Glasvegas – Interview

von Sterereo am 16. Mai 2009

in Interviews

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‚Glasvegas beklauen Kirche’

„Ich habe euch etwas mitgebracht zum Rätseln. Ein paar römische Zahlen“. Nach diesem Satz glotzen mich Caroline und Paul, als Schlagzeugerin und Basser die Rhythmusfraktion von Glasvegas, etwas verwirrt an. „Dieser ist einfach“, beschwichtige ich mit dem Finger auf den Zettel mit der „II“ deutend. „Two“, bricht Paul etwas verdutzt aus seinem schottischen Akzent heraus, während Caroline die Lippen spitzt und von einem Kärtchen zum Anderen blickt.

Paul: Ist ‚C’ Tausend?

Nee, Hundert.

Paul: Also ist ‚XC’ Hundertzehn?

Nicht ganz, du musst es abziehen.

Paul: Nicht Hundertzehn? Hm.

Caroline: Neunzig! (lacht) Was für ein bizarrer Beginn für ein Interview!

Selbst Schuld. Darauf habt ihr mich gebracht. Eure Reviews werden auf eurer Myspace-Seite in römischen Zahlen gezählt.

Caroline: In römischen Zahlen? Ach ja, das stimmt!

Einen haben wir noch: ‚LVIII’

Paul: (überlegt einen Moment): 58?

Richtig!

Caroline: High five!

Paul: Nein 58, nicht fünf! (Kalauerlachen:) Hoho!

Aber jetzt der Reihe nach: Die Zahl ‚II’ habe ich ausgesucht, weil es die Spitzenplatzierung von euerm selbstbetitelten Debütalbum im UK ist. Heißt das ich sitze hier zwei waschechten Popstars gegenüber?

Paul: Ja, wir waren absolut platt, als wir davon hörten. Wir waren knapp hinter Metallica. Die Leute haben uns gefragt: ‚Seid ihr enttäuscht, dass ihr Metallica nicht geschlagen habt?’ Hey, die spielen in einer Band seit 20 Jahren und haben 90 Millionen Alben verkauft (Genauer gesagt seit 28 Jahren mit über 100 Millionen verkauften Alben. Anm.)! Es ging also in Ordnung. Das konnten wir ihnen gerade so gönnen (lacht).

Vielleicht das nächste Mal!

Caroline: Das ist etwas, wonach es sich zu streben lohnt. (lacht)

Werdet ihr denn erkannt, wenn ihr in eurer Heimatstadt Glasgow ausgeht?

Caroline: Das seltsame ist, ich glaube es ist härter für James (Allen, der Sänger. Anm.). Ich glaube die Leute in Glasgow erkennen uns wohl, aber die sind einfach zu cool es zuzugeben und lassen es sich nicht anmerken. Sobald wir irgendwo anders außerhalb im UK unterwegs sind, kommen die Leute glücklich rufend auf uns zu. (Nachäffend:) ‚Ihr seid Glasvegas!’

Paul: Wenn wir zu viert unterwegs sind, dann erkennen sie uns meist schneller, als wenn ich jetzt alleine durch die Gegend laufe.

Das finde ich interessant. Also die Schotten sind eher distanziert?

Caroline: Zumindest auf offener Straße.

Paul: Die Schotten kommen eher vorbei und hauen dir direkt eins ins Gesicht. Das ist so ziemlich das Einzige, was sie machen würden. (beide lachen)

Mein Bruder, der das Review zur Platte geschrieben hat, vergleicht euer Album in seiner Besprechung mit ‚The Jesus & Mary Chain’. Mögt ihr solche Vergleiche?

Paul: Wir sind schon daran gewöhnt. Persönlich höre ich gerne The Jesus & Mary Chain und verstehe den Vergleich, aber ich denke wir sind melodischer. The Jesus & Mary Chain haben mehr Noise, so wie wir anfangs. Aber ich sehe die Zusammenhänge.

Bei allen Vergleichen zu eurer Musik, wie du die Drums spielst, Caroline, ist schon ziemlich einzigartig. Du stehst beim Spielen. Wer hat dir das beigebracht?

Paul grinst verdächtig

Caroline: So bin ich: Einzigartig. Ein-zig-art-ig! (lacht, dann:) Na ja. Eigentlich haben es mir die Jungs beigebracht.

Aus der Band?

Caroline: Jap. Jetzt willst du sicher wissen, wie das alles zusammenpasst. Nun, wir waren alle Freunde und sie wollten, dass ich ihr Schlagzeuger werde. Ich hatte vorher noch nie ein Instrument gespielt, geschweige denn Schlagzeug. Also habe ich zugesagt. Haha! Wir haben sehr langsam angefangen. Eine Trommel und ein Becken. Darauf haben wir aufgebaut. Jetzt habe ich eine Trommel, ein Snare, ein Tamburine und ein Becken. Ich bin auf der Spitze meines Spiels angekommen!

Wie waren denn die ersten Auftritte mit dir an den Drums?

Caroline: Sehr simpel. Absolut verrückt. Die haben mich gezwungen nach drei Wochen in der Band den ersten Auftritt zu spielen! Ich dachte nur: Scheiße!

Wie lief’s?

Caroline: Es lief! (lacht, Paul stimmt mit ein)

Paul: Wir sind irgendwie durch die Songs gekommen. Keiner weiß wie, aber wir haben es geschafft.

Du spielst also seit drei Jahren ein Instrument und scheiterst dann in den Charts knapp an Metallica?

Caroline: Die verrückteste Zeit meines Lebens! Viele Leute arbeiten sehr hart, um dorthin zu gelangen, wo wir sind. Wir haben auch hart gearbeitet, aber es gibt viele Neider.

Habt ihr eine Erklärung für diesen unerwarteten Erfolg?

Paul: Wir haben immer an uns geglaubt. An das, was wir getan haben. Sieh mal, wir haben dreieinhalb Jahre ohne Geld verbracht und für unsere eigenen Shows bezahlt. Natürlich ist es eine schöne Überraschung jetzt hier in Köln in der Sonne zu sitzen. Das sind Sachen, die dich unvorbereitet treffen.

Caroline: Auf so etwas ist man nie vorbereitet.

Paul: Wir waren schon immer sehr ehrgeizig. So wie mit dieser Weihnachts-EP (A Snowflake Fell (And It Felt Like a Kiss). Anm.). Wir hätten nicht nach Transsilvanien gehen müssen, um dort in einer Kirche aufzunehmen. Aber wir haben’s getan

Das ist auch so eine Sache. Wie könnt ihr euch überhaupt noch steigern? Ein Weihnachtsalbum in einer Transsylvanischen Kirche!

Paul: Du weißt gar nicht alles. Es war eine riesige Kathedrale. Wunderschön. Eine Menge Gold und Kerzen. (grinst:) Die Kerzenständer waren übrigens alle an den Tischen festgeschraubt. Die dachten sicher: ‚Jetzt kommen die Schotten und klauen hier alles weg’ (lacht). Jetzt hast du deine Überschrift für das Interview: ‚Glasvegas beklauen Kirche’.

Richtig, danke. Wie sieht es denn aus mit einem neuen Album?

Paul: Ich denke wir werden im Januar aufnehmen. In Los Angeles. Aber nicht in einer Kirche.

Caroline: Nee, damit sind wir durch.

Hey, wir haben noch die Ziffern. Erinnert ihr euch noch: ‚XC’?

Paul: Hundertzehn?

Caroline (lacht): Neunzig!

Paul: Achja!

Es steht für eine ganze Dekade. Die 90er. Mit Britpop und allem. Wie wart ihr so drauf in den 90ern?

Paul: Ich habe immer noch einige Freunde in Glasgow die nur zwei Alben haben: „Definitely Maybe“ und „What’s the Story (Morning Glory)“ – das war’s, keine andere Musik. Oasis hat den Leuten die Augen geöffnet. Es hat mir den Weg zu allen möglichen Musikrichtungen geebnet. Meine Lieblingsband aus dieser Zeit ist immer noch Pulp. Leider redet kaum jemand über sie. Wenn es um Britpop geht, hört man nur Blur und Oasis. Aber für mich stehen die Pulp-Songs besser da. Manches deren Sachen sind einfach großartig.

Welche Erinnerung hast du so an deine 90ern, Caroline?

Caroline: Sehr verschwommene, dank des Alkohols. (lacht)

Paul: Ja, in den 90ern habe ich auch zum Alkohol gefunden. Ich habe einen Großteil meiner Zeit betrunken verbracht. In einer 70s Bar – der einzige Ort an denen sie mir Schnaps verkauft haben.

Caroline: ‚Flairs’?

Paul (verdutzt): Ja!

Caroline (schreit): No way! Oh my god! (lacht, denn sie scheint den Laden zu kennen, kriegt sich nämlich nur schwer wieder ein)

Paul: Eigentlich habe ich also die 90er damit verbracht Boney M. zu hören.

Caroline (singt): Oh Daddy Cool!

Paul: Dazwischen aber noch großartige Konzerte gesehen.

Caroline: Ich habe auch eine Menge Gigs gesehen in den 90ern. Stone Roses, habe ich Blur gesehen? Nein, Blur nicht. Aber Oasis. The Jesus & Mary Chain. Wirklich gute Sachen. Ich war schon immer verrückt nach Musik.

Wenn wir von Oasis und The Jesus & Mary Chain reden, dann ist ein Mann nicht weit: Alan McGee. Ihr habt ihn getroffen?

Paul: Er ist ein guter Freund von uns.

Caroline: Ja.

Tatsächlich? Wie ist das so? Er hat quasi den Britpop entdeckt!

Caroline: He’s amazing.

Wie war denn eure erste Begegnung. Sicher sehr ehrfürchtig.

Paul: Er kam zu einer unserer Auftritte in Glasgow. Er stand im Hintergrund, doch direkt nach der Show ging er zu uns, mit einem Trenchcoat der hinter ihm her flatterte. Er sah aus wie Darth Vader (lacht). Das ganze Publikum machte Platz für ihn, es war sehr beeindruckend. Die Leute respektieren ihn unglaublich. Er ist ein großer Freund unserer Musik. James sagt, wir haben zwei große Fans. Seine Mutter und Alan McGee. Er hat James eine SMS geschickt und gefragt: ‚Was passiert mit dem Protagonisten von „It’s My Own Cheating Heart That Makes Me Cry“?’ Und James denkt: ‚Hey, der Song ist fertig. Ich habe keine verdammte Ahnung!’ Er macht sich mehr Gedanken darüber, als wir (lacht). Aber er schickt uns auch Urlaubgrüße von den Malediven, während wir im Dezember in Glasgow sitzen: Der Bastard! (lacht)

Seit wann kennt ihr euch? Schon vor dem Album?

Caroline: Lange vorher.

Paul: Alan war einer der ersten Menschen, die an uns geglaubt haben. So wie Carl Barât von den Libertines. Mit den Dirty Pretty Things hat er uns die Chance gegen zusammen aufzutreten.

Alan hat euch nicht nur im Stillen unterstützt sondern auch in der Öffentlichkeit gepriesen. Meinst du, das hat euch geholfen?

Paul: Definitiv.

Caroline: Ja!

Das bringt uns zur nächsten Ziffer…

Paul (diesmal blitzgescheit): 58!

Genau. Das ist die Nummer der Reviews, die ihr auf eurer Myspace-Seite gesammelt habt.

Paul: Ich kann es selbst kaum glauben, dass wir so viele Reviews haben. Ich dachte wir hätten so um die vier.

Caroline (zu mir:) Du hast wirklich deine Hausaufgaben gemacht. Du weißt mehr als wir!

Danke. Ihr hattet ein sehr positives Echo in der Presse. Lest ihr solche Reviews?

Paul: Eigentlich lese ich nichts über uns. Aber manche Leute in der Band, die jetzt nicht hier sind, lesen wirklich alles. Jeden Eintrag im Internet. Ich kann es kaum glauben, dass er es noch tut. Nein, aber ich lese keine. Denn einmal habe ich eine schlechte Review über uns gelesen und bin in Tränen ausgebrochen. (Macht eine heulende Mine, zieht die Knie an und wippt langsam vorwärts und rückwärts)

Caroline (lacht)

Und wie ist das mit den ganzen Auszeichnungen? ‚Best New Rock Band’ sagt der NME. Interessiert euch das?

Paul: Dazu erzähle ich dir was: Wir waren bei den NME-Awards nominiert für ‚Bestes Album’. Backstage sage ich zu James: ‚Ich hoffe wir gewinnen nicht, denn ich habe einen Pissefleck auf der Hose.’

Caroline (lacht sich schlapp)

Paul: ‚Ich kann nicht aufstehen und da hoch auf die Bühne gehen.’ Es ist immer eine Ehre nominiert zu werden, aber manchmal auch lästig. (grinst)

Habt ihr gewonnen?

Paul: Zum Glück nicht (lacht). Spaß beiseite. Wir haben alles ins Album gesteckt was wir hatten, wir können uns nichts vorwerfen.

Eine Ziffer habe ich hier noch zurück gehalten. Schaut es euch mal an.

Caroline: Nein, gib es nicht mir! Ich habe keine Ahnung davon! (Schaut auf einige ‚M’)

Paul (reibt sich den Bauch:) ‚MMMMMMMMMMMMMMMMMMMM’. Zwanzig davon. ‚M’? Ist das tausend?

Richtig. Denn wenn ihr nach Köln zurück kommt spielt ihr nicht im vergleichsweise kleinen Gebäude 9, sondern in der Kölnarena (jetzt LanxessArena) als Vorband von den Kings Of Leon.

Caroline: Das stimmt. Und da spielen wir vor 20 000 Leuten? Oh my god! Du bist gut. Ich wusste nichtmal das wir da spielen.

Paul: Ich auch nicht. Obwohl, gestern Abend hat jemand etwas angedeutet.

Die Erfahrung ist nichts Neues für euch. Ihr habt vor Oasis gespielt, jetzt den Kings of Leon und bald noch U2. Wie ist das so, vor tausenden von Leuten in einem Stadion zu spielen?

Paul: Eigentlich stehst du nur vor ungefähr 5000 Glatzköpfen, die darauf warten, dass Oasis kommt und rufen: ‚Runter mit euch!’ Nein, nein. Es ist wirklich atemberaubend. Wir machen viele Supportshows. Es ist nett, gefragt zu werden, aber es ist dann auch nicht unsere Show. Mittlerweile sind wir wählerischer geworden, mit wem wir spielen. Sonst haben wir jedem zugesagt. Sobald eine Band nur ein Album verkauft hat und uns fragte, waren wir sofort dabei und durften danach weinen, wie scheiße es doch war. Aber auf einer großen Bühne zu stehen, das ist immer überwältigend.

Caroline: Es ist eine tolle Erfahrung.

Paul: Alleine auf so einem Level mitzumischen und zu sehen, wie die Abläufe sind. Das ist cool. So wie demnächst mit U2, das wird wirklich…

Caroline: …bizarr. Einfach verrückt. Wir freuen uns drauf.

Paul: Ich hoffe nur wir müssen nicht mit Bono in Glasgow um die Häuser ziehen. Nicht das er auf die Idee kommt uns zu fragen, wohin man ausgehen kann, nur weil wir aus der Stadt sind. Mit Bono in die ‚Garage’! (lacht) Das ist ein ziemlich heruntergekommener Nightclub. Dort fühlen wir uns sogar ‚out of place’.

Nightclub, kein Stripclub?

Caroline und Paul unisono: Nein! (wieder lachen)

Die Vorstellung Bono mit seinem Cowboyhut und bunter Brille vor der Pole-Dance-Stange lechzend zu sehen, hebt vermutlich nicht nur meine Laune. Hier kommt aber auch schon die nette Tourmanagerin dazu und bemerkt spitzfindig: „Ihr hattet aber euren Spaß.“ Absolut!

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{ 3 Kommentare… read them below or add one }

1 RockinBen Mai 16, 2009 um 11:26 Uhr

Nils, Du bist ein großartiger Interviewer!

2 Sterereo Mai 16, 2009 um 17:26 Uhr

Uih! Vielen Dank für die Blumen!

3 RockinBen Mai 17, 2009 um 16:56 Uhr

Ehre wem Ehre gebührt!

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