Haldern Pop – 11.-13. August, Haldern

von Hififi am 25. August 2011

in Feierlichkeiten

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Die beste Recherche fürs Haldern Pop ist immer noch eine ausführliche Lektüre der Einträge im Haldern Forum, auch Stammtisch genannt. Denn so ließt es sich gelegentlich, wenn Klaus-Dieter und Horst-Kevin nach getaner Arbeit bei einem Altbier über die Kollegen herziehen. Als Verbesserungsvorschlag getarnt, werden sogar die Eintrittsbändchen kritisiert, die modischen Trends offensichtlich nicht entsprechen können, aber doch eigentlich nur einen Zweck erfüllen sollen: Die machen halt, das wir aufs Festivalgelände kommen. Aber unweit dieser eher zu vernachlässigenden Beiträge sind es Anmerkungen zur Catering-Lage, die durchaus nicht völlig aus der Luft gegriffen sind, und (nennen wir es mal) Kleinkram. Die generelle Sorge um die Abflachung des Line Ups sind kalter Kaffee und so alt wie das Haldern selbst. Es ist seit etlichen Jahren ein roter Faden im Booking von Stefan Reichmann alias Altobelli und Konsorten zu erkennen und es wäre allmählich an der Zeit es einfach zu akzeptieren und diesen Punkt nicht immer in den Mittelpunkt einer generellen Diskussion zu stellen. Und einen Wir sind Helden/ Fettes Brot/ Jan Delay-Slot in drei Tagen können doch wohl auch die eingefleischten Indie-Nerds unter uns entbehren, oder? An strategisch wichtigen Punkten des Programms warten zudem Ausreißer wie Brandt, Brauer, Frick oder LaBrassBanda auf die Besucher. Das Trio und ihr Ensemble führen orchestralen Jazz in die Neuzeit der technoiden Tanz-Rhythmen ein und LaBrassBanda spielen gar im Blaskapellen-Stil zum Tanze auf. Zwischen all den hochkarätigen Liedermachern und Folk-Institutionen ist also für Abwechslung gesorgt und die Qualität des ganzen Programms eigentlich für ein Festival dieser Größe (nach wie vor nie mehr als 6.000 Besucher) unerreicht. Die altbekannte Leier vom überfüllten Spielzelt begleitet uns leider auch dieses Jahr. Es gibt aber einfach keine Lösung für dieses Problem, die jedem gerecht wird und im Jahre 2011 sind die Veranstalter denkbar nah an einem gelungenen Kompromiss für den Donnerstagabend. Vielleicht wäre es an der Zeit den Lesern dieser Zeilen einmal die ursprüngliche Idee dieses ehemals halboffiziellen Festivaltages in Erinnerung zu rufen. Eine Art „Kommt doch ruhig schon zahlreich am Donnerstag, dann gibt’s Freitag nicht so ein Chaos auf dem Campinggelände und wir stellen euch ein, zwei anständige Bands auf die Bühne des Spiegelzelts“. Rückblickend war es vielleicht ein Fehler zum 25jährigen Bestehen vor drei Jahren bereits am Donnerstag die Hauptbühne bespielen zu lassen, danach scheinen sich die Erwartungen der Festivalbesucher jedenfalls in ungeahnte Höhen emporgeschwungen zu haben. Vielleicht ist es aber einfach die Erwartung eines perfekten Festivals, denn da sind sich schon wieder fast alle einig, Haldern Pop ist nah dran an diesem. Die Achillesferse ist und bleibt der Donnerstagabend und die große Schlange vorm Spiegelzelt.

Aber der Donnerstag hat mittlerweile so einiges mehr zu bieten als nur das überfüllte Zelt. Denn bereits um 16:30 Uhr öffnet der Gemeindepfarrer die Pforten der St. Georg Kirche um kurz darauf für Isbells die Bühne/ Kanzel zu räumen und so immerhin gute drei Stunden beste Folkmusik Einzug erhält in die heiligen Hallen. Wenn um 19 Uhr auf der Bühne der Haldern Pop Bar Emanuel Ayvas in Ermangelung seiner Band (Emanual &) The Fear einen ungeheuer Intensiven Auftritt gespickt mit großer Liedermacher-Kunst und grandiosen Indie Folk-Stücken hinlegt, ist es bereits geschehen: Das diesjährige Haldern hat sein erstes (wenn nicht gar größtes) Highlight bereits erlebt. Zusammen mit Liz Hanley an der Violine, entblättert Ayvas die monströs instrumentierten Stücke des Debüts („Listen“) und lässt sie in ungeahntem Glanze erstrahlen. Allen voran „Guatemala“, dieses überaus wütende Stück über soziale Ungerechtigkeit, lebt in der Reduktion von einer anderen Dynamik und ist dem Albumtrack mindestens ebenbürtig. Wie er dort so steht und die ewig quasselnden Konzertbesucher gelegentlich entnervt ansieht, erinnert mich Ayvas an den jungen Bob Dylan, der auf seiner Tour 1966 den entsetzten Fans elektrisch verstärkte Instrumente zumutet und ausgebuht wird. Hier wird niemand ausgebuht, allerdings scheint es nur den Wenigsten klar zu sein, welch unglaubliches Potential dieser Songschreiber ihnen zu Füßen legt.

Ohne Äpfel mit Birnen vergleichen zu wollen, ist es doch immer wieder erstaunlich, wie es den Musikern um Emanuel & The Fear anscheinend spielend gelingt jedweden Hype gekonnt zu umschiffen (sicher eher unwillentlich), es aber Anna Calvi ohne Weiteres schafft, das berstend gefüllte Zelt in gespannte Vorfreude zu versetzen. Und ohne dem Hype Glauben zu schenken, wandere ich bereits nach dem dritten Song ab und verfolge den Rest auf der Leinwand im Biergarten. Es hat mich wirklich nicht vom Hocker gehauen und ein durchaus entzückendes Antlitz der Protagonistin ist kein Argument um Sturzbäche zu schwitzen. Als nächstes sind Brandt, Brauer, Frick mit Ensemble im Zelt angekündigt und da es sich eigentlich um ein halbes Orchester handelt, überbrücken Coma im Biergarten die Wartezeit auf das Trio. Coma kommen hier vom Niederrhein (wenn ich das richtig verstanden habe sogar aus Haldern), sind mittlerweile in Köln ansässig und spielen äußerst feinen Electro mit ausgereiften Beats. Der Biergarten tanzt ausgelassen, sodass der Vergleich zum Sleepless Floor beim Melt! gar nicht so unangebracht scheint. Die Idee dahinter ist eh mehr als großartig, partytaugliche Acts bei längeren Umbauphasen den Biergarten bespielen zu lassen. Davon bitte mehr! Und an alle, die es raffiniert tanzbar mögen, die Aufforderung sich Coma zu Gemüte zu führen – es lohnt sich.

In einem eher mäßig gefüllten Spiegelzelt verwandeln Brandt, Brauer, Frick zuweilen die Bühne in ein Jazz meets Minimal-Traumland. Harfe, Geige, Tuba, Kontrabass und natürlich Schlagzeug, Klavier, Synthie für die Koordinatoren des Auftritts – was ließe sich mehr erhoffen? Allzu sehr scheint es allerdings das Gros der Anwesenden nicht zu interessieren, was sicher schade ist, aber ebenfalls verständlich, denn eingängig ist sie sicher nicht unbedingt, die Musik. Aber bitte schaut euch auf youtube einmal das Video zu „Bop“ an und wenn es dann wirklich nicht zündet, schön und gut, aber aus missionarischem Antrieb heraus muss dazu aufgerufen sein. Sehr außergewöhnlich und im Spiegelzelt praktisch wie zuhause: Brandt, Brauer, Frick Ensemble – toll!

Der Samstag beginnt zugegebenermaßen mit Wild Beasts um Halb Sechs relativ spät, aber – das zu meiner Entschuldigung – denjenigen unter euch, die mit Vorfreude über das dürftige Nahrungsangebot auf dem Festivalgelände meckern, sei ein Ausflug zum Doppeladler im Herzen Halderns empfohlen, lecker Essen, aber es dauert halt ein bisschen länger. Wild Beasts fallen im Falsetto Pop-Duell zu Destroyer ein wenig ab, einfach nur hoch singen, na ja, da müssen aber noch ein paar ordentliche Songs her. Da an dieser Stelle ein weiterer Hype durchs Zelt getrieben wird und ich wiederum anfange Sturzbäche zu schwitzen, halte ich es wie bei Anna Calvi, gepflegter Abgang, Kulisse rechts. Um ein bisschen gehässig sein zu dürfen, war die Stimmlage von Hayden Thorpe ein wenig zu nah an Matthew Bellamy und seiner fahrbaren Rock-Oper um Muse. Meine Mitstreiter erzählen mir von einem mitreißenden Auftritt von Selah Sue zeitgleich auf der Hauptbühne und so bleibt mir leider nichts weiter zu tun, als dies so weiterzugeben. Aus unerfindlichen Gründen setzt es für mich im Anschluss den gefühlten hundertsten Auftritt vom „unvermeidlichen“ Gisbert. Gott sei Dank fällt mir allerdings relativ schnell wieder ein, weshalb ich vor der Hauptbühne verweile, der Herr von und zu ist einfach gut, sympathisch eh, allerdings auch ein wenig abgespielt und müde. Das lässt er sich leider anmerken.

Eine Parallele zwischen Gisbert zu Knyphausen und Will Sheff von Okkervil River ist die Verfahrensweise ihren Mitmusiker gegenüber. Während zu Knyphausen sie gerne einmal daheim lässt um solo aufzutreten, schmeißt Will Sheff sie einfach zwischendurch alle mal raus und baut sich eine neue Band auf. So sind zumindest alle Zweifel müßig, wer denn bei den Texanern die Songs schreibt und ganz allgemein die Fäden zieht. Kritik an der Setlist gab es obskurerweise aus beiden Lagern: auf der einen Seite, die, die das aktuelle Album „I am Very Far“ hören möchten und auf der anderen Seite die Alteingefleischten. Relativ schnell lande ich im Lager der Alteingefleischten, da das „neue Album“ meiner Meinung nach nicht der Güte von (sagen wir mal) „The Stage Names“ oder „The Stand Ins“ entspricht. Nun spielen sie selbstverständlich eher ihre aktuellen Stücke und so sind wir relativ schnell raus aus der Nummer, was ein bisschen schade ist, da Will Sheff gelegentlich eine gewisse Aura des Genialen umweht. Im weiteren Verlauf der Veranstaltung wird zu Joy Divison getanzt und den Wombats aus Liverpool eine Chance gegeben und sich nach kurzer Zeit Richtung Spiegelzelt verdrückt. Hier gibt es derweil eine erstaunlich große Verzögerung in den Spielzeiten zu konstatieren, sodass der junge, wie sehr ruhige Liedermacher Alexi Murdoch gegen die Hauptbühnenbeschallung der Wombats antreten muss. Er verliert leider. Sein „Wicked Game“-Cover von Chris Isaak ist zwar wunderschön nur leider kaum zu hören. Dann bettwärts.

Falsetto-Pop, die Zweite: Destroyer machen Spaß, machen mir Spaß, machen mir alten Sade-Fan sehr viel Spaß. Dieses Saxofon hat mich ein wenig in meine Kindheit zurückversetzt und die hohe Stimmlage Dan Bejars tut ihr Übriges. Wunderbar, knapp am Easy Listening vorbeigeschrappt, aber unglaublich kurzweilig – eigentlich müssten dazu Cocktails gereicht werden, auf einer Luftmatratze liegend am/ auf dem See. Aber davon mal ab, spielt das Wetter ja leider nicht wirklich mit. So locker und leicht, so verträumt wie poppig Destroyer aufspielen, so spielend leicht lässt dieser 23-jährige „Irre“ aus London namens James Blake allerhand Wolken aus dröhnenden Dub-Bässen und traurigen Piano-Melodien aufziehen. Ebenfalls richtig gut, aber schlicht und ergreifend etwas völlig anderes. Sein Feist-Cover von „Limit To Your Love“ werden die Meisten von euch kennen, das restliche aufgeführte Liedgut hält derweil durchaus noch die ein oder andere Überraschung parat. Dieser Hype zumindest ist nicht unverdient. Der kanadische Tausendsassa Dan Mangan folkt um 17:30 Uhr anständig das Zelt, er ist ein Entertainer mit fantastischen Americana-Songs, von dem sicher noch so einiges zu hören sein wird. Auftritte dieser Güteklasse (zuvor auch schon beim Orange Blossom Special eindrucksvoll unter Beweis gestellt), dürfen/ können nicht mehr lange ein Geheimtipp bleiben – wünschenswert allemal. Ein weiterer Hype des letzten Jahres, der sich voll und ganz als berechtigt entpuppt hat, ist der um Warpaint (so schön als Warprint in der Printversion des Programms angekündigt). Die vier Damen aus L.A. sind ein dermaßen eingespieltes Team, das es einem Angst und Bange werden kann, es greift jedes Rädchen ins nächste. Aus einem Song ließen sich problemlos drei zaubern, Emely Kokal, Theresa Wayman, Jenny Lindberg und Stella Mozgawa haben massenhaft Ideen, die sie bisher nur auf ein Album („The Fool“) gepresst haben und so gibt es einen Hit nach dem anderen. Eine fantastische Live-Band mit mindestens genauso fantastischen Songs. Dies lässt sich mit leichten Abstrichen ebenfalls über die Fleet Foxes behaupten, die an diesem Samstag einen durchaus bombastischen Sound bereithalten, der ihre psychedelischen Folk-Nummern zu tragen weiß. Fast ein bisschen zu gediegen und in Anbetracht einiger zweifelhaften Aussagen der Musiker in Interviews, sehen wir einen fast perfekten Auftritt ohne ihn sympathisch zu finden. Ein würdiger Festivalabschluss sind Fleet Foxes allerdings allemal.

Am nächsten Morgen heißt es Land unter und zusehen, dass wir Land gewinnen. Nichts für ungut Haldern, wir wären gerne noch ein wenig geblieben, aber wenn es sich schon nicht mehr richtig sagen lässt, ob es von oben oder unten regnet, dann nichts wie weg. Aber ich freu mich schon wieder auf dich!

Foto: Pressefreigabe (Christoph Buckstegen)

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{ 3 Kommentare… read them below or add one }

1 otic August 25, 2011 um 18:55 Uhr

Sehr schön!

2 Sterereo August 26, 2011 um 14:55 Uhr

Ich habe den Bericht ja schon gelobt, möchte es aber nochmal an dieser Stelle tun. Wirklich sehr schön und ausführlich auf den wahren Haldern-Geist eingegangen. Denn das sind die beschriebenen und erläuterten Bands und vor allem Folk-Sänger und Singer/Songwriter in meinen Augen. Oder fehlt jemanden hier wirklich die dezidierte Berichterstattung über jeden Bühnenschritt von Judith Holofernes? Toll! Danke!

3 Pynchon August 26, 2011 um 16:21 Uhr

Feiner Artikel, der Herr!

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