Hurricane Festival – Scheeßel 20.-22.06.2008

von Benjamin am 24. Juni 2008

in Feierlichkeiten

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Das 12. Hurricane Festival war mal wieder ausverkauft. Das bedeutet 70.000 Rock-Fans in der Lüneburger Heide. Irgendwie läuft in diesem Jahr alles nach Plan: Jogis Elf wird 2. in der Gruppenphase der Fußball-EM und so kann das Event mit riesigem Public Viewing starten. Großartige Stimmung am Donnerstag lassen für die musikalischen Darbietungen hoffen. Auch wenn kein dritter Headliner gefunden werden konnte, so ist das Programm doch abwechslungsreich und gut ausgesucht.

Mein Start auf dem Festivalgelände heißt Kettcar. Die Band ist wie erwartet solide und hat durchaus auch Songs, welche mir außerhalb des Eichenrings gefallen könnten. Anschließend die erste Band, auf die ich mich wirklich gefreut habe: Monster Magnet. Dave Wyndorf, Sänger und einziges verbliebenes Gründungsmitglied, ist in die Jahre gekommen und dick geworden. Immerhin lebt er, was man nach den ganzen Drogenabstürzen der letzten Jahre verwunderlich ist. Ansonsten war die Show relativ solide. Aber auch nicht berauschend, aber das waren die vielen Biere am Nachmittag und der Wodka-O auf dem Festivalgelände. Schade war, dass ich deshalb Tegan und Sara verpasst habe.

Der Samstag verspricht einige gute Bands. Nur muss man entweder Bühnenhopping machen – was bei den kurzen Wegen auf dem Hurricane – kein Problem ist oder man muss sich entscheiden. The Wombats waren eine gute Entscheidung, denn es wurde unterhaltsamer tanzbarer Indie-Rock geboten und mit „Kill the director“ und „Let’s dance to Joy Division“ haben sie auch zwei echte Hits im Gepäck. Anschließend wollte ich The Foals sehen, aber deren Tourbus ist in Frankreich verreckt und deshalb standen aVid* auf der Zeltbühne. Aber deren popadicted rockmusic, wie sie es selbst nennen, oder diese Schnittmenge aus mittelmäßigem Stadion- und schlechtem Alternativerock, wie ich es nenne, ist nicht mein Fall und deshalb bin ich pünktlich bei The Subways. Das Trio aus England weiß, wie man ein Publikum mitreißt und wie man mit solidem Pop-Punk-Rock begeistern kann. Charlotte Cooper und Billy Lunn sind echte Wirbelwinde auf der Bühne. Zwischen den Hits des Debüts fügen sich die neuen Songs gut ein. Natürlich heißt das Finale „Rock’n’Roll Queen“, wobei sich Sänger Billy Lunn an einer deutsche Übersetzung versucht. Ein gelungener Auftritt! Dann brauchte ich ne Pause, der Freitag-Exzess hatte doch zu sehr an meiner Kondition gezerrt.

Ausgeruht ging es dann zur Hauptbühne: Anstellen für Foo Fighters. Das Problem wenn man nach vorne will: Man braucht Geduld. Und in diesem Fall sehr sehr viel, denn Billy Talent spielten noch ne halbe Stunde. Aber interessanterweise waren die meisten meiner Meinung: Nervig und schlecht, diese Band! Aber man wartet ja auf einen Schlagzeuggott an einer Gitarre. Die Foo Fighters legen dann auch mal amtlich los. Dave Grohl ist auch als Gitarrist und Frontmann großartig. Er schreit in sein Micro, rockt auf seiner Gitarre oder spielt den Blues. Die Dame, die gelegentlich Geige oder Cello bedient, sieht verdammt gut aus und auch ihre Instrumente passen zur Rockmusik der Foos. Auf Tour greift das ehemalige Mitglied Pat Smear zur dritten Gitarre und auch ein Percussionist verstärkt die Bands. Bei der Vorstellungsrunde darf dieser dann auch ein Triangelsolo vortragen und die Mischung aus echter Rockmusik und Entertainment ist perfekt. Die Foo Fighters haben auch ziemlich viele Hits in ihrer Karriere geschrieben und so spielen sie 20 Minuten länger als geplant. Da sie Headliner sind, kein Problem. Auf der anderen Bühne und im Zelt ist nach den Foos noch was los, aber was kann diesen Auftritt toppen? Maximo Park vielleicht, aber die sind derzeit so angesagt, dass es vor der Bühne zu voll ist und weiter hinten wirkt die Show nicht. Also, Feierabend für heute. Man muss ja für den Sonntag fit sein!

Der Sonntag hat es in sich! Ich schaffe es zwar nicht ganz pünktlich zu The Notwist, aber irgendwie zündet das auch nicht bei mir. Man ist auf Rock eingestellt und auch wenn die Songs trotz aller Vertracktheit relativ eingängig und melodiös sind, so finde ich diese Indie-Nerd-Attitüde anstrengend: hier ein Knöpfchen drehen, da mal ne Saite anschlagen oder nen Lärmausbruch, hier ein bisschen Computersound, da ein organischer Beat… Nichts für Sonntag Nachmittag bei Hitze auf nem Festival. Vor Calexico kommt dann die Unwetterwarnung auf den Leinwänden. Calexico sind toll: Sie spielen ihre Weltmusik, wenn man es so nennen kann. Die Einflüsse aus mexikanischer Musik, westlicher Rockmusik, Country, Folk und Jazz sind jedenfalls zahlreich, aber alles wirkt homogen und passt zusammen. Von Tocotronic verpasse ich die ersten 10 Minuten, da der Himmel sich bedenklich zuzieht und eine Regenjacke jetzt gut wäre. Tocotronic spielen dann auch eine gute Mischung aus alten und neuen Songs und treffen damit den Nerv der ehemaligen Fans wie mich und den der neuen Fans. Allerdings gehen mir die politisch-intelektuelle Phrasen auf den Keks. Eine kleine Unterbrechung muss sein, da die Instrumente vom Regen zu nass werden. Anschließend spielt das Hamburger Quartett das Set routiniert weiter. Dann gibts auch die Entwarnung: Das Unwetter ist vorbeigezogen und ein Unwetter wie 2006 wird es nicht geben. Damals haben die Veranstalter nicht darauf hingewiesen, da der Wetterdienst das Unwetter wohl auch einige Kilometer enfernt vorhergesagt hatte. In diesem Jahr sollte es direkt überm Gelände krachen, der Veranstalter warnt davor und das Unwetter zieht außer vorbei.

Die letzte Wolke verzieht sich also wieder und Razorlight dürfen bei strahlendem Sonnenschein auf die Bühne. Jetzt kommt große Rockstarscheiße. Johnny Borrell ist der geborene Rockfrontmann, das Publikum liebt ihn und seine Musik. Borrell genießt bei „In the city“ das Bad in der Menge und es alles stimmt. Nur ich muss eher weg: auf der anderen Bühne spielen Black Rebel Motorcycle Club! Eine Band, die man unbedingt gesehen haben muss! Was Robert Levon Been und Peter Hayes mit ihren Gitarren und Bässen machen, ist beeindruckend! Auch das Schlagzeugspiel von Leah, die den sich um Soloprojekte kümmernden Nick Jago ersetzt, ist präzise und sie fügt sich gut ein. Die Ansagen von Robert Levon Been sind dem Sound entsprechend düster. Er äußert seinem Unmut über die Sonne und zieht wie zum Beweis seine Kapuze über. Die Band spielt sich quer durch die vier Alben. Die Kooks-Fans die sich früher vor der Bühne eingefunden haben, werden sich gewundert haben über die beiden schwarzgekleideten Herren auf der Bühne, die mit ihren Instrumenten zu verschmelzen scheinen. Ein großartiger Auftritt einer großartigen Band! The Kooks folgen mit ihrem süßen und fröhlichen Indie-Pop-Rock und mir ist grad gar nicht danach. Das Publikum feiert die gleichklingenden Stücke und die Mädchen auf den Schulter freuen sich, wenn sie ein Kameramann einfängt… Unglaublich, wie man mit so einfachen Mitteln so viele Menschen erreichen kann. Aber mir gefällt das nicht. Vielleicht ist es aber auch die Vorstellung, dass eins dieser kleinen süßen Indiemädchen mich als ihren Freund auserwählt und mich zwingt mit einem albernen goldenen Bändchen meine Locken zu bändigen wie es Luke Pritchard tut… Nun ja, ich musste ja eh früher gehen, denn Radiohead sollten mir beweisen, dass sie als Festivalband taugen. Sollten sie, taten sie aber nicht. Es ist beeindruckend, was sie an Technik auffahren und wie sie mit einfachen Mitteln eine beeindruckende Lichtshow machen. Aber mir ist das zu kompliziert nach einem Tag unterschiedlicher aber doch „normaler“ Rockmusik und so gehe ich vorzeitig.

Insgesamt war das Hurricane Festival in diesem Jahr richtig gut! Glück mit dem Wetter, die Sanitäranlagen waren relativ sauber (außer die am Diskozelt und die Duschen an unserem Campingbereich, aber wenn man weiß, dass der Rest sauber ist, dann geht man halt nen Meter mehr…) und selbst die Security-Mannschaft war entspannt und unauffällig. Das tolle bei diesem Festival ist, dass man wirklich das Gefühl hat, der Veranstalter versucht sich der Kritik anzunehmen und Verbesserungen vorzunehmen!

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{ 6 Kommentare… read them below or add one }

1 Sterereo Juni 29, 2008 um 14:36 Uhr

Tia, Notwist nachmittags ist sicherlich nicht sehr glücklich. Aber dafür kann ich sie auf Platte wirklich unbeschreiblich gut genießen. Bin mal gespannt, wann ich die mal auf einem Konzert sehen darf.

Allerdings hätte ich gedacht, dass Radiohead auch vor einem monströsen Publikum gut wirken würden. Club-Gigs werden die wohl auch nie wieder spielen (müssen). Allerdings wundert mich dein Urteil über die Foo Fighters. Die hätten mich wohl wirklich eher weniger vom Hocker gehauen…

Außerdem waren wohl die Beatsteaks der dritte Headliner. 🙂 2005 spielten die noch auf einem Nachmittagsslot, wenn ich mich richtig erinnere. Wahrscheinlich aber wohl wirklich in Ermangelung eines dritten „echten“ Headliners.

2 Iain Juni 29, 2008 um 14:46 Uhr

habe mir von einem anderen (allerdings radioheadunbedarften) hurricane-besucher sagen lassen, das radiohead doch sehr gut waren, aber du bewertest die ja auch nicht als schlecht, waren dir ja nur zu kompliziert, nach den foo fighters kann man diesen eindruck ja auch verstehen,die sind ja doch einfach gestrickt ;o)

3 RockinBen Juni 29, 2008 um 19:26 Uhr

Problem am Sonntag:
nach den großartigen Black Rebel Motorcycle Club die Gute-Laune-Bubis von The Kooks gesehen und dann Radiohead. Ne, das passte alles nicht. Und nach dem vielen Sonnenschein am Wochenende und sowieso nach einem anstrengendem Wochenende wollte ich nix kompliziertes mehr…

Zu den Foos: Genau sowas will ich nach/beim Biergenuss hören ;o) Einfach, direkt nach vorne und gut is…

4 Iain Juli 2, 2008 um 20:08 Uhr

@sterereo: könntest es ja am 9.12 in der LMH in Köln probieren :o)

5 Sterereo Juli 2, 2008 um 20:52 Uhr

Hmpf, Live Music Hall, hätte mich übers Luxor oder Gloria mehr gefreut. Aber ich glaube, da werde ich wohl vorbei schauen müssen. 🙂

6 Pynchon Juli 6, 2008 um 20:09 Uhr

Authentischer Festival-Bericht, Bennie! Gern werde ich mir bei Gelegenheit mal den ein oder anderen Musik-Tipp zu Gemüte führen. Radiohead würde ich auch immer eher auf einem gesonderten Konzert anschauen, da das Publikum auf so nem großen Festival sicher mitunter weniger anfangen kann mit den anspruchsvolleren Sachen.
Nichts desto trotz wären Radiohead natürlich von allen anwesenden Bands mein absolutes Highlight gewesen! Maximo Park hätten mich allerdings auch noch sehr interessiert…

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