Haldern-Pop Festival 2010

von am 11. September 2010

in Musik!

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Das Haldern hat sich insbesondere in den letzten Jahren zu einem international angesehenen Festival gemausert. Vorab längst ausverkauft, sorgten dieses Jahr auch die nicht ganz so großen Namen im Lineup für einen Andrang in Rees-Haldern, was sicherlich neben der qualitativ hochwertigen Auswahl an Bands auch, und vor allem, an dem besonderen Flair des Festivals lag. Irgendwo zwischen Gemeindefest und Indie-Feinschmecker-Messe ragte das Haldern auch 2010 aus dem Dickicht an Musikfestivitäten heraus, die allerorts aus dem Boden geschossen sind. Auch das Wetter meinte es wieder gut: Bis auf ein paar Schauer am Donnerstag blieb es – trotz durchwachsener Prognosen – weitgehend trocken am Niederrhein, was zusätzlich zu einem höchst entspannten Wochenende beitrug. Kritisiert wurden vielfach die langen Wartezeiten am Einlass und am Spiegelzelt. Bei Wartezeiten bis zu zwei Stunden sollten sich die Veranstalter hier vielleicht ein neues Konzept ausdenken.

Mittlerweile hat sich der Donnerstag ja zu einem vollständigen Festivaltag entwickelt. Da die Hauptbühne erst am Freitag öffnete, waren die Wartezeiten hier beinahe unzumutbar. Viele Besucher verpassten Bands wie Beach House oder Seabear weil einfach kein Durch-, bzw. Reinkommen war. Auch war das Spiegelzelt in diesem Jahr von Soundproblemen gezeichnet. Cymbals Eat Guitars hatten damit zu kämpfen und schräbbelten sich durch ihren hysterischen Pavement-Rock mit Unterbrechungen. Mit ihren Noise-Eruptionen setzten sie dennoch einen lauten Akzent an einem ansonsten eher ruhigen ersten Festivalabend.

Am Freitag rockten Triggerfinger auf der Hauptbühne mit ungewohnter Pose. Ihre Alternative-Rock-Variante wäre auf anderen Festivals wohl nicht weiter aufgefallen. Auf dem Haldern stachen sie als erste Band deutlich hervor. Detroit Social Club teilten die Meinung des Publikum in „doof“ und „ziemlich gut“. Zugegebener Maßen wirkte die affektierte Angeberei von David Burn ein bisschen anstrengend. Ansonsten gab es aber feinste The-Verve-Psychedelia, ordentlich gemixt mit einer Portion Kasabian-Bollerrock. Im Auge behalten! Die wundervolle Laura Marling gilt dagegen schon lange als Folk-Wunderkind und dass obwohl sie blutjung ist. Das proppevolle Spiegelzelt ist der perfekt Stimmung-Nährboden für ihre gefühlvollen Balladen bis hin zu stürmischeren Folk-Songs. Die Jungs beobachten dabei die hübsche Blodine mit den Kulleraugen und die Mädels schmachten ihren ehemaligen Tour-Gitarristen Marucus Mumford an, der wenig später auf der Hauptbühne mit seinen „Söhnen“ steht. Im letzten Jahr standen die britischen Überfliegern von Mumford & Sons noch selbst im Spiegelzelt und spielten sich umgehen in die Herzen aller dort anwesenden. Ein Teil davon muss auch kräftig die Platte „Sign No More“ gekauft haben, denn das Debüt ist dank Radio-Airplay und des sympathischen Auftretens des Quartetts einer der unerwartetsten Verkaufschlager des letzten Jahres gewesen. Wie schon mit Kate Nash Jahre zuvor hat das Haldern-Pop ein unglaubliches Näschen für die nächst-größere Indie-Überraschung. Weniger verwunderlich ist dagegen der Andrang an der Hauptbühne, sind Mumford & Sons doch neben The National die Quasi-Headliner des Festivals. Das Set lässt dabei keine Wünsche offen, die Texte von „Little Lionman“ und „The Cave“ schallen im Kollektivchor aus fast allen Mündern. Wiederholungstäter auf dem Haldern ist der gefeierte Multiinstrumentalist Zach Condon, der besser bekannt als Beirut und in Mannschaftsstärke den Folk-Reigen fortsetzt. Doch Serena Maneesh waren der Monolith im diesjährigen Fiedel- und Bläser-Lineup: Ultrabrutale Proto-My-Bloody-Valentine-Soundwände ließen das Gelände erbeben. Dazu ein vetrackt-unsauberes Timing und Melodien zwischen zuckersüß und nicht erkennbar. Beeindruckende Performance der Norweger, die von den letzten Verbliebenen vor der Hauptbühne frenetisch abgefeiert wurde. Anschließend konnte der sanfte Indiehauch von Thus:Owls eigentlich nur noch langweilen. Vielleicht konnten die Ohren leisere Töne auch einfach nicht mehr wahrnehmen.

In der samstäglichen Nachmittagssonne drehen Portugal. The Man voll auf, dass einige Festival-Besucher sich die hoffnungslos übernachtigten Augen rieben angesichts dieser Energie. Weshalb aber schon so früh am Tag dieses vertrackte Indie-Rock-Feuerwerk verheizt wird, bleibt eines der größten Line-Up-Rätsel. Fanfarlo britpoppten sich anschließend zur Teatime durch ein hymnisch-schnulziges Set. Nett zum Nebenbeihören. Helgi Jonsson brachte währenddessen das Spiegelzelt durch seine sympathische Art auf seine Seite. Allerdings erscheint es manchmal schwer nachzuvollziehen, wie ein dermaßen netter, lustiger Typ eine solche Larmoyanz auf der Bühne veranstalten kann. Tolle Stimme, wenn auch nervig auf Dauer. Die Schotten von Frightened Rabbit waren die heimlichen Lieblinge des Haldern-Pop 2010. Hier schunkelten sich alle Beteiligten durch bewegende Melodien. Besonders die Songs des Debütalbums ragten aus der zum Teil etwas triefenden Umarmungszeremonie auf der Bühne positiv hervor. Vati, Mutti und Kind: alle glücklich! Efterklang setzten das Motto Indie-Meets-Classic mit einem höchst schwelgerischem Auftritt nahtlos fort. Ihre beindruckende Soundlandschaften aus Bergen und Tälern hätten ein bisschen mehr Pfeffer vertragen können, den zuvor Blood Red Shoes zuviel hatten. Denn das Duo lärmte sich durch ihre abwechslungslose Gitarren-Drums-Orgie, so dass sie die im Spiegelzelt teilweise unverstärkt singenden The Low Anthem übertönten. Vor der Video-Leinwand im Biergarten war der Musikgenuss sogar gänzlich dahin. Wenig später sorgte Sophie Hunger auf der Hauptbühne für staunende Gesichter – woher kommt dieses so talentierte und sympathisch Mädchen plötzlich? Antwort: Schweiz. In ihrer Alpenheimat stand sie mit ihrem Album „1983“ auf dem Spitzenplatz der Charts und dass mit einem Stilmix von verquertem Singer-/Songwritertum, über eingängigerem Jazz bis zu süßem Pop. Dagegen ist es bei The National relativ klar, was einem erwartet. Trotz der tief melanchonischen Grundstimmung der Musik haben sie sich mit ihrer extrovertierten Bühnenhingabe geschafft soetwas wie einen hervorragenden „Live-Ruf“ zu erarbeiten. Leider sprang diesmal der Funke nicht über. Die technischen Probleme mit dem unhörbarem Bass raubten den Zauber der Songs und bremsten die Devendorf- und Dessner-Brüder ebenso wie Sänger Matt Berninger.

Dagegen fällt das Fazit für das Haldern-Pop gewohnt positiv aus. Die Stimmung ist friedlich-idyllisch im kleinem niederrheinischem Dorf Haldern, nicht zuletzt wegen der wunderschönen Wäldchenlandschaft umgeben vom platten Land. Wieder einmal haben sie ihren Ruf als Trendsetter mit goldenem Line-Up-Näschen unter Beweis gestellt. Die Verschlechtbesserungen am Gelände-Einlass werden nächsten Jahr sich rückgängig gemacht sein und für den Donnerstag und seine Zelt-Überfüllung wird sich auch eine Lösung finden, damit die reine Logistik eines mittelgroßen Festivals nicht mehr der qualitativ überragenden Musik im Weg stehen muss.

Text von otic und Sterereo

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{ 2 Kommentare… read them below or add one }

1 Justy September 12, 2010 um 14:47 Uhr

Frightened Rabbit haben keine Songs von „Sings The Grey“ – ihrem Debüt-Album – gespielt. Ihr meintet wahrscheinlich „The Midnight Organ Fight“ , von dem sie einiges spielten. Aber ihr habt recht, das war wirklich ein sehr guter Autritt der Band und vielleicht wirklich der beste des Festivals.

2 otic September 13, 2010 um 11:39 Uhr

Na klar Justus!

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