Harmonia & Eno '76 – Tracks and Traces

von Benjamin am 26. September 2009

in Musik!

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Immer wieder und immer mehr wird das Archiv wichtig auch für die aktuelle Musiklandschaft. Verstaubte und verloren gegangene und vielleicht auch schon einmal in anderer Version erschienene Lieder und Songs und Tracks und Ideen und Skizzen und Jams werden hervorgeholt, aufpoliert und veröffentlicht. Die Frage hierbei ist: inwiefern ist jeder einzelne Release für sich immer noch aktuell und wichtig oder wie kann man eine Lücke schließen die bisher Dinge hat schmerzlich vermissen lassen, oder inwiefern soll einfach nur Geld gemacht werden mit nichts Neuem? „Tracks and traces“ von Harmonia & Eno `76 wird auf jeden Fall eine schmerzliche Lücke schließen, ist aktuell wichtig und bringt sogar noch etwas mit. „Tracks and traces“ kann zu Unterrichtsmaterial werden. Jede Band muss ihre Hausaufgaben machen. Besonders wenn sie ausufernd, post-rockig oder elektronisch arbeiten will. Allein schon um der Abgrenzung gegenüber den 3465837 anderen Bands, die das zur Zeit machen, willen. Und dafür muss man sich einfach mit den Roots dieser Musik beschäftigen. Brian Eno ist eine Wurzel dieses Electronica-Stranges, Harmonia sind eine Wurzel der Krautrock-Pflanze, die Stengel für viele Instrumental- und Post-Rock Blüten ist. Es gibt in der Musik keinen Stammbaum, lückenlos zurückverfolgen wer von wem wann beeinflusst wurde und welche Releases maßgeblich für dieses oder jenes Genre waren und sind, ist so gut wie unmöglich; aber man kann versuchen, eine Pflanze zum Wachsen zu bringen und nicht mit Syntheto-Dünger einfach hoffen, es wüchse etwas neon-neues heraus. Auf „Tracks and traces“ hört man eben diese Wurzeln der Instrumental-Gitarrenarbeit und der noch unhandlicheren Synthesizer, die man erst einmal beherrschen musste, um gezielt etwas damit zu erzeugen. Hier fällt jede einzelne Modifikation wie Flanger-Effekte und Oszillatoren auf, hier hat jeder Regler seine eigene Geschichte. Hier ist der Synthesizer kein angeeigneter und allseits bekannter Begleiter der Musik, hier türmt er sich hoch und wichtig auf, hier wird jeder Ton zelebriert. Der Sound bleibt dabei trotz des nachträglichen Masterings sehr rau und 70er-belassen. Es sägezahnt, dröhnt und blubbert und flingert und bleibt dabei trotzdem sehr schön. Sicherlich sind das keine rhythmisierten Songs, es ist ausufernd und experimentell (und trotzdem manchmal auch poppig, wie bei „Almost“). „Tracks and traces“ liefert einen Katalog an Sounds, die inzwischen so geläufig geworden sind, dass wir sie als Kanon der modernen Pop-Musik verstehen, die wiederum als Zitat bei vielen Synthie-, Post-Rock- und Instrumental-Rock-Bands auftaucht (besonders im letzten Jahr bei Pivot) verwendet werden. Solch ein Re-Issue ist immer wieder wichtig, um das Verwaschene im Gedächtnis zu neutralisieren und neu zu justieren.

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