IAMX – Interview

von am 12. April 2011

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Wenn man den Wahlberliner Chris Corner (Ex-Sneaker Pimps) auf der Bühne erlebt, vermittelt er nicht unbedingt den Eindruck, privat ein umgänglicher Gesprächspartner zu sein. Kostümiert, düster und exzentrisch schlüpft er während der IAMX-Shows gleich in mehrere Rollen, die einerseits zur effektvollen Verstärkung seiner Ausdrucksweise dienen, aber andererseits auch wie schützende Alter Egos funktionieren, die die wahre Persönlichkeit vor dem Publikum verbergen. Hinter den Kulissen wirkt Corner scheu und zurückhaltend. Bereitwillig dringt er aber während des Gesprächs tief in seine eigenen Gedankenwelten ein, versucht möglichst treffende Formulierungen zu finden und überlegt sehr genau, was er sagt.

Wie war die Show in Paris gestern? Anscheinend standen ein paar Tourdaten krankheitsbedingt auf der Kippe?

Ja, in Paris lief es wieder. Die Woche davor hat mich eine ziemlich schwere Grippe erwischt, sodass wir ein paar Termine canceln mussten. Das erste Mal überhaupt.

Das neue IAMX-Album ist um einiges schwerer zugänglich, als die vorherigen, besonders im Vergleich zum Vorgänger „Kingdom Of Welcome Addiction“. Es scheint, als hättest du verstärkt mit verschiedenen Sounds und Konzepten experimentiert.

Ich habe ganz bewusst mit komplizierteren Klängen gearbeitet, um den Sound auf die Themen abzustimmen, um die es auf „Volatile Times“ geht. Die sind dieses Mal wesentlich „heavier“ geworden. Ich bin eigentlich froh, wenn das Album als schwierig wahrgenommen wird, weil es in gewisser Weise meine Intention bestätigt, Neues auszuprobieren, ungewohnte Wege zu gehen. Jedes Mal, wenn ich im Studio das Gefühl hatte, mich zu wiederholen, habe ich so lange etwas was verändert, bis es nicht mehr so vertraut klang. Auf diese Weise sind zum Teil ungewöhnliche Arrangements entstanden, die man von IAMX bisher so nicht kennt

Bisher ging es in deinen Texten eher um persönliche Dinge, um seelische Abgründe oder den Umgang mit Emotionen. „Volatile Times“ dagegen spricht verstärkt aktuelle Themen an, wie Religion, Wirtschaft, Politik oder gesellschaftliche Entwicklungen.

Ich verarbeite in den neuen Songs Themen, die mich schon länger beschäftigen. Hat man erst einmal damit begonnen, sich in ein Thema einzuarbeiten, streift man schnell andere Interessengebiete, die mit dem ursprünglichen Thema verwoben sind. Irgendwann kommt man an den Punkt an, wo sich das Weltbild zu verändern beginnt. Die Tür, die man aufgestoßen hat, lässt sich nicht einfach wieder schließen. Dinge um uns herum, die man sonst immer für selbstverständlich gehalten hat, stehen dann auf einmal infrage. Das ist wie ein Schalter im Kopf, der umlegt wird. Der Glaube an die Existenz Gottes erscheint beispielsweise als höchst fragwürdiges Phänomen, wenn man um dessen Instrumentalisierung und den sich daraus ergebenden Folgen weiß. Das ist das Leitmotiv von „Volatile Times“: Die Suche nach einem realistischeren Weltbild und nach einer vernünftigeren Art und Weise, sein Leben in dieser Welt zu führen.

Wer inspiriert dich zu deinen Gedanken?

Ich habe in der letzten Zeit eine Menge Literatur zu gesellschaftlichen Themen gelesen. Ein großer Einfluss war sicherlich Christopher Hitchens, dem auch der erste Song auf „Volatile Times“ gewidmet ist. Er ist ein Teil einer „New Atheistic Movement“, die ihre Grundlage in den Wissenschaften sieht. Vor allem diese Strömung inspirierte mich auf philosophischer Ebene. Künstlerisch werde ich nach wie vor sehr von Filmen inspiriert. Ingmar Bergman und Arthaus-Filme spielen eine große Rolle, wenn es um meine ästhetischen Einflüsse geht. Ich bin ein großer Anhänger von Frederico Fellini. Einerseits sind seine Filme sehr operettenhaft verspielt und theatralisch, auf der anderen Seite besitzen seine Werke auch eine ganz eigene philosophische Aussage. Meine größten Einflüsse liegen eher außerhalb musikalischer Genres, ehrlich gesagt habe ich in letzter Zeit kaum Musik gehört, und wenn, dann war es klassische Musik. Dadurch, dass ich meine Musik komplett selbst produziere, werde ich den ganzen Tag von Musik und Soundelementen geradezu bombardiert, so dass ich zuhause meistens lieber meine Ruhe habe. Klassische Musik lässt mir diese Ruhe und stellt darüber hinaus einen weiteren Einfluss für meine eigenen Songs dar.

Bei IAMX spielt die visuelle Komponente eine große Rolle. Du spielst auf der Bühne mit theatralischen Elementen, verkleidest dich, verwendest Visuals, in denen das Coverartwork und andere künstlerische Elemente aufgenommen werden.

Das ist ein sehr chaotischer, spontaner Prozess. Ich habe mich schon als Kind gern verkleidet. Ich habe mich früher von meiner Schwester in Verkleidungen stecken oder schminken lassen. Ich habe früh erfahren, dass in Verkleidungen eine gewisse Macht steckt, die auf den Träger übergehen. Es ist spannend sich vor der Show zu verkleiden und die Figuren, die man dadurch schafft, wieder zu zerstören. Jede Nacht findet da so etwas wie ein therapeutische Metamorphose statt.

Deiner Liebe zur Schauspielerei ist es sicherlich auch zu verdanken, dass du bereits Film-Soundtracks gemacht hast?

Das war bisher ziemlich eigenartig, da ich dafür quasi ein komplettes Album aufnehmen musste, das, obwohl es sich um einen Soundtrack handelte, komplett songorientiert war. Es gab zwar bestimmte Elemente, die immer wieder vorkamen, aber dennoch fühlte es sich an, als würde ich ein reguläres Album produzieren. Ich würde sehr gerne einmal einen traditionellen Soundtrack, also richtige Filmmusik schreiben und aufnehmen.

Du schreibst und produzierst Musik, bist in das IAMX-Artwork involviert, drehst Videos, gestaltest das Bühnensetting selbst. Was tust du sonst noch so?

In erster Linie ist Musik das, was ich kann. Alles andere habe ich mir zwar nach und nach angeeignet, aber eigentlich bin ich auf diesen Gebieten ein Amateur, der das tut, was ihm gefällt, ohne wirklich das handwerkliche Wissen zu besitzen. Ich bin einfach neugierig und es macht mir Spaß, mich in den unterschiedlichen Bereichen auszutoben. Um diese Ganzheitlichkeit geht es auch bei IAMX. Ich möchte in allen Bereichen involviert sein und möglichst wenig in fremde Hände legen. Außerhalb von Berlin habe ich eine Art kreatives Zentrum in einem alten DDR-Gebäude. Hier drehen wir vor allem Filme. Außerdem habe ich mit der Malerei angefangen. Ich bin zwar nicht sehr gut, aber ich mag es, dieses Gebiet für mich zu erforschen. Aber meine Stärke liegt ganz klar in der Musik.

Fotos: myspace.com/iamx

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