I’m Kingfisher auch zu der Person wird, von der er eigentlich berichten wollte.

Musikalisch bewegt sich Jonsson zwar auf bekanntem Terrain, allerdings ist man trotzdem gewillt, ihm auf seinen Wegen zu folgen, auch weil die düstere Atmosphäre eine unheimliche Anziehungskraft erzeugt, der man sich nach einiger Zeit nur noch schwer entziehen kann. Mit Bläsern, gelegentlichen elektronischen Einsprengseln und abwechslungsreichen Arrangements illustriert er die Eindrücke Nansens auf vielfältige Weise. Gelegentlich folgt er dabei den Spuren Neil Youngs und mit „Smile With Your 1000 Teeth“ ist er ihm ganz dicht auf den Fersen. Mit „A Continent Lost“ macht er kurz bei einer Pearl-Jam-Unplugged-Session Rast, gibt noch einmal den Young und zieht anschließend wieder alleine weiter Richtung Pol. Wir sind zu jeder Zeit ganz nah dran und sind gespannt auf die Fortsetzungen.

Share Button

{ 0 Kommentare… add one now }

Previous post:

Next post: