Hurricane Festival, Scheeßel 22. – 24.06.07

von Sterereo am 27. Juni 2007

in Feierlichkeiten

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Festivalsommer Allee (viele Bäume, eine Straße)! An einem viel schöneren Ring (dem Eichenring) glänzten 2007 vor allem Arcade Fire, Kings of Leon und The Good, The Bad And The Queen, neben der Regenjacke im Scheinwerferlicht. Trotz der hygienischen Katastrophen, die so ein Festival mit 55.000 Besuchern mit sich bringt, gab es eine Menge mehr Licht als Schatten, was nicht nur an der Sonnenwende lag.

Fast 70 Bands auf drei Bühnen. Ein kleines Festival ist das Hurricane/Southside schon lange nicht mehr. Aber seit diesem Jahr ist es ein noch größeres: Denn das Gelände wurde um einen Stoppelacker erweitert. Ob es den Bauern freut, sei dahin gestellt, dem Sound tat es jedenfalls gut. Besser noch die Aufstockung des Campingplatzes, endlich genug Fläche für eine ordentliche Partie Flunkyball.

Am besten aber immer noch die Musik. Am Freitag unschlagbar waren „The Good, The Bad and The Queen”. Stilecht mit Zylinder bekleidet ließ das Ensemble um Arbeitstier Damon Albarn ihre atmosphärischen Balladen in den Sonnenuntergang ranken. Meine Meinung über die nervenden und leider obligatorischen Nebelschwaden mit Vanillegeruch muss ich hiermit ein Stück weit revidieren; Sie schafften es, dass sich der fantasiebegabte Zuschauer wie im London des 19. Jahrhunderts fühlte. Gänsehaut durch Kanaldeckeldampf und Klaviermusik.

Leider verließen mich hier sehr bald die Säfte und ich schlummerte noch vor den Klängen von Beastie Boys „Sabotage“ im Zelt. Hauptsache fit für Samstag. Bereit für einen Triathlon (Wattwandern, Warten und Wellenbrechen) spülte mich der erste (und nicht letzte!) Schauer aus den Träumen direkt vor die Mainstage. Konnten die langen Beine von The-Sounds-Frontröhre Maja Ivarsson nur von weitem erahnt werden, so konnte das Muster des brachialen Klangteppichs von Mogwai aus nächster Nähe angeschaut werden. Doch so sehr sich die alten Schotten auch anstrengten, um 16 Uhr kommt für diese Musik nicht genügend Stimmung auf. Das Set war solide, doch mit einem Late-Night-Slot hätte dies ein magischer Moment werden könne, schade. Petrus war mit der Slot-Entscheidung der Skorpio Kollegen anscheinend ähnlich unzufrieden und schickte erstmal einen ordentlichen Schwall Regen vom Himmel. So ordentlich, dass Arcade Fire nicht pünktlich anfangen konnten. Mit Verspätung gelang der Einstieg mit „Keep The Car Running“ und „No Cars Go“ wunderbar und der Montreal-Express brauste los. Bei dem inbrünstig dargebotenen Auftritt war aller Frust über das Wetter bald vergessen. Nur Win Butler war noch etwas angesäuert, denn nach „Rebellion (Lies)“ brüllte er ins Micro „It’s a shame, that you been lied to!“ und schmiss es pathetisch in die Bühnenecke. Bedankte sich dann aber doch artig und schlich mit seiner bezaubernden Frau Régine und dem Rest der Mannschaft davon. Anschließend mischten Bloc Party die Meute gehörig auf. Kugelige Mädchen flüchteten schon nach „Hunting For Witches“ mit hochrotem Gesicht Richtung Ausgang. Kein Wunder: Die Londoner wurden nach allen Regeln der Kunst abgefeiert. Zwar bremste die Technik das Tempo etwas herunter, doch daraus machten sich Bloc Party einen Spaß. In der entstandenen Wartezeit wurden die Killers und Interpol gecovert und als Work-In-Progress-Songs angekündigt. Den Real-Deal gab es nur wenige Stündchen später in der Nacht zu hören. Doch zuvor verzauberten Bright Eyes die Wartezeit. Mit monumentaler Besetzung zeigt Mastermind Conor Oberst, dass eine feuchte Aussprache kein Grund sein muss, schlechte Songs zu schreiben (also gute) und auch mal „Fuck“ zu sagen.

Ohne amerikanische Zensurbehörde alles kein Problem, auch nicht für Interpol – die kamen anschließend. Vorher wurde dem gemeinen Festvialvolk der Mund mit Werbung fürs kommende Album „Our Love To Admire“ über die Riesen-Videokübel wässrig geflackert. Endlich enterten die New Yorker Jungs in einfacher Lebensgröße die Örtlichkeit. Allerdings postierte sich die Band direkt drei Meter weiter hinten als es noch die Bright Eyes getan haben. Trotz Abstriche bei der Publikumsnähe wurden die Erwartungen durchaus erfüllt. Damit war auch der 2. Tag zuende und nach dem dritten Frühstück ging’s direkt zurück in die Koje.

Nach dem Pflicht-Samstag jetzt nur noch die Kür zum Abschluss. Dabei gleich eine 9.6 für die Kings of Leon. Die Followills zeigten sich spielfreudig und Caleb gluckste gewohnt herrlich die Standards wie „Molly’s Chambers“ und neue Smash-Hits wie „Charmer“. Dabei kam die Combo in ihrer Lederkluft auch durch die freundlich mitfeiernde Sonne ins Schwitzen. Sind halt noch richtige Rocker. Nicht so Sonic Youth. Fräulein Kim Gordon ist ein Jahr älter als meine Mutter und sieht noch mal 20 Jahre älter aus – entsetzlich. Die Noise-Rock-(Groß)Väter finden auch beim Hurricane schnell raus wie so eine Rückkopplung funktioniert. Minutenlang wird sinnlos geschrebbelt. Die Songs dazwischen sind sogar gut. Genervt hat’s dennoch.

Ansteckend gut gelaunt sind Placebo im Anschluss. Brian Molko schüttelt eine witzige Ansage auf Deutsch nach der nächsten aus dem schwarzen Seitenscheitel („Seid ihr bereit für etwas Rock’n’Roll und Rock’n’Schwul?“). Unterstützt von Tour-Mitglied Alex Lee fackelt der ehemalige Nancy-Boy und seine Crew ein wahres Song-Feuerwerk ab, was nur mit einem Song-Katalog von dem Ausmaß von Placebo möglich ist („Song To Say Goodbye“, „Every Me And Every You“, „Special K“ usw.).

Jetzt ist aber endgültig die Puste raus. Die Altherrenriege „Pearl Jam“ wird nur noch in horizontaler Lage halb wahrgenommen (Mein Rücken!). Viel Lauter sind sowieso auf der anderen Bühne die drei Nordlichter, die sich „Deichkind“ schimpfen. Schon bald gehen auf beiden Bühnen die Lichter aus und damit ist das Hurricane 2007 vorbei, komplett. Am nächsten Tag wird abgebaut und in einer riesigen Autoschlange aus dem Käffchen Scheeßel manövriert. Man sieht sich wieder, bestimmt. Für ein bisschen mehr „Krawall und Remmidemmi!“.

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{ 4 Kommentare… read them below or add one }

1 JonesKorn Juni 29, 2007 um 18:33 Uhr

Ich hoffe, ich habe kommendes Wochenende ein bisschen Zeit, meine Eindrücke mal niederzuschreiben. Vorab schon mal so viel: mein Highlight waren – neben Pearl Jam – ganz sicher ISIS. Von denen hatte ich mir (live) so viel erhofft und sie haben es voll und ganz erfüllt. Leider durften sie nur sehr kurz ran…

2 Hififi Juni 30, 2007 um 12:25 Uhr

Ja, das find ich toll,noch ein Hurricane-Bericht au seiner völlig anderen Perspektive. Das finde ich gut!
Nils, das hast du gut gemacht!

3 Sterereo Juli 1, 2007 um 12:53 Uhr

Danke, Nico.

Und ein Festivalbericht ist ja auch _immer_ super subjektiv. Jeder sieht andere Bands, solange die Zeitmaschinenen vom CIA geheim gehalten werden. Daher hab ich von Pearl Jam und Isis sowieso nur wenig mitbekommen. Obwohl ich sagen muss, dass ich wirklich schon viel gesehen habe.

4 JonesKorn Juli 1, 2007 um 18:18 Uhr

Zum „Äußeren“ des Festivals wurde das Interessante ja schon gesagt, weshalb ich mir hier Wiederholungen weitgehend verkneife. Nur so viel: der neue Bühnenaufbau tut wirklich gut und macht die Angelegenheit deutlich entspannter. Nicht nur die Menschenmassen werden angenehm entzerrt, auch die Schallwellen der gegeneinander antretenden Bands überschneiden sich praktisch gar nicht mehr. Und die großzügigere Auslegung des Campinggeländes war auch Gold wert. Zwar waren einige Grünflächen frei geblieben, aber besser so als das Zelt auf dem Weg aufschlagen wie 2005.

Zurück zum Thema: am ersten Abend konnten mich die Bands nur schwer überzeugen. Einzig The Blood Brothers zum Abschluss im Zelt gefielen und haben mich doch positiv überrascht, obwohl ich sie bereits aus der Konserve kannte. Vor allen Dingen das gute Zusammenspiel der beiden Schreihälse hat mir gefallen, da kann manch ambitionierter Screamoverein noch etwas in Sachen Timing lernen. Und ich überlege noch immer, an wen mich der Frontmann erinnert… Die Beastie Boys haben eine gekonnte und sehenswerte Show abgeliefert und ich hatte mich auch richtig darauf gefreut. Aber wer sich jahrelang nur die Sahnestückchen herauspickt (Sabotage, No sleep till Brooklyn, Intergalactic, …) muss sich vermutlich nicht wundern, dass einem die Musik dann letztlich nicht so zusagt, wenn sie über neunzig Minuten aus den Boxen schallt.

Da der Samstag durchweg als verregnet bezeichnet werden konnte, haben wir uns dummerweise auf’s Trinken konzentriert. Damit waren Bloc Party die erste Band, von der ich etwas mitbekommen habe. Anschließend habe ich mir noch Incubus angetan, da der Bright Eyes Auftritt nach hinten verlegt wurde und mich die Manic Street Preachers nicht wirklich fesseln konnten. Blöde Entscheidung, denn Incubus haben meine Füße dann gänzlich in den Schlaf gesungen; da waren die Manic Street Preachers doch deutlich besser. Um so wohltuender dann der für den Regen und die eingeschlafenen Füße mehr als entschädigende Auftritt von Bright Eyes. An diesem Abend habe ich es mir erspart, mich ins Zelt zu quetschen. Schade, denn nach allem was ich gehört habe, haben Aerogramme dort einen ordentlichen Auftritt hingelegt. Ich habe mich jedenfalls mit ein paar Minuten durch-die-Menschen-in-der-Warteschlange-luken begnügt und dann noch mal eben einen kurzen Blick auf Marilyn Manson geworfen, bevor ich auch den links liegen ließ und wieder zurück ins Basislager gewatet bin.

Am Sonntag habe ich mir dann endlich meinen Sonnenbrand abgeholt. Nach dem Packen der ersten Dinge ging es in aller Frühe zu ISIS. Hm, nur vierzig Minuten… Zeit für fünf Songs und eine halbe Zugabe. Oder so ähnlich. Die verhältnismäßig wenigen Zuschauer (wir hatten fast freie Platzwahl zwischen den beiden Wellenbrechern) ließen sich grob aufteilen in „Was machen die da vorne?“ und „Geil, geil, geil!“ Denker. ISIS könnten ebenso auf einem Metalfestival spielen und sie konzentrieren sich in ihrer Musik stark auf die Instrumente, da kann der Gesang gerne ein paar Minuten hinten an stehen. Ich habe jedenfalls nicht mitbekommen, wie meine Haut in diesen vierzig Minuten langsam aber sicher einen bösen Rotton annahm. Danach musste ich mich leider um den weiteren Abbau und das Verpacken ins Auto kümmern, weshalb ich Porcupine Tree verpasst habe; eine Band, die eigentlich ebenfalls fest auf meinem Programm stand. Reichlich pünktlich zu den bereits treffend beschriebenen Sonic Youth, von denen ich mir viel mehr erhofft hatte, waren wir aber wieder zurück. Placebo haben hingegen erwartungsgemäß gut gespielt, dafür sind sie aber auch einfach zu gut im Training. Und wie ebenfalls schon angedeutet: bei dem Songfundus, aus dem sie schöpfen können, ist das kein Wunder. Pearl Jam haben mich mit dem recht früh gespielten Dissident ebenso etwas überrascht wie mit dem nicht-spielen von Alive. Letzteres war vielleicht auch gut so, ich sehe im Geiste schon wieder durch die Luft schwenkende Feuerzeuge. Dann lieber nicht… Offenbar war der Entschluss der Veranstalter, Deichkind parallel auf die zweite Bühne zu verlegen gar nicht so dumm. Die Zuschauerreihen waren nicht von nervenden Dränglern und ich-seh-nix-Nörglern durchsetzt, es wurden deutlich mehr Songs vom Publikum mitgesungen als ich beherrsche (irgendwie wie letztes Jahr bei Live) und auch wenn sich die drei Spacken vor mir öfters mal einen bauen mussten, war es angenehm auch als nüchterner Mensch in diesen Massen zu stehen. Ein paar andere musikalische Knaller durften natürlich nicht fehlen: Rearviewmirror in einer hübschen Interpretation hallte ebenso wie Jeremy durch den Eichenring. Eine Weile war ich abgelenkt, als mir partout nicht der Rest des Titels Elderly woman behind the counter in a small town einfiel. Ich kam immer nur bis „counter“. Eine Mischung zwischen Mitleid und Schadenfreude überkam mich, als der beleibte Securitymitarbeiter hinter Eddie Vedder herjagte, als dieser sich zwischen Bühne und Absperrung zum Schaulaufen einfand. Der Auftritt machte den Jungs Spaß, das sah man ihnen an und das hörte man. Und das übertrug sich auch auf das Publikum. Reichlich zufrieden blieben wir noch so lange nach der Zugabe auf dem Gelände bis der freundliche Mann mit dem Megaphon fast direkt hinter uns stand und es einfach zu laut wurde. Nach einer weiteren dreiviertel Stunde im Camp bin ich dann mit meinem Begleiter in aller Ruhe und ohne Stau in Richtung Heimat aufgebrochen, wo ich dann gegen vier endlich mal wieder unter einer Dusche stand. Für mich der eigentliche Abschluss eines jeden Festivals.

P.S.: Das Problem an einem Festivalbericht ist doch, dass man sich nicht währenddessen Notizen macht… ich kann bei fast keiner Band mehr sagen, was sie eigentlich für Songs gespielt haben (abgesehen von Pearl Jam, weil die als letzte gespielt haben). Bei ISIS meine ich mich an Backlit erinnern zu können, das war’s dann aber…

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