Get Well Soon – Vexations

von am 23. Februar 2010

in Musik!

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Komische Welt, in der wir leben: Da ist „Vexations“ erst vor kurzer Zeit erschienen und man hat bereits das Gefühl, sich seit Monaten mit dem Thema beschäftigen (zu müssen). Get Well Soon scheinen bereits wieder durch zu sein: Jede Tages- und Fernsehzeitung, jedes Männer- und Frauenmagazin, Lifestyleheft und erst recht jedes Musikblog hat seinen Senf dazugegeben: „Wunderkind“, „Ausnahmeerscheinung in Deutschland“, „zu dick aufgetragener Schmalz“ versus „anspruchsvolle Popmusik“. Zu Konstantin Gropper muss einfach jeder eine Meinung haben, der mitreden will. Dann wird weitergezogen, schließlich steht die neue Massive Attack an. Klingt jetzt etwas zynisch, aber bei manchen Anlässen wäre es wünschenswert, wenn nicht unbedingt aus allen medialen Kanonen geschossen würde, die sich so bieten. Insbesondere wenn man versucht, sich auf die tieftraurige Dramatik einzulassen, auf die es Gropper konstant anlegt, erscheint der Rummel drumherum geradezu hysterisch sensationsgeil. Es stimmt schon nachdenklich, wenn eine eigensinnige, zugegebenermaßen qualitativ hochwertige Platte made in Germany dermaßen auf den Altar gelegt wird, nur weil sie sich vordergründig nicht sämtlichen Marketingstrategien beugt und ansatzweise so etwas wie künstlerische Eigenständigkeit demonstriert.

Was bleibt denn nun eigentlich übrig, wenn man nur noch die Musik für sich sprechen lässt? „Vexations“ sind 14 gehaltvolle Songs zwischen Zwielicht und Dunkelheit. Die melancholische Schwere kann allerdings bei dem Arrangement nur absichtlich herbeigeführt, ja geradezu zelebriert wirken. Man kann sich darauf einlassen, wie auf eine schöne Schnulze im Kino. Am Ende zückt man das Taschentuch, trocknet die Tränen der Rührung und geht vielleicht nicht gerade in die Eckkneipe auf ein Bier, aber doch zumindest ins gemütliche Kaminzimmer und trinkt einen Wein. Gropper generiert in seinen Songs Stimmungen, die nur auf den ersten Blick nicht alltagstauglich erscheinen. Es geht nicht um echte Depressionen, sondern um deren künstlerische Verwertung: Drama, Theater, Inszenierung. Die hier vertonten Emotionen folgen den strengen Regeln eines klassischen Bühnenstücks. Das alles wertet die Musik nicht im Geringsten ab – im Gegenteil. Allerdings macht es „Vexations“ eher zu einem Album, über das man sich gerne in Abendgarderobe austauschen möchte, als eines, das man wirklich lieb gewinnt und am liebsten nur für sich behalten möchte. Schließlich ist die Zuckermandelfee, die gelegentlich durchs Trauermarsch-Szenario huscht nur eine Märchenfigur: Symbolhaft, belehrend, inspirierend, aber nicht real. Ballett und Beerdigungen – zu beiden Anlässen trägt man schwarze Anzüge. Aber schick und stilvoll muss es sein. Get Well Soon können mit ihrem zweiten Album tief berühren, solange man die Etiquette nicht bricht.

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1 Hififi Februar 23, 2010 um 17:02 Uhr

Ich hatte eigentlich gar nicht vor, es mir anzuhören, aber nach dem Genuss dieser sehr lesenswerten Rezension werde ich es wohl doch tun (müssen).

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