Heinz Strunk – Fleisch ist mein Gemüse

von Hififi am 4. April 2006

in Bibliothek

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„Es tut einem ja jeder leid, der das Buch von Heinz Strunk nicht gelesen hat“ steht auf dem Buchcover. Soviel Lorbeer von Sven Regener, praktisch DEM deutschen Pop-Literaten der Stunde? Da kann man nicht viel verkehrt machen, denn hier gilt: Wer „Herr Lehmann“ mochte, mag auch „Eine Landjugend mit Musik“, so der Untertitel.

Heinz ist ein frustrierter Jugendlicher, mit chronischem Druck sich „abzumelken“ und hartnäckiger Akne, aus Angst sie könnte sich noch verschlimmern, versteckt er sich vor der Sonne, so dass die Pickel auf der „Kalkweißen Haut“ besonders gut zur Geltung kommen. Zu allem Überfluss wohnt er mit seiner Mutter im „Zwergenhaus“ auch noch „am falschen, dem südlichen Ufer der Elbe“, im Hamburger Stadtteil Harburg. Das anvisierte Musikstudium wird kurzerhand beiseite geschoben, als sich ihm die Chance bietet bei Tiffanys, einer lokalen Tanzkapelle, zu „mucken“. Dabei bleibt es gute zehn Jahre, die sich auf allen Gebieten wenig erfolgreich gestalten. Heinz trinkt zu viel, fängt an zu spielen, wird depressiv und verliert seine Mutter, kurz: Sein Leben läuft völlig aus dem Ruder.

Ist man von Benjamin von Stuckrad-Barre schon bissig-ironische Alltagsbeobachtungen gewohnt, hebt Heinz Strunk diese Kunst auf eine andere Ebene. Aus bissig-ironisch wird bitterböse und man ist froh, ihm nie über den Weg gelaufen zu sein. „Irgendwann sah sie aus wie eine Wasserleiche, die man bei niedriger Temperatur tagelang gedünstet hat.“ Diese drastische Sicht auf das Leben zieht sich durch das ganze Buch, und verbreitet eine depressive Grundstimmung. Amüsant sind dagegen die Darstellungen der Tanzveranstaltungen auf denen Tiffanys gespielt haben. Schützenfest in Moorwerder, Silvester in Brunsbüttel; zwei Beispiele und der triste Alltag des armen „Heinzer“. Den ungefähren Ablauf solcher Abende wird sich jeder vorstellen können, der aus ländlicherer Gegend kommt. Überall wird so viel getrunken wie irgend möglich, gebaggert und abgeschleppt, zur musikalischen Untermalung spielt eine völlig gelangweilte Kapelle bescheuerte Schlager. Realsatire pur!

Wer das in Heinz Strunks unverkennbar bösen Art erzählt bekommen möchte, liegt hier richtig. „Fleisch ist mein Gemüse“, welch köstlicher Titel!

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