Gravenhurst – Interview

von Sterereo am 27. August 2009

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Skurile Szenen im Pressebereich des Haldern-Pop: Nach nächtlicher Interview-Absprache kommt Nick Talbot (Gravenhurst) mit Toast und Kaffee um die Ecke gebogen, sieht unseren eifrigen Fotografen und stöhnt: „No photos in shorts!“, lässt die kurze Hose runter um sich in feine Nadelstreifenhosenbeine zu betten. Dann darf’s losgehen.

Jemand hat mir erzählt, du hättest lange Zeit in einem Wohnwagen gelebt?

Ja, aber ich bin dort 2006 ausgezogen. Mittlerweile wohne ich bei einem Freund.

Wieso keine eigene Wohnung?

Einfach zu teuer. England ist ein wirklich teures Pflaster. Ich habe es eine Zeit lang mit einer eigenen Bude versucht, doch es ist nicht zu bezahlen. Da wohne ich lieber etwas günstiger und spare mein Geld für die nächsten Aufnahmen.

Dabei bist du doch jetzt bei Warp untergekommen. Das erste Album hast du noch unter deinem eigenen Label Silent Age Records herausgebracht.

Das ist lange her! Ich habe das erste Album glaube ich im Jahr 2000 (2002, Anm.) herausgebracht. Flashlight Seasons ist dann, ich meine 2004, auf Warp Records erschienen. Es ist also schon gut fünf, sechs Jahre her seitdem.

Was hat sich verändert?

Was sich verändert hat? Eigentlich überhaupt nichts (lacht). Vielleicht das jetzt unsere CDs ein sehr viel besseres Artwork haben. Die Sprache in denen ich an den Platten arbeite hat sich auch verändert, es wurde viel in Deutschland gearbeitet. Und ich werde jetzt auf so schöne kleine Festivals geschickt, wie hier beim Haldern-Pop, weil mich die Leute mittlerweile sehr viel besser kennen. Vor allem in Deutschland. Aber auch in Frankreich oder generell in Europa.

Also bist du in England weniger bekannt?

Ich würde nicht sagen, dass ich weniger bekannt bin, als eher weniger gemocht (lacht).

Woran merkst du das?

Wenn ich eine Club-Show im UK spiele, in London oder Brighton, kommen dorthin nicht so viele Leute. Der ganze Markt ist sehr auf Trends ausgerichtet. Auch von der Mode beeinflusst. Da sind gerade neue Bands angesagt. Es ist ein so kleines Land mit so vielen Menschen und es scheint einfach jeder in einer Rockband zu spielen. Um also etwas von dieser Aufmerksamkeit zu erhaschen, musst du einfach die richtige Nische finden. Ich glaube dafür nehme ich nicht schnell genug neue Alben auf. Allerdings hatte ich auch nie schlechte Kritiken aus England. Dir jedoch bei dem Publikum Gehör zu verschaffen ist das größte Problem. Zum Beispiel durch’s Radio. Bei den großen Sendern gespielt zu werden ist fast unmöglich. Es ist nicht leicht für eine normale Person auf meine Musik zu stoßen. Da muss man schon wirklich danach suchen. Wir haben auch nicht besonders viele Uni-Radios – das gibt’s in England nicht so häufig.

Uni-Radios gibt es in Deutschland einige. Deine Freundin kommt auch aus Deutschland, wir haben euch gestern zusammen getroffen.

Und wir sind auch heute noch zusammen. (Kalauerlachen). Tut mir leid, der war flach.

Jedenfalls, wie oft bist du hier in Deutschland?

Nicht so oft, wie ich es gerne hätte. Wir kommen uns unregelmäßig besuchen. Ich würde gerne öfters herkommen. Ich habe auch einige Freunde in Berlin. Ein ziemlich hipper Ort mittlerweile, dank Angelina Jolie und Brad Pitt. Das versaut uns Briten den ganzen Spaß dort günstig wohnen zu wollen.

Du hast auch Teile des Soundtracks für eine deutsche Produktion, „Ein Freund von mir“, geschrieben. Wie kam das zu Stande?

Das war eine wirklich großartige Erfahrung. Der Regisseur, Sebastian Schipper, fragte mich, ob ich den Score für seinen Film schreiben wollte. Ich wollte unbedingt. Ich war gerade auf Tour in den USA unterwegs, war dabei aus dem Wohnwagen in ein Haus zu ziehen und dann in den nächsten Wochen weiter durch Europa zu touren. So richtig viel Zeit den ganzen Soundtrack zu schreiben war da nicht. Trotzdem habe ich einen komplett neuen Song für den Film geschrieben, den Titeltrack. Dazu kamen noch fast alle Songs von „Fire In A Distance Building“ (muss darüber schmunzeln). Neben mir waren noch Stücke von Talk Talk dabei, deren Musik zu meinem absoluten Favoriten zählt. Neben ihnen auf dem Soundtrack zu sein, war schon wirklich toll. Auch der Film ist super. Doch eine Sache stört mich immer noch. Es gibt zwar eine DVD, doch komplett ohne englische Untertitel! Absolut sinnlos! Wie soll man sich den Film außerhalb Deutschlands ansehen? Ich bin der Einzige der eine Kopie mit Untertiteln besitzt, die Sebastian Schipper extra für mich gemacht hat. Er hat alles selbst eingegeben. Dazu läuft die Zeitanzeige mit, weil der Film noch nicht komplett fertig war zu dem Zeitpunkt. Es ist wirklich frustrierend, keine Untertitel zu haben. Keine Ahnung, wieso das so sein muss.

Deutsche Filme erhalten im Ausland allerdings nur sehr selten Beachtung.

Wie denn auch? Ohne Untertitel! Das würde vielleicht helfen (lacht). Die einzigen Filme die in England gut ankommen sind anscheinend über die DDR. Es ist ja nicht so, dass die Filme niemanden interessieren würden. „Goodbye Lenin“ war wirklich gut gemacht und „Ein Freund von mir“ ist ebenfalls mit Daniel Brühl. Es hätte also leicht ein Erfolg werden können, denn er ist einer der bekanntesten deutschen Schauspieler die ich kenne. Beide Schauspieler von „Ein Freund von mir“ sind doch sehr bekannt. Auch der andere…wie war sein Name?

Jürgen Vogel?

Ja, das klingt so als ob es stimmen könnte.

Fiel es dir leicht einen Titeltrack zu schreiben?

In mancher Hinsicht ist es einfacher. Diejenigen, die den Film geschrieben haben, geben dir einiges zum Arbeiten worauf du aufbauen kannst, wie Stimmung oder das Setting. Du musst es nur interpretieren. Das ist natürlich ein besonderer Druck der dahinter steckt und die bange Frage „Werden sie’s mögen?“. Im Grunde genommen ist es wohl einfacher. Obwohl, ich weiß gar nicht ob es unbedingt einfacher ist. Es ist anders. Ich schreibe eigentlich alle meine Songs in einem sehr traditionellen Stil mit Strophen und Refrain. Das ist beim Schreiben für einen Film nicht so entscheidend.

Lässt du dich für deine Songs sonst auch von Filmen inspirieren?

Ich hole mir Ideen vor allem von Büchern aber auch von Filmen. Wenn ich eienn Film sehe der mich wirklich mitreißt, dann können davon Ideen entstehen und daraus neue Songs. Ich versuche sowieso heraus zu finden, wie dieser Prozess des Schreibens bei mir abläuft. Es ist ein Mysterium. So wie der Comiczeichner Alan Moore, er sagt, dass er Angst davor hat, heraus zu finden, wie er arbeitet und sich damit seine Kreativität kaputt macht. Ich sehe das genau anders herum. Für mich wäre das eine sehr befreiende Erfahrung. Aber als ich versuchte dahinter zu kommen, habe ich gemerkt, dass ich überhaupt keine Ahnung habe, wie ich funktioniere.

Du hast momentan viel Zeit dir darüber Gedanken zu machen. Du bist ganz alleine unterwegs, ohne Band. Wie kommt’s?

Die ersten drei Alben waren sowieso Solosachen. Seit längeren bin ich ohne Band unterwegs. Zwar wähle ich unterschiedliche Songs aus, wenn ich alleine bin, wie „Down River“ von „Fires In Distant Buildings“, da würde es keinen Sinn machen ihn solo zu spielen. Ich vielerlei Hinsicht ziehe ich das Solospielen sogar vor. Da kann ich machen was ich möchte, das Tempo mitten im Song rausnehmen und solche Dinge. Du hast mehr Kontrolle über den Auftritt. Außerdem ist es günstiger (lacht). Ja, schon wieder die Finanzen. Aber selbst mit allem Geld der Welt würde ich wohl solo auftreten. Aber auch mehr Bandsshows. Ich habe schon vor wieder eine Band zusammen zu suchen in nächster Zeit. Dann vielleicht zu dritt und nicht zu viert. Mit Bandmitgliedern die unterschiedlichen Instrumente spielen. So wie Yo La Tengo, die sind drei und haben einen massiven Sound – unglaublich! Du würdest nie zu Yo La Tengo gehen und sagen: „Hey, euch fehlt noch jemand!“

Also keine fest Band momentan?

Nein, ich bin nur alleine zurzeit. Dave (Collingwood, Anm.) spielt jetzt für Yann Tiersen die Drums. Wir kannten uns durch die Film-Leute (Yann Tiersen schrieb den Score zu „Die wunderbare Welt der Amilié“ und „Goodbye Lenin“ Anm.). Als wir dann in Paris gespielt haben, hat uns Yann zu sich nach Hause zum Essen eingeladen. Ich bin früh gegangen, weil ich ziemlich betrunken war, die anderen sind geblieben, weil sie auch ziemlich betrunken waren (lacht) und hatten diesen absolut chaotischen Jam in seinem Studio im Keller. Danach hat er Dave und auch Robin (Allender, u.a. Bassists von Gravehurst, Anm.) gefragt, als er Musiker brauchte. Naja, ich wollte da eine Auszeit von dieser ganzen Band-Geschichte um auch Songs zu schreiben.

Es gibt also neue Songs?

Ja, da sind ein paar.

Schon Pläne für ein neues Album?

Ja, aber das wird nichts vor nächstem Jahr.

Schreibst du auf Tour?

Naja, wenn du ständig unterwegs bist und jeden Abend spielst, fühlt es sich an wie ein Job und du hast im Hotel keine Lust mehr auf deine Gitarre.

Fühlt es sich heute an wie ein Job?

Nein, auf keinen Fall! Das Haldern ist ein super Festival. Alles ist sehr entspannt. So etwas gibt es nicht im UK. Backstage gibt es überall Freigetränke. In England hätte man den Kram schon längst gestohlen. Irgendjemand würde mit seinem Wagen vorfahren und alles einpacken, abhauen und damit wahrscheinlich noch durchkommen! Sehr, sehr unzivilisierte Menschen dort drüben (lacht).

Anschließend folgt weder ein weiterer Hosen- noch ein Trikottausch. Unser swo tauscht für sein Poisiealbum nur Brillen. Feinstes Dokumentiert im Youtube-Video.

Fotos: Myspace und Martin Lehmann

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{ 2 Kommentare… read them below or add one }

1 Hififi August 27, 2009 um 13:20 Uhr

Ach, wie süß er lächelt. Ein wenig verschmitzt, oder auch ein bisschen debil. Der Swo jetzt nicht Herr Grabenhurz.

2 Dr.Gonzo August 27, 2009 um 14:00 Uhr

Ich glaube, das leicht debile könnte an der Glasstärke von Talbots Brille gelegen haben ; ) Wenn ich mich recht erinnere, wurde dem swo da ganz anders…

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