Ideenlos / wer braucht namen, wenn es worte gibt

von psw am 1. April 2009

in Kurzgeschichten

ideenlos

1.1

Seltsam dem eigenen Verfall beizuwohnen, während um dich herum alles blüht und gedeiht. Vielleicht ist das Ende näher als gedacht, eine Einbahnstraße im Zentrum der Stadt.

Dreh dich drei Mal im Kreis, was gibt es noch zu sehen? Neid, Mißgunst, Stress, Angst. Wir verlassen uns auf die Verlassenen, stoßen die Wertvollen in den Dreck und trampeln auf ihren geschundenen Gedärmen herum.

Es ist ein Leichtes laut “ja” zur Mittelmäßigkeit zu sagen, aber schwer Klasse einzugestehen. Ein sicheres Leben. Gesichertes Einkommen. Keine Schulden, ein warmes Haus. Furcht vor dem Absturz. Der Ziegelstein fällt unaufhörlich, trifft dich am Kopf und es ist alles aus. Vorbei die Sicherheit. Wir sind nie geborgen. Alles Lüge und Illusion.

1.2

Im Dreck wühlen ist ein großartiger Zeitvertreib. Die Morbidität der Erde, die uns alle irgendwann aufnimmt sammelt sich unter meinen Fingernägeln.

2.1

Mit der Liebe verhält es sich wie mit einer Muschel.
Wir halten sie ans Ohr und glauben, das Rauschen des Meeres zu vernehmen. Dabei ist es doch nur unser Inneres, was wir hören.

3.1

Regen. In Einförmigkeit kommt der Himmel darnieder um wieder in Vergessenheit zu geraten.

Melancholie und Einsamkeit im Wechsel der Gezeiten. Nach dem Nass werden kommt das Trocknen. Und danach beschleicht einen das Gefühl der Geborgenheit, während draußen einige verlorene Gestalten Unterschlupf in den hinteren Winkeln der Häusergassen suchen.

Wir bedanken uns für Wohlstand und Gutmütigkeit unserer Häuser, die diese Demonstration der Übermacht der Natur schadlos an uns vorüber ziehen lassen.

3.2

Die Einsamkeit stand ihm ins Gesicht geschrieben. Er war sicher schon an die 60, hatte stark eingefallene Wangen.

Der Zug fuhr knatternd durch die Landschaft. Bäume, Sträucher, Häuser und Felder flogen an uns vorbei.

“Ich sag dir eins, Junge”, er sah mich durchdringend an, “leg dich nie fest, leg dich niemals fest. Jeder wird dich irgendwann im Stich lassen.” “Sie haben sicherlich recht”, erwiderte ich, nicht ganz überzeugt von seiner Aussage.

Damals war ich wohl noch zu jung. Und wer hört schon auf eine alte, tattrige Zugbekanntschaft. Setzte sich einfach neben mich und fing an zu reden.

Heute weiß ich, dass er recht gehabt hat.

[hr]

wer braucht namen, wenn es worte gibt

Bruchstück I 
An diesen Tagen funkeln die Sterne in unendlicher Schönheit gedankenverloren dahin. Konsequenzen mussten getragen werden, sie zeigen nun den Weg auf. Alles ist klar und hell. Der Vorhang fällt und gibt die Sicht frei auf eine wundervolle Landschaft.

Es zeigt sich die Zukunft, wenn auch nur kurz. Um wieder im Dickicht des Unterbewusstseins zu verschwinden. Wo sind wir, wenn nicht im Jetzt. Im Leben. Das sonst unaufhörlich an uns vorüberzieht während wir uns der eigenen Existenz bewusst werden.

Bruchstück II
 Der Wahnsinn ist nah. Er hockt in einem Zimmer unter dem Dach, eine faltige Gestalt. Unbeherrscht, herrisch, verschwenderisch. Zerfahren schreit sie wirre Gedanken in das Kontinuum von Raum und Zeit.

Jeden Tag eine neue Idiotie, der das Geschöpf hilflos ausgeliefert ist. Ein Lakaie unseres Systems, Schutz suchend hinter Titeln und Gesellschaftsbereichen.

Ohne zu hinterfragen oder zu bedenken. Oder zu leben.


Bruchstück III
 Verloren in den Gängen fremden Verlangens. Gezwungen, gebeugt, ausgenutzt liege ich auf dem Boden der Tatsachen; unwissend was nun werden soll. Die Hybris lacht mir ins Gesicht und schlägt auf ihre Pauke. Lärmend falle ich rückwärts, hinein in ein Loch unendlicher Leere und Dunkelheit. Gefressen von Gedanken der Unabhängigkeit, die mich irgendwann auf das Schafott treiben werden. Hingerichtet vom Verlangen nach Harmonie und Einklang, von greifbarer Unnahbarkeit.

Hell scheint der Umriss des Mondes auf menschenleere Flächen. Billig steht sie an Wänden während zwiespältige Farben mir entgegen leuchten. Aufgefressen und verschlungen in der Erbärmlichkeit der Lügen.

Unförmigkeit scheint ihre Stärke zu sein. Doch warten auf Fahrradschlösser ist eine unannehmbare Tätigkeit. Insbesondere bei einer solchen Erwartung. Eiskalt und dumm. Wie Fische die gegen den Wind schwimmen. Grell-gelbe Stücke auf dem Weltmeer der Verzweiflung.

Herausgeschrieen: „Wo bist du. Was tust du?“ – Der Spiegel lacht zurück: „Das warst du!“ „Wer war ich dann?“ Alles, nur kein Mensch mehr.

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