Haldern-Pop Festival 2008

von Sterereo am 14. August 2008

in Feierlichkeiten

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Während Russland begann Georgien zu bombardieren, China die Welt mit manipulierten Olympia-Eröffnungs-Bildern unterhielt und die Bildzeitung Deutschlands niedlichste Hundewelpen suchte, erlebten etwa 6.000 Besucher drei tagelang ein komplett gewalt- und fakefreies Festival am Niederrhein. Ganz dem an der Einfahrt zum Campingplatz postierten Schild entsprechend: Kein Stress, keine Hektik, Haldern!

Erster Abstecher ging ins Spiegelzelt. Dort eintauchen hat etwas von einer Zeitreise in die Saloons des Wilden Westens. Daran sind eindeutig die Holzplanken und Schwingtüren schuld. Doch die bunten Oberlichter lassen eher auf einen gottesfürchtigeren Ort schließen. Eine Art Zweifaltigkeit, welche die Fleet Foxes direkt wieder umkehren. Sie klettern träge auf ihre Barhocker, stimmen konzentriert immer wieder ihre Gitarren und sehen dabei nicht zuletzt durch Robin Pecknolds krausen Vollbart wie eine nachdenkliche Südstaaten-Folk-Bande aus. Aber dann diese Chöre! Fünfstimmiger Gesang umgarnt die zarten Folk-Pop-Klänge ihres Debüts und zaubern einen mittelalterlich-sakrales Ölgemälde der Friedfertigkeit in das Zelt-Konzert. Einzigartig. Vielleicht der perfekte Ort für diese vielschichtigen Seattler, von denen noch viel erwartet werden darf.

Andernorts schütteln die Foals sich ungestüm über die niederrheinische Hauptbühne und schreien „Accident! Accident! Accident!“. Da fehlt es nur noch, dass sie mit ihren Köpfen zusammen rasseln. Hier schrammeln die Oxforder „Cassius“ vom tollen „Antidotes“ der wieder aufgetauchten Sonne entgegen und lassen die Reihen erstmals richtig zappeln. „Suns up, we wait, all day“ heißt es beim anschließenden „Olympic Airwaves“ und die Weichen für einen souveränen, aber doch verspielten Festival-Auftritt sind gestellt. Der druckvollste Hit „Ballons“ ist wie ein Zaunpfahlwink auf das Spektakel das etwa eine Stunde später Wayne Coyne von den Flaming Lips einläutet indem er in einem mannshohen Plastik-Ball über das Publikum rollt. Anschließend springen unzählige grüne Bälle über die Köpfe der staunenden Zuschauer. Tanzende

Teletubbies, tonnenweise Konfetti und grelles LCD-Stakato. „Free Radicals“ im Ohr und Blickwinkel. Ein Paukenschlag-Headliner am Eröffnungstag des Jubiläums-Haldern.

Der Freitag begann spät mit Gisbert zu Knyphausen, der sicher auch den Platz vor der Festival-Bühne gut gefüllt hätte, wenn man wiederum die extreme Schlange vor dem Zelt zum Maßstab nimmt. Auch musikalisch war der Hesse mit seiner Band so überzeugend, dass einem Festival-Auftritt auf größerer Bühne im nächsten Jahr nichts mehr im Wege stehen sollte, außer vielleicht einem zweiten Album, das es schwer haben dürfte so gut zu werden, wie das Debut. Von diesem spielte er seine melancholisch-zornigen Songs über das Leben, die Liebe und das Leid mit großer Glaubwürdigkeit und viel Verve vor einem ergriffenen und textsicheren Publikum.

Später steht hier Lykke Li im Rolling Stones-Zelt, ein Glückstreffer des 2008er Haldern-Pops. Klingt wie Elektro-Indie meets Duffy, nur schön verschwurbelt und mit dem Hang zu merkwürdiger Bühnen-Akrobatik. Sie ist ganz wunderbar und zaubert ein seliges Grinsen auf augenberingte Gesichter. Hängen bleibt vor allem folgende Textzeile: „I’m only just a little bit in love with you“, die Frau Li uns wahlweise besonders zärtlich, oder auch durch ein Megaphon um die Ohren bläst. Das Megaphon ist eh ein beliebtes Spielzeug und macht ihre schon kruden Stücke noch ein wenig kruder, sonst wäre das ja viel zu glatt. In Schweden geht so etwas trotzdem in die Charts, denn da kommt sie her, aus dem beschaulichen Ystadt, dass es erstaunlicherweise nicht nur in Wallander-Romanen zu geben scheint. Jetzt wohnt sie in New York, oder auf der Haldern-Bühne, wo sie ganz offensichtlich auch hingehört.

Ausgewiesene Radiotauglichkeit, so sollte es derzeit auf der Hauptbühne zugehen. Zuerst die quirlige Kate Nash, dann die Editors. Die Londonerin schleicht sich fast unbemerkt auf die Bühne, setzt sich ohne Worte ans verhangene Keyboard, wahrscheinlich damit man das goldene Tütü nicht ständig sehen muss, und schmettert „Mariella“ in doppelter Geschwindigkeit. Die drollige Niedlichkeit des Songs über die bockige Schülerin verlor ihren Charme in der Hatz dieses Tempo jetzt auch halten zu müssen. Erster Unmut macht sich breit. „Shit Song“ und „We Get On“ waren zwar wieder als solche zu erkennen, wenn auch von Fräulein Nash eher lustlos dargeboten. Die Hits „Mouthwash“ und „Foundations“ werden wohl manchen wieder versöhnt haben, aber trotz großem Musikertross im Rücken wollte der Funken letztendlich einfach nicht überspringen.

Ganz anders präsentierten sich die Editors. Sie live zu sehen ist mitreißend. Ein energiegeladener Auftritt von der ersten Minute an. Sie bringen selbst den klassischsten Im-Club-am-Rand-der-Tanzfläche-Steher dazu mindestens im Kopf mitzutanzen.

Am Samstag stehen die Dodos (Kurzinterview) mit erfrischender Experementier- und Spielfreude auf der Hauptbühne, bevor The Heavy ihren Namen alle Ehre machen. Wuchtige Bässe, die den Kopf erzittern ließen und ein bulliger Frontmann der mit retro-verzerrter Blaxploitation-Stimme und viel Körpereinsatz keinen Zweifel daran ließ, dass The Heavy es krachen lassen würden. Die Musik ist eine überhitzte Mischung aus Heroin, Sex, Ecstasy und Schweiß. Splatter-Soul gemixt mit Porno-Dub und Heavy-Riffs. Alles klar?

Im Zelt spielte Gravenhurst, solo, oder anders gesagt Nick Talbot ohne Band. Dieser Überzeugungstäter! Lebte lange im Wohnwagen mit seiner Gitarre, weil er kein Geld hatte und sich weigerte, sich kommerzieller zu entfalten. Als eine seiner wichtigsten musikalischen Einflüsse nannte er einmal My Bloody Valentine. Das merkt man auch auf seinen Konzerten mit Band, wenn seine dunklen, fragilen Songwriter-Pop-Perlen plötzlich zu noisigen Soundgewittern mutieren. Im Zelt beließ er es bei den ruhigeren Tönen, die allerdings fast zu ruhig waren, denn Talbot schraubte die Lautstärke so weit herunter, dass man im hinteren Teil des Zelts schon sehr genau zuhören musste. Dass hatte allerdings zur Folge, dass im Publikum eine anmutige Stille entstand, die seine unglaubliche Stimme so richtig zur Geltung kommen ließ.

Wer das aktuelle Album von Okkervil River (Kurzinterview) kennt, der weiß, dass ein melodiöses, kraftvolles und gefühlsintensives Konzert zu erwarten ist. Und die Erwartungen wurden erfüllt: Was Will Sheff und seine Band da auf der Bühne hingelegt haben war großartig! Auch wenn die Melancholie der Texte nicht unbedingt zum strahlenden Sonnenschein passt, so sind Songs wie „Our Life Is Not A Movie Or Maybe“ oder „Girl In Port“ mit ihrem Folk-Rock-Indie-Sound echte Highlights des Festivals.

Jamie Lidell entert anschließend die Hauptbühne und mischt einer 60er Funk- und Soulsuppe eine Prise Rock und eine große Kelle Elektronik bei. Das ganze wirkt – wenn man zum ersten Mal damit in Berührung kommt – doch sehr poppig. Hier wird auch ein Problem von Festivals deutlich: Zwischen Okkervil River und Iron & Wine funktioniert das Ganze nicht. Es wirkt zu sehr nach Party. Jamie Lidell hätte wahrscheinlich auf einem Slot später am Abend besser funktioniert: ein bisschen Tanzen und noch mal richtig abfeiern bevor es ins Zelt zurückgeht. Passte aber gut zum Sonnenschein.

Iron & Wine sind der studierte Filmwissenschaftler Sam Beam und seine Begleitband. Sie bieten Folk, der unter die Haut geht. Fantastische Instrumentierung mit fantastischer Stimme, alles etwas ruhiger.

Die beste Band des Festivals sind jedoch The National. Sie beginnen ihren Gig mit „Start A War“, ein eher ruhig beginnender Song, was aber nicht viel über das Konzert aussagt: The National spielen ein großartiges Set aus schnelleren und ruhigeren Songs. Das Set wird dominiert von Songs der letzten Studioveröffentlichung „Boxer“, aber auch ältere Stücke kommen nicht zu kurz. Alle großartigen Momente aufzuzählen würde hier den Rahmen sprengen, also nur das Finale: „Apartment Story“ geht fast direkt in „Fake Empire“ über. Man ist überrascht, dass das ausgefeilte Arrangement auch live so gut funktioniert. Beim anschließenden „Mr. November“ rastet der sonst eher introvertierte Sänger Matt Berninger aus, erklimmt einen Boxenturm, haut mit seinem Schellenkranz auf den Bühnenboden, schreit den Refrain ins Mikro und zieht alle in seinen Bann. Gut, das mit „About Today“ ein ruhigerer Song zum Abschluss folgt. Matt Berninger und The National hinterlassen ein ebenso ekstatisches wie teilweise verstörtes Publikum. Eine solche Mischung zwischen völliger Isolation in der Musik und emotionaler Explosion sieht man sonst nur bei Thom Yorke oder Michael Stipe. Ganz großes Kino!

Das bieten, wenn auch mit anderen Mitteln, auch Maximo Park im Anschluss. Paul Smith, aufgemacht wie eine Figur aus Clockwork Orange, bewegte sich von der ersten Sekunde an wie ein Flummi auf der Bühne, schnitt Grimassen und gab einfach den perfekten Frontmann. Wobei seine Performance, ganz anders als die Berningers, eine reine Entertainment-Show ist und deshalb auch wenig berührte. Trotzdem ein würdiger Headliner.

Haldern 2008 war ein fantastisches Festival, sowohl (mal wieder) von musikalischer Seite her, aber auch organisatorisch. Faire Preise, durchweg nettes Personal von den Bier-Buden bis zur Security. Das Flair und die Atmosphäre ist auch nach 25 Jahren familiär und entspannt. Auf das nächste Vierteljahrhundert!

Weiter Fotos:

Fotos: Martin Lehmann

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{ 2 Kommentare… read them below or add one }

1 RockinBen August 15, 2008 um 14:29 Uhr

Toller Bericht, tolle Interviews, tolle Fotos, tolle Erinnerungen! Jungs, war schön mit Euch! Nächstes Jahr wieder!

2 Sterereo August 15, 2008 um 17:39 Uhr

Ebenso! Und was man noch erwähnen muss, der Text ist eine Gruppenarbeit von RockinBen, Hififi, Dr. Gonzo und meiner Wenigkeit. Und man kann mit fug und recht behaupten, es war ein rauschendes fest, dieses Haldern.

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