IAMX – Essigfabrik Köln, 08.04.11

von am 12. April 2011

in Feierlichkeiten

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Chris Corner gehört zu den Künstlern, die gleich zwischen mehreren Stühlen Platz nehmen müssen. Angefangen hat der in Nordengland geborene Künstler in den Neunziger Jahren als Frontmann der Sneaker Pimps. Von Trip Hop ging es über drei Alben weiter in Richtung Electro-Rock. Es fiel damals schon nicht leicht, Corners Musik treffend zu beschriften. Wie Massive Attack, UNKLE oder Lamb standen die Sneaker Pimps für einen eigenen charakteristischen Sound zwischen Beats und Gitarren. Herausragendes Merkmal war stets Corners androgyne Stimme, gekoppelt mit einer exzentrischen Bühnenshow, die gleichzeitig faszinierte und abschreckte. Seit 2004 existiert bereits sein ambitioniertes Soloprojekt IAMX, mit dem er die Grenzen von Electroclash, Industrial-Rock und Filmscore-artiger Collagen endgültig verwischt. Dass sich Corner nicht so einfach in Schubladen stecken lässt, spiegelt sich in der Heterogenität seiner Fans wieder: In der gut gefüllten Essigfabrik stehen aufgepimpte junge Electrogirls friedlich neben unaufgeregten Indierock-Jungs. Die Fangemeinde ist beeindruckend treu, bereits am Nachmittag versammelten sich kleinere Gruppen vor dem Venue. Sogar aus Frankreich und Belgien reiste man dem Star hinterher – in voller IAMX-Montur selbstverständlich.

Schon „Music People“ macht als erster Song des Abends deutlich, dass sich IAMX live wesentlich näher am Industrial-Rock positionieren als auf den Studioalben, auf denen eher der Pop-Anteil überwiegt. Der grandiose Titeltrack vom aktuellen Album „Volatile Times“ folgt gleich an zweiter Stelle, bevor mit „Nightlife“ der erste ältere Knaller abgefeuert wird, durchgehend kommentiert vom Gekreische der weiblichen Fans, die sich vornehmlich in der ersten Reihe positioniert haben. Von der frisch auskurierten Grippe Corners ist kaum mehr etwas zu spüren. Allerdings scheint das ganze Ensemble etwas sparsamer mit seiner Energie umzugehen, als man es gewohnt ist. Der auffallend schmächtige Sänger trifft aber jeden Ton perfekt und demonstriert eindrucksvoll, dass er die unterschiedlichen Bühnenoutfits auch stimmlich höchst variantenreich zu untermalen versteht. Bemerkenswert ist, dass trotz aller Theatralik und elektronischer Opperettenhaftigkeit zu keiner Zeit ein peinlicher Eindruck entsteht. Wie Trent Reznor versteht es Corner mit ästhetisch hoch überzeichneten Elementen und Sounds zu spielen, ohne sich der Lächerlichkeit preiszugeben, wodurch sich auch erklärt, warum IAMX so viele unterschiedliche Menschen anspricht. Apropos Reznor, wer sich zum Beispiel das Gary-Numan-Cover „Metal“ der Nine Inch Nails anhört, hat eine ungefähre Vorstellung davon, wie IAMX auf der Bühne klingen. Allerdings trägt Corner auf seine Kompositionen noch eine Schicht Glitzer-Makeup auf, schickt sie durch den Achtziger-Fleischwolf und gibt noch eine zusätzliche Spur Pathos oben drauf. Mit anderen Worten: Gelegentlich täte es den Songs gut, wenn sie weniger effektüberladen inszeniert würden. Auf der anderen Seite ist das Publikum dankbar für jede übertriebene Geste. Der sonst so introvertierte Corner lässt auf der Bühne die Frontsau raus: „I can’t hear you, Köln!“.

Alte und neue Songs reihen sich nahtlos aneinander, wobei der Schwerpunkt erwartungsgemäß auf dem aktuellen Album liegt. Herausragend unheilvoll wird „Fire & Whispers“ inszeniert, Corners Beitrag zur aktuellen Religionsdebatte, bei dem er eine Art Glitzerburka trägt und die Bühne in ein visuelles Flammenmeer getaucht wird. Nach einem intensiven „President“ folgen mit „The Alternative“, „Skin Vision“ und „Spit It Out“ drei hochtanzbare Electroclash-Songs, die das Publikum anschließend vollgeschwitzt in die kühle Nacht entlassen. Nach einem beeindruckenden Konzertereignis bleibt eigentlich nur noch die Frage, warum Corner nicht wesentlich mehr Aufmerksamkeit bekommt. Verdient hätte er sie allemal.

Foto: myspace.com/iamx

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