Hautnah

von Mark Heywinkel am 11. Juni 2009

in Kurzgeschichten

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Hundert Meter trennen uns voneinander. Hundert Meter geruhsames, doch unüberwindbares Wasser. Wäre da eine feste Fläche zwischen uns, könnte ich es bis zu dir hinüberschaffen und dir sagen, was du mir bedeutest. Aber hundert Meter Wasser lassen das nicht zu. Hundert Meter Wasser sind einfach zu viel für jemanden wie mich. Ich bin nicht Jesus. Ich bin nur ein Junge aus Neu-Ulm und Hals über Kopf in dich verliebt.

Ich erinnere mich noch gut an den Tag, an dem du mit deiner Familie in das Haus gegenüber gezogen bist. Auf die andere Seite der Donau. Von meinem Zimmer aus habe ich euch beim Renovieren zugesehen. Und als du den kleinen Gemüsegarten am Ufer des Flusses angelegt hast, bin ich dir mit meinem Blick nicht von der Seite gewichen. Man könnte sagen, ich bin dabei gewesen. Hautnah. Wäre da nur nicht dieses hundert Meter breite Hindernis.

Auf meinem Schreibtisch liegen mehrere Lagen Papier mit Plänen für ein Boot. Ich könnte zu dir hinüberfahren, glaube ich. Das würde ich schaffen. Bestimmt. Und dann denke ich wieder, dass hundert Meter Wasser für einen wie mich doch zu viel sind. Ich kann nicht schwimmen und sollte das Boot kentern, wäre ich verloren. Vermutlich würdest du es nicht einmal bemerken, wenn ich auf der Hälfte der Strecke, bloß fünfzig Meter von dir entfernt, ertrinke. In dem Fall wäre selbst mein Tod umsonst gewesen.

Eine letzte Möglichkeit gäbe es noch, dir endlich zu begegnen. Doch sie ist noch gefährlicher und würde von mir verlangen, eine noch weitere Distanz zu überwinden. Denn der andere Weg zu dir führt über die Donau hinweg, über eine Brücke, einen knappen Kilometer von meinem Haus entfernt. Das Wasser hätte ich nicht zu durchqueren. Doch unterwegs könnte ich mir selbst begegnen. Und du musst wissen, ich bin nicht mein bester Freund. Ich bin der, der dem Jungen aus Neu-Ulm immer wieder aufzählt, was er alles nicht tun kann: Schwimmen, Autofahren, Spazieren gehen, einen Berg besteigen, Fußball spielen; ja, selbst einmal die Beine hochlegen – das alles kann der Junge aus Neu-Ulm nicht. Denn er sitzt im Rollstuhl. Er kann sich nicht bewegen. Er kann nicht schwimmen. Er kann hundert Meter Donau nicht einfach überwinden. Er kann dich nicht ansprechen. Er kann dir nur zusehen bei den Dingen, die er gerne mit dir tun würde.

Hundert Meter unüberwindbares Wasser trennen uns. Ich kann nicht zu dir hinüberlaufen, weil ich nicht Jesus bin. Ich bin ein Junge aus Neu-Ulm und einfach nur Hals über Kopf in dich verliebt.

Mark Heywinkel, geboren 1987, derzeit Student für Medienkommunikation & Journalismus in Bielefeld. Mit „Hautnah“ gewann er 2008 den Literaturpreis des „Kreises“ in Wien. Gesammelt gibt es seine Geschichten im Prosaband „Yasmin und andere Lebensgeschichten“ auch auf seiner Website zu beziehen: www.mark-heywinkel.de

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