Hundreds – Interview

von am 30. November 2011

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Ein neues Hundreds-Album lässt noch auf sich warten, aber zumindest ist jetzt mit „Variations“ ebenfalls auf dem Label Sinnbus ein Remix- und Coveralbum als Gegenstück zum Debütalbum erschienen. Außerdem sind Eva und Philipp gerade auf Europatour. Die Nachfrage scheint ungebrochen. An einem kalten Herbstdienstag im Tourbus hinter dem Gleis 22, Münster, nimmt sich Sängerin Eva ein bisschen Zeit, um für Hififi.de ein paar Fragen zu beantworten. Heißen Tee gibt’s obendrein.

Seit dem letzten Hififi-Interview vor knapp zwei Jahren ist ja eine Menge passiert: Hundreds-Debütalbum, diverse Touren und Festivalauftritte. Spielt ihr heute eigentlich das erste Mal in Münster?

Ja, wir sind das allererste Mal in Münster. Ich war hier vor zehn Jahren mal für eine Nacht bei einer Freundin zu Besuch und wir haben gefeiert. Aber abgesehen von dem Club habe ich damals nicht sonderlich viel von der Stadt mitbekommen. Ich habe allerdings einige Freunde in Münster, mit denen bin ich hier heute Nachmittag auch ein bisschen rumgelaufen. Sehr schön hier!

Ich habe euch bis jetzt zwei Mal live gesehen, an sehr unterschiedlichen Locations. Das erste Mal war unter nicht so glücklichen Umständen letztes Jahr auf dem Juicy Beats: Ganz kleine Bühne, nachmittags, und dann auch noch unterbrochen durch die 15 Schweigeminuten für die Opfer der Loveparade 2010. Das andere Mal war auf dem Traumzeit-Festival in diesem Jahr. Da wart ihr quasi Headliner am Sonntagabend in der Gießhalle mit eindrucksvollen Visuals und ganz viel Platz auf der Bühne. Heute dann wieder im kleineren Rahmen der Clubtour. Was macht ihr am liebsten?

Es ist im Sommer natürlich immer schön, weil man nicht am Stück auf Tour fährt, sondern weiß, dass man „nur“ auf ein paar Festivals spielt. Da ist dann die Bühne schon hingestellt und die technischen Voraussetzungen sind meistens besser. Es ist einfach mehr da, von den Sachen, die man so auf der Bühne braucht. Clubkonzerte sind aber genauso schön, weil man einerseits natürlich näher dran ist und andererseits nicht diesen Festivalstress hat, der außenrum immer wieder anfällt zum Beispiel mit den Schedules, wann welche Bands wo zu sein und zu spielen haben. Auf den Clubkonzerten dreht es sich entsprechend nur um uns.

Das Konzert auf dem Traumzeitfestival war das größte Paket, wie man uns bekommen kann: mit zwei zusätzlichen Schlagzeugern. Die sind aber nur bei den richtig großen Shows dabei. Heute sind wir dagegen wieder „nur“ zu zweit.

Bist du jemand, der auf der Bühne einfach loslegen kann, egal ob du das Publikum auf einer Minibühne direkt vor der Nase hast, oder auf der Riesenbühne mit Graben?

Du kriegst in dem Moment natürlich so viel geballte Aufmerksamkeit, dass du dich auf der Bühne gewissermaßen von dir selbst abspalten musst. Ansonsten würde ich vor lauter Aufregung wahrscheinlich platzen. Wenn ich als normale Eva auf die Bühne käme, hätte ich wohl kaum etwas zu sagen. Ich bin stattdessen vollkommen konzentriert darauf, die Musik an den Mann zu bringen.

Klingt immer etwas blöd, aber in eurem Fall trifft es tatsächlich genau zu: Für eine deutsche Band ist euer Sound sehr einzigartig. Deutsche, anspruchsvollere Popmusik, insbesondere im elektronischen Bereich, hat ganz oft etwas verkopft-sachliches, zum Beispiel bei The Notwist oder Console. Ihr klingt dagegen sehr emotional und weniger sperrig.

Es stimmt schon, dass deutsche Elektroacts, die auch international erfolgreich sind – da gibt es ja saugute Sachen, die ganzen Weilheim-Bands und so weiter – tatsächlich etwas mathematisch rüberkommen. Das einzige, was da etwas emotionaler klingt ist vielleicht Lali Puna, obwohl ich The Notwist auch schon ziemlich emotional finde.

Aber diese Bands haben meistens diese zurückhaltende Sachlichkeit in ihrer Musik. Sie sind sozusagen die Dokumentarfilme, währenddessen ihr eher in Richtung Melodramatik geht. Das ist bei internationalen Bands anders, wie zum Beispiel bei Moloko, mit denen ihr auch verglichen werdet. Oder Massive Attack oder Portishead, bei denen allein schon durch die Stimme von Beth Gibbons eine sehr große Emotionalität transportiert wird.

Wir sehen uns quasi auch in deren Tradition. Wir haben uns unsere eigenen Gedanken zum Thema „Trip-Hop“ gemacht, weil wir beiden einfach diese Musik sehr viel gehört haben. Alle diese Bands, die du da aufgezählt hast, waren damals enorm wichtig für uns, genauso auch Bands wie Broadcast oder Lamb.

An Lamb erinnert ihr mich ganz besonders, vor allem auch, weil es bei euch eine ganz ähnliche Zweierdynamik gibt. Dein Bruder sorgt wie Andy Barlow für die Elektronik im Hintergrund und du stehst wie Lou Rhodes mit deiner Stimme im Vordergrund. Die beiden tragen ja musikalisch einen Kampf aus: sperrige Elektrobeats gegen elfenhafte Naturklänge. Gibt es diese Grabenkämpfe bei euch auch? Geht ihr da in unterschiedliche Richtungen?

Eigentlich nicht. Philipp und ich sind da schon eher aus einem Guss. Aber das liegt wohl vor allem daran, dass wir uns schon so lange kennen. Wir haben uns da gegenseitig beeinflusst und zusammen erst einmal sehr viel Musik gehört und darüber diskutiert. Daraus haben wir dann schließlich unser eigenes Ding geschaffen. Auf der Bühne hängen wir entsprechend voneinander ab. Er könnte ohne mich nichts machen, und ich könnte ohne Philipp nichts machen. Hundreds ist gleichermaßen unser gemeinsames Projekt.

Ich habe mir euren Tourplan mal angeguckt und der ist schon recht dicht geplant. Hier im Tourbus bekommt man einen Eindruck davon, wie ihr auf engstem Raum über Wochen zurecht kommen müsst. Das ganze frisst ja auch viel Energie und ist zum Teil unglaublich anstrengend. Woher nehmt ihr euch die Energie, Musik aufzunehmen und damit durch die Weltgeschichte zu reisen?

Als ich die Termine von der aktuellen Europatour gesehen habe, habe ich ehrlich gesagt, erst einmal schlucken müssen und gedacht: „Alter Schwede, das ist immer noch das Debütalbum. Wir fahren damit doch schon seit Jahren herum!“ Und jetzt noch einmal die Energie dafür herauszuholen ist ganz schon krass. Aber ich merke einfach, dass die Leute noch nicht satt sind. Danach wahrscheinlich, dann ist auch erst einmal ein Cut angesagt. International kennt man uns ja auch noch nicht so gut, in Paris waren zwar schon 150 Leute, aber in Utrecht zum Beispiel nur 25. Das war ein ganz kleines Wohnzimmerstudio, wo uns die Leute praktisch auf den Füßen gesessen haben. Trotzdem war es fantastisch und wir haben an dem Abend auch tatsächlich genau 25 CDs verkauft. Die Resonanz ist da eine ganz andere als wenn wir jetzt das zehnte Mal in Berlin spielen. Das treibt uns auch noch zusätzlich an, mit unserer kleinen „Firma“ auf Tour zu gehen.

Anfang 2012 wollen wir uns ein bisschen Zeit nehmen und uns einschließen, um endlich wieder zu zweit neue Songs schreiben zu können: abkapseln, kein Internet, gar nichts. Einfach ein bisschen Ruhe haben. Das muss jetzt langsam auch mal sein. Das nächste Album wird wahrscheinlich auch ganz anders klingen. Nicht unbedingt eine andere Musikrichtung, aber wir sind dem Debütalbum so langsam schon ganz leicht entwachsen. Ich weiß noch nicht konkret, wo’s hingehen wird.

Du hast ja als Musikerzieherin gearbeitet. Hast du aus dieser Zeit irgendetwas mitnehmen können?

Alles eigentlich. Wenn du 15 – 20 Kinder um dich herum hast, musst du einfach „an“ sein, da sein, alles mitschneiden. Die merken sofort, wenn du nicht 100%ig anwesend bist. Ich habe durch diese Erfahrung gelernt, dass ich auf der Bühne genauso präsent sein muss. Auch der spielerische, körperliche Umgang mit Musik hat mir sehr geholfen.

Hast du den Kindern mal Musik von den Hundreds vorgespielt? Hätte das funktioniert?

lacht Nein, habe ich nicht. Das hätte wahrscheinlich auch nicht so gut geklappt. Wir haben meistens Pophits und Kinderlieder gehört. Kinder stehen eher auf einfachere, direktere Sachen und sind auch viel ehrlicher und direkter in ihrer Reaktion. Die hätten sich das bestimmt angehört, aber es wäre bestimmt nicht zum großen „Yeah, ist das toll“-Ausbruch gekommen.

Image

Fotos: hundredsmusic.com/

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